Der Berg ruft: Mount Kinabalu, Teil 2

Der Berg ruft: Mount Kinabalu, Teil 2

Die Nacht ist kurz: Um 1:45 Uhr (!) klingelt der Wecker, doch die meisten sind sowieso schon wach, denn in der Hütte rumoren bereits sämtliche Wanderer lautstark. In der Nacht war es fast zu warm im Bett, so dass ich die Bettdecke von mir geworfen habe. Meine Befürchtungen, zu frieren, haben sich als unbegründet erwiesen.

Die Schlange am Frühstücksbüffet ist lang, was da alles zu dieser frühen Stunde aufgetischt wird! Ich begnüge mich mit einer Tasse Kaffee mit viel Zucker und ein paar Nudeln, um die Kohlehydrate-Reserven aufzufüllen. Alle kälteempfindlichen, asiatischen Wanderer sitzen bereits dick eingemummt im Daunenjacken, mit Sturmhauben, Wollmützen und Handschuhen im Frühstücksraum und hantieren mit ihren ausgefahrenen Stöcken herum.

Christianes Temperaturcheck draußen erleichtert mich: Es hat schnuckelige 15 Grad, und in langärmligem Funktionsshirt lässt sich der folgende Aufstieg wunderbar bewältigen. Um 2:30 Uhr marschieren wir los, nur das Licht unserer Stirnlampen beleuchtet den Weg, der direkt nach der Hütte in endlosen Treppen steil aufwärts steigt. Holzstufe um Holzstufe erklimmen wir in langsamem Tempo, das Bergführer Gabriel vorgibt. Alle paar hundert Meter machen wir Pause, ich verteile Traubenzucker und versuche, möglichst viel zu trinken, auch wenn ich bislang noch nicht ins Schwitzen gekommen bin. Die Höhe vertrage ich problemlos, auch wenn wir deutlich über 3.000 Höhenmetern stehen.

Nach knapp eineinhalb Stunden Aufstieg erreichen wir den Sayat-Sayat Checkpoint auf 3.700 Metern. Hier steht nicht nur das letzte Klohäuschen (mit funktionierender Spülung!), sondern auch ein Refugium der Nationalparkbehörde. Dort überprüfen zwei Angestellte die Wander-Genehmigungen, denn nur registrierte Wanderer dürfen überhaupt den Gipfelsturm wagen. Deren Zahl ist begrenzt, pro Tag dürfen nur maximal 135 Bergsteiger hinauf. Wobei nun, in der Nebensaison, nicht viel mehr als fünfzig bis sechzig unterwegs sein dürfen, wenn ich die lange „Ameisenstraße“ vor und hinter uns, die durch die Stirnlampen trotz finsterster Nacht bestens zu sehen ist, richtig einschätze.

Außerdem muss man diesen Checkpoint vor 5 Uhr morgens erreichen, da sonst keine Erlaubnis für den Gipfelanstieg mehr erteilt wird, da die nötige Fitness dafür offenbar fehlt.

Die Vegetationsgrenze haben wir ab diesem Punkt hinter uns gelassen, nun führt der Weg Gottseidank nicht mehr über Stufen, sondern über sehr griffige Granitplatten. Teilweise geht es so steil aufwärts, dass wir uns am dicken Seil hinaufhangeln müssen. Dieses Seil führt bis hinauf zum Gipfel und ist in bestem Zustand, so dass es wunderbar als Orientierungshilfe und Haltemöglichkeit dient.

Während setze mich vom Rest meiner Wandergruppe ab und schlage ein schnelleres, für mich angenehmeres Tempo an. Während sich die meisten Wanderer schwer keuchend senkrecht den Berg hinaufquälen und mit ihren hier völlig sinnlosen Stöcken hantieren, gehe ich gemütlich im Zickzack und erreiche nach einer weiteren Stunde, in der ich über weite Strecken praktisch keiner Menschenseele begegnet bin, ohne allzu viel Anstrengung die letzte Etappe.

Der Weg auf den Gipfel führt über große Felsbrocken, über die es teilweise auf allen vieren zu klettern gilt. Diese finale Anstrengung, deren einziger Orientierungspunkt das erwähnte Seil ist, dauert zum Glück nicht allzu lange, und um 5:30 Uhr stehe ich nach nicht ganz dreistündigem Aufstieg beim ersten anbrechenden Licht des Tages auf dem höchsten Gipfel Südostasiens auf 4.095 Metern.

