Achtung, die hungrigen Geister kommen!

Achtung, die hungrigen Geister kommen!

Jedes Jahr im siebten Monat des chinesischen Mondkalenders, also meist zwischen August und September, findet das Geisterfest (Zhong Yuan Jie oder Hungry Ghost Festival) statt. In diesem Jahr fällt das Fest auf den gesamten Monat August, mit dem Höhepunkt am 15. August – schwerlich zu erkennen an den vielen Altären und Opfergaben an jeder Straßenecke.

Zu diesem Termin, glauben die chinesischen Buddhisten, öffnen sich die Pforten der Nachwelt, so dass deren Bewohner auf die Erde zurückkehren können.
Diese sogenannten Hungergeister sind die ruhelosen Geister der Verstorbenen, die sinnbildlich so ausgehungert nach weltlichen Dingen sind, dass sie niemals satt werden. In der buddhistischen Vorstellung haben Personen im Jenseits die gleichen Bedürfnisse wie im Diesseits. Deshalb kehren sie einmal im Jahr zurück, um von den Lebenden Essen und irdische Besitztümer einzufordern, die ihnen zu Lebzeiten verwehrt geblieben sind oder ihnen viel bedeutet haben.

Während des „Geistermonats” gelten strenge Regeln, schließlich wandeln Heerscharen von unsichtbaren Besuchern durch die Stadt. Große Feierlichkeiten wie Hochzeiten oder größere Anschaffungen sollten verschoben werden, denn diese könnten die umherirrenden Geister ablenken oder gar verstören. Dass man bei all den unsichtbaren Lauschern nicht schlecht über die Toten reden sollte, versteht sich von selbst. Von Alkoholgenuss ist abzuraten, wer betrunken ist, wird sonst ein leichtes Opfer von bösen Geistern, die sich einen neuen Körper suchen, um wieder am weltlichen Leben teilnehmen zu können. Und die Farben Rot und Schwarz sollte man für einen Monat aus dem Kleiderschrank verbannen, denn sie locken die Geister an.

Damit die Ahnen nicht ziellos umherwandern und gar für immer auf der Erde bleiben, ist die verbliebene Verwandtschaft höchst umtriebig, um dem Verblichenen sämtliche Wünsche zu erfüllen, mit denen er (oder sie) es sich dann im Jenseits gutgehen lassen kann und nicht dauerhaft seine Nachfahren belästigt. Vier Wochen lang gedenken die Buddhisten besonders hingebungsvoll ihrer Verstorbenen, stellen Lieblingsspeisen an kleinen Altären vor den Haustüren auf und verbrennen sogenannte Joss Paper („Höllengeld“) als Opfergaben. Meist sieht dieses Höllengeld tatsächlich aus wie Spielgeld, sämtliche verfügbaren Währungen kann man, auf buntes Papier gedruckt, erstehen, um es im Anschluss am Hausaltar zu verbrennen und dem Verstorbenen ein bisschen Bares mitzugeben.

Doch auch andere weltliche Güter werden sinnbildlich geopfert: Häuser, Autos, Fernseher, Kleidung, Handys, Luxus-Handtaschen – alles kann durch Verbrennen ins Jenseits transportiert werden. Da kein noch so liebender Abkömmling tatsächlich ein Auto verbrennen will, um des Vorfahren Seele Ruhe zu verschaffen, haben sich ganze Handwerksbetriebe in Singapur darauf spezialisiert, billige (und vor allem brennbare) Papier-Modelle aller nur vorstellbare Besitztümer herzustellen. Dabei kann ein detailgetreues Abbild des geliebten Motorrads oder der Villa dann schon ein paar
hundert Singapur-Dollar kosten – nur, um dann angezündet zu werden.
In jedem Stadtviertel und vor jedem Tempel finden sich diese kleinen Geschäfte, in denen die Joss Paper zusammen mit Räucherstäbchen und sonstigen Devotionalien erstanden werden können.

Es ist aber auch der Monat der Straßenkonzerte und Veranstaltungen, bei denen stets die erste Sitzreihe leer bleibt, denn sie ist für die Geister reserviert – wer trotzdem darauf Platz nimmt, gilt als verflucht. Die Musik wird bei diesen Getai (Mandarin für „Bühne“) noch lauter aufgedreht als sonst in Singapur üblich, um auch ja alle körperlosen Seelen anzulocken. Sänger, Tänzer, Puppenspieler oder ganze Opernensembles geben sich dabei mit möglichst kitschigen Auftritten die Ehre.

Am Ende des Geistermonats sollten sich die Verstorbenen dann aber endlich auf den Rückweg machen. Um ihnen den Heimweg zu erleuchten, werden überall lotusförmige Laternen auf Wasserflächen ausgesetzt. Sind diese irgendwann erloschen, bedeutet es, dass der Verwandtschaftsbesuch für dieses Jahr vorbei ist.

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