Geschichtsstunde: Singapur kapituliert

Geschichtsstunde: Singapur kapituliert

Dass der Zweite Weltkrieg nicht ein rein europäischer Krieg war, sondern tatsächlich Auswirkungen auf den gesamten Erdball hatte, lässt sich ja vielleicht anhand seines Namens erahnen.

Welche Dimensionen dieser Weltkrieg allerdings in Südostasien angenommen hat, ist wohl den wenigsten Europäern bewusst. Eventuell ist Pearl Harbour ein Begriff, aber dass Malaysia und Singapur in den erbitterten Kämpfen zwischen Japan und Großbritannien eine wichtige Rolle gespielt haben, war mir nicht bewusst – bis zu meinem Besuch im Museum „The Battle Box“ gestern Nachmittag.

Dieses befindet sich mitten auf dem Fort Canning Hill, dem ältesten besiedelten Ort Singapurs; archäologische Funde aus dem 13. und 14. Jahrhundert zeugen dort von ausgiebigen Handelsgeschäften mit ganz Asien. Sir Stamford Raffles befand diesen Hügel, von dem aus man einen ungehinderten Blick über Flussmündung, Meer und Land hat, ebenfalls geeignet, um dort ab 1823 sein Domizil zu errichten und den Regierungssitz zu etablieren.

Später gesellte sich das britische Militär dazu, der strategisch so günstige Ort wurde zu einer Festung umfunktioniert, mit Kanonen, Baracken und Offiziersheimen versehen. Deren Überreste sind heute noch zu besichtigen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde diese Festungsanlage noch vergrößert und modernisiert und 1936 mit einem unterirdischen Bunkersystem versehen, welches den obersten Entscheidungsträgern im Falle eines Angriffs oder einer Belagerung Zuflucht bieten sollte. Diese „Battle Box“ ist heute noch im Rahmen einer Führung zu besichtigen.


Denn sie ist Schauplatz eines der wichtigsten geschichtlichen Ereignisse im Pazifikkrieg: Die japanischen Truppen überrannten im Dezember 1941 Malaya (heute: Malaysia) praktisch in einem Blitzkrieg in nur 55 Tagen. Sämtliche britischen Verteidigungsversuche blieben erfolglos. Die Japaner nutzten kleine, wendige Panzer, mit denen sie auf den engen Straßen problemlos vorankamen. Ihnen folgte die japanische Artillerie – auf Fahrrädern.
Die Briten hatten nichts entgegenzusetzen, denn über dschungelgeeignete Fahrzeuge oder gar Panzer verfügten sie nicht, und die Soldaten waren zu Fuß unterwegs und damit deutlich langsamer als die japanischen Truppen, so dass herbe Verluste an Mensch und Material zu verzeichnen waren.

Der Rückzug endete an der Straße von Singapur, Japan hatte ganz Malaya von Nord nach Süd erobert, und so zogen sich die Britischen Truppen nach Singapur zurück und zerstörten dabei die einzige Brücke, den heute noch bestehenden Causeway.

Die Lage war mehr als kritisch: Da Großbritannien in Europa alle Hände voll mit Hitler-Deutschland zu tun hatte, konnte es kaum die angefragten militärischen Mittel bereitstellen. Die nur zwei entsandten Kriegsschiffe wurden ebenfalls im Dezember 1941 von der japanischen Luftwaffe bombardiert und sanken, von den 600 angeforderten Flugzeugen kamen nur 180 in Singapur an, von denen die Hälfte ebenfalls sofort zerstört wurde, noch bevor sie überhaupt an Kampfhandlungen teilnehmen konnten.

Also verbarrikadierte sich die britische Militärführung Anfang Februar 1942 im Bunker von Fort Canning, um mögliche Strategien zu entwickeln. Die Battle Box bot eigentlich ausreichend Platz mit ihren 23 Räumen, doch füllten sich diese im Lauf dieser „heißen Phase“ mit dreihundert bis fünfhundert Angehörigen der Streitkräfte. Eine moderne Luftzirkulationsanlage versorgte die Insassen mit gefilterter Luft, so war man vor möglichen Giftgasangriffen gefeit, doch gegen die unerträgliche Hitze neun Meter tief unter der Erde half sie nicht. Die wenigen Toiletten waren bald verstopft und unbrauchbar, und die Laune war sicherlich auch angesichts der schier aussichtslosen Kriegslage nicht die beste.

Oberbefehlshaber Lieutenant General Arthur Percival hatte eine schwierige Entscheidung zu treffen, nachdem am 9. Februar 1942 die japanischen Truppen trotz ihrer zahlenmäßig massiven Unterlegenheit tatsächlich Singapurer Boden betreten und die Stadt bis auf das Gebiet rund um den Fort Canning Hill besetzt hatten. Die britischen Truppen waren damit von sämtlichem Lebensmittel-, Wasser-, Benzin- und Waffennachschub abgeschnitten und eine Lösung musste innerhalb weniger Tage gefunden werden.

Aus London kam von Winston Churchill persönlich die Order, dass Singapur in jedem Fall gehalten und verteidigt werden müsse, notfalls bis zum letzten Mann der 120.000 starken Streitkräfte. Und ebenfalls notfalls auf Kosten der Zivilbevölkerung.

