Happy Wife, Happy Life: Anforderungen an eine Expatehe

Happy Wife, Happy Life: Anforderungen an eine Expatehe

Vor über einem Jahr schrieb ich einen Beitrag, für den ich unerwartet viele Rückmeldungen bekommen habe. Darin ging es in erster Linie darum, wie ich mich als „Mitgereiste“ in der neuen Heimat Singapur neu erfinden muss, und in welche finanzielle Abhängigkeit ich mich mit diesem Abenteuer begeben habe.

Mit zeitlichem Abstand betrachtet, bleibt der wesentliche Inhalt genauso aktuell wie vor einem Jahr. Konkret hat sich zwar einiges verändert: Ich habe meinen Platz und meine Aufgaben in Singapur gefunden, verdiene auch ein bisschen eigenes Geld und genieße noch viel mehr meine berufliche Ungebundenheit, da ich weiß, dass dieses Vergnügen ein befristetes ist. Ich bin mir mehr und mehr bewusst, wie privilegiert wir sind, dass wir so eine Erfahrung machen dürfen.
Trotz aller Unsicherheiten hadere ich nicht eine Sekunde damit, dass wir uns auf das Abenteuer Ausland eingelassen haben. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass ich in einer guten Partnerschaft lebe!

Denn eine stabile Beziehung ist das A und O, lässt man sich als Paar auf das Abenteuer Ausland ein. Will nur der eine seine Karriere durch eine Entsendung vorantreiben und der (bzw. in der Realität: die) andere geht eher unwillig mit, steht der Expat-Ehe eine schwere Zeit bevor. Über ein solches einschneidendes Projekt sollte gemeinsam entschieden werden – und zwar gleichberechtigt. Dabei darf nicht nur die Karriere im Vordergrund stehen, oft genug werden nämlich unbewusst die Daumenschrauben angelegt, wenn vom