Ich bin froh, dass meine Schuhe es bis hierhin geschafft haben, die ich notdürftig mit Pflastertape geklebt habe.

Nach einer knappen halben Stunde ist auch Christiane am Ziel, inzwischen ist die Sonne aufgegangen und der Trubel am Gipfel nimmt derart zu, dass man für das obligatorische Gipfelfoto inzwischen anstehen muss:

Es wird uns bald zu kalt, die Temperaturen liegen zwar bei gar nicht allzu arktischen +3 Grad, doch die Hände frieren, und so machen wir uns schnell an den Abstieg. Bei Tageslicht nehmen wir die Umgebung nun auch wahr und sind beeindruckt von den kargen Felsen und wie glatt poliert aussehenden Granitplatten, die zum Glück auch beim Abstieg griffig sind.

Daunenjacke, Fleece und Handschuhe verschwinden bald wieder im Rucksack, mit jedem Meter wird es deutlich wärmer.

Um 7 Uhr erreichen wir wieder den Checkpoint und erhaschen bald darauf auch einen Blick auf die Hütte, in der wir das Meiste unseres Gepäcks gelagert haben, um nicht Unnötiges mit auf den Gipfel tragen zu müssen.

Allmählich wird es wieder grün um uns herum, der Abstieg über die vielen Treppen ist deutlich angenehmer als der Anstieg, und wir erreichen um 8:15 Uhr, nach nur knapp zwei Stunden Abstieg, das Laban Rata Guesthouse.

Dort stärken wir uns mit einem zweiten Frühstück und viel gesüßtem Tee, ziehen uns frische T-Shirts an, packen unsere Ausrüstung zusammen und machen uns um halb zehn an den langen, langen Abstieg.

Denn nach den 800 Höhenmetern hinauf und hinunter warten nun weitere 1.500 Höhenmeter bergab auf uns. Der Weg zieht sich endlos über gut sechs Kilometer Strecke hinab, und wer denkt, dass so ein Abstieg ja mühelos ist, dem sei versichert: Er ist es nicht. Die Kräfte sind nach dem langen Weg am Tag zuvor, der kurzen Nacht und dem bereits erfolgten Auf- und Abstieg schon deutlich gemindert. Der Kopf mag nicht mehr, denn der gleiche Weg wie beim Aufstieg bietet nicht viel Neues. Die Muskeln verhärten sich zunehmends, und auch die Kniegelenke fangen nach zwei Stunden deutlich zu knirschen an – trotz Wanderstöcken, die nun endlich zum Einsatz kommen.

Zum Glück hilft mir ein spannendes Hörbuch dabei, bei guter Unterhaltung den Weg zu bewältigen. Immer wieder lege ich Pausen ein und warte auf Christiane, deren Beine merklich müde werden.

Endlich, gegen 13:30 Uhr, also nach knapp vier Stunden mit insgesamt eineinhalb Stunden Pause, erreiche ich den Ausgangspunkt, das Timpohon Gate. Davor gilt es, noch einmal fünfzig Stufen Aufstieg zu bewältigen, aber die Inschrift auf dem Tor motiviert: „Welcome Back, You are Successful Climbers!“

Meine Wanderschuhe haben tapfer und mit allerletzter Kraft durchgehalten und dürfen nun wohlverdient ihren Abschied nehmen. Sieben Jahre lang haben sie mich bergauf und bergab getragen, sind mit mir auf ungezählten Touren durch die Alpen, den pakistanischen Karakorum, auf den Kilimandscharo und durch Neuseeland gewandert. Vielen Dank dafür und ruhet sanft!

Nach einer weiteren halben Stunde kämpft sich auch Christiane die Treppe hoch und kann sich über das Ende der Wanderung noch gar nicht so richtig freuen, da die Beine schmerzen.

Ein Auto erwartet uns bereits und bringt uns zurück zum Haupteingang des Nationalparks, wo uns eine Urkunde über die erfolgreiche Gipfel-Besteigung ausgehändigt wird. Zwar mit falschem Namen, aber was solls.