„There must at this stage be no thought of saving the troops or sparing the population. The battle must be fought to the bitter end at all costs.“ („Zu diesem Zeitpunkt darf nicht daran gedacht werden, die Truppen zu retten oder die Bevölkerung zu schonen. Die Schlacht muss um jeden Preis bis zum bitteren Ende geführt werden.“)

Winston Churchill, 10. Februar 1942

Nachdem diverse Pläne, die besetzten Gebiete zurückzuerobern, verworfen worden waren und die Japaner unaufhörlich vorrückten, berief Percival in der Nacht vom 14. auf den 15. Februar 1942 eine dringende Besprechung ein. Nach nur fünfzehnminütiger Beratung wurde trotz deutlich überlegener britischer Truppenstärke beschlossen, sich Churchills Vorgabe zu widersetzen – und zu kapitulieren.

Am Morgen des 15. Februars 1942 verließ Percival in Begleitung eines Übersetzers und zweier Kommandeure den immer noch uneingenommenen Bunker, um den Oberbefehlshaber der japanischen Truppen, General, Yamashita, auf neutralem Boden zu treffen und über die Bedingungen der Kapitulation zu verhandeln. Natürlich schwenkte man dabei die weiße Fahne. Leider erfolglos: Yamashita bestand auf einer bedingungslosen Kapitulation, die nach zwei Stunden Gesprächsdauer denn auch von beiden Seiten unterzeichnet wurde. Der Kampf um Singapur war damit beendet.

Im Königreich wurde die Kapitulation mit Entsetzen aufgenommen:

“ […] The worst disaster and largest capitulation in British history.“ („Das schlimmste Desaster und die größte Kapitulation der britischen Geschichte“).

Winston Churchill, 15.2.1942

In den darauffolgenden Tagen kamen 80.000 britische Soldaten (viele von ihnen aus Australien und Indien) in Kriegsgefangenschaft, die Jahre andauern sollte. Die britische Zivilbevölkerung wurde großteils interniert. Dieses dunkle Kapitel in Singapurs Geschichte, das bis heute ein traumatisches Erlebnis für die Bewohner ist, dauerte bis zum Abzug der Japaner im Herbst 1945.

Und auch England knabberte lange an dieser Niederlage; Churchill soll noch Monate später gesagt haben:

„I cannot get over Singapore.“ (Ich komme über Singapur nicht hinweg.“)

Winston Churchill

Zurück zur Gegenwart: Diesen geschichtlichen Abriss verdanke ich tatsächlich nur meinem Besuch in der „Battle Box“ – und der großartigen Führung dort, denn nur mit einem erfahrenen Museumsmitarbeiter darf der Bunker überhaupt besucht werden.

Im Museum selbst sind sämtliche Räume im Originalzustand belassen bzw. wieder hergestellt. Sämtliche Strippenzieher wie Percival und seine militärischen Berater und die Kommandeure sind täuschend echt als Wachspuppen anwesend, sitzen konzentriert am Besprechungstisch und schauen sorgenvoll auf Landkarten mit Truppenbewegungen.

Neben den manchmal beklemmend wirkenden Räumlichkeiten sorgen kurze Einspielfilme mit zeitgenössischem Film- und Tonmaterial dafür, dass sich die Besucher in die Geschichte der Kapitulation von Singapur einfühlen können – und eben erstaunlich viele historische Informationen erhalten, die mir bislang unbekannt waren. Unser Guide Joanna ergänzte diese durch wirklich fundiertes Detailwissen – das bei mir dermaßen hängenblieb, dass ich beim abschließenden Quiz die Preisfrage als erste richtig beantwortete und als Gewinn eine Kopie der Kapitulationsurkunde Japans von 1945 mit nach Hause nehmen durfte. Dieser Museumsbesuch hat sich mal wirklich gelohnt!

6 Replies to “Geschichtsstunde: Singapur kapituliert”

  1. Ich bin wieder einmal total begeistert. Eine kleine Erweiterung des Geschichtswissens. Und es zeigt sich mal wieder, welchen Mehrwert Museen haben. Wir hatten im Unterricht auch nur dank dem dann leider sehr schnell an Alzheimer erkrankten Lehrer vom weit entfernten Südostasien zur Zeit des WW II erfahren. Er hatte ein gewisses Faible dafür. Ansonsten schaut man hier gerade in Geschichte und Politik doch mehr auf Gegenden/ Staaten, die einem (wirtschaftlich) näher liegen. So kommen einem die Auswirkungen des WW II doch etwas räumlich begrenzt vor in der Vorstellung.

    Eine schöne Restwoche!

    Franziska

    1. Vielen Dank! Ich bin auch noch ganz ergriffen von den Geschichten um Singapurs Kapitulation und wälze gerade Dokus und Sachbücher zu diesem Thema. Wie toll, dass Du einen so weitblickenden Lehrer hattest!
      Beste Grüße, Nadine

    1. Liebe Frauke, vielen Dank für den Tipp! Fort Siloso kenne ich tatsächlich noch nicht, das wird definitiv das nächste Ausflugsziel!
      Liebe Grüße, Nadine

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