Ein schnelles und spätes Mittagessen im Restaurant folgt, dann geht es per Auto zurück nach Kota Kinabalu. Den Großteil der Fahrt verschlafen wir. Wir checken wieder in „unserem“ Oikos Poshtel ein, die warme Dusche ist himmlisch, und die im Hotel hinterlegten frischen Klamotten mitsamt den Sandalen ebenfalls.

Wunderbarerweise befindet sich ein paar Stockwerke oberhalb unserer Unterkunft ein ziemlich schicker Massagesalon. Dort lassen wir uns anschließend eine Stunde die Anstrengungen der letzten zwei Tage aus den Muskeln kneten, das ist herrlich!

Per Grab-Fahrer geht es zum Night Market, der nicht besonders glamourös ist, dafür das Herz für Fisch- und Meeresfrüchte-Liebhaber höher schlagen lässt. Ich begnüge mich mit gebratenen Nudeln, während uns der Rauch der vielen offenen Grillfeuer um die Nase weht und Kleinkinder auf den Plastikstühlen schlafen.

Wir spazieren langsam ins Hotel zurück und fallen um halb zehn todmüde ins Bett. Am Sonntag geht es per Flugzeug wieder zurück nach Singapur, wo ich von Norman und Titus begeistert begrüßt werde und trotz schmerzender Beine eine abendliche Tanzeinlage leisten muss, denn das Kind ist immer noch im Oktoberfest-Fieber.


Fakten:

Wir haben die Tour 3D2N Mount Kinabalu Climb & Kinabalu Park Stay gebucht. Man kann den Kinabalu auch ohne eine zusätzliche Nacht im Nationalpark besteigen, das machen wohl die meisten. Allerdings war eben diese erste Nacht in dieser wunderschönen Villa mit dem Kaminfeuer wirklich ein Erlebnis, und sehr erholsam. Absolute Empfehlung also.

Termin:

Ebenso eine Empfehlung für den Termin: Im September ist es noch großteils trocken, da die Regenzeit noch nicht eingesetzt hat. Unsere Regenkleidung blieb jedenfalls ungenutzt im Rucksack, und wir konnten uns über bestes Wanderwetter erfreuen. Die Hauptsaison dauert von Juni bis August, dann muss man mit deutlich mehr Menschen am Berg rechnen.

Kosten:

Das Ganze hat uns pro Person rund 800 Singapur-Dollar (~ 550 Euro gekostet). Dazu kamen noch die Flüge (etwa 90 Euro pro Person), das Hotel in Kota Kinabalu (40 Euro pro Person) und zwei Mal Abendessen in Kota Kinabalu sowie die Taxifahrten vom/zum Flughafen. Alles andere war im Wanderpaket enthalten.

Ausrüstung:

Die Packlisten, die sämtliche Touranbieter auf ihren Webseiten (z.B. hier) veröffentlichen, sind absolut hilfreich. Mein knapp 30 Liter fassender Wanderrucksack war völlig ausreichend für die nötige Ausrüstung, auf ein Handtuch kann gut und gerne verzichtet werden, da es in sämtlichen Unterkünften frische Handtücher gibt.
Ein paar eigene Snacks (Energieriegel, Traubenzucker,…) sollte man auf jeden Fall mitbringen. Ebenso eine Wasserflasche oder einen Trinkbeutel und eigene Wasseraufbereitungstabletten. Das minimiert das Risiko von Magen-Darm-Erkrankungen und schont die Umwelt.
Unbedingt an Sonnencreme denken: Die Sonne auf dieser Höhe hat eine unheimliche Kraft:


2 Replies to “Der Berg ruft: Mount Kinabalu, Teil 2”

  1. Liebe Nadine,
    zunächst noch einmal mein allergrößter Respekt, daß du offenbar auch am Mount „Kanibali“ ein Zeichen deiner außergewöhnlichen Fitness gesetzt hast, wo mir doch noch die Worte deiner Mutter im Ohr klingen, welche Abneigung gegen das Wandern du hegst, freilich noch die Frage: was machst du denn ohne Schuhe, wohl doch nicht barfuss in die Berge, oder etwa doch ?
    Berg Heil, Peter

    1. Vielen Dank, lieber Peter! Schwere Wanderschuhe brauche ich in den kommenden zehn Monaten ja nicht, Bergtouren stehen nicht auf dem Weltreise-Programm. In München werde ich mir kommenden Herbst sicher neue zulegen.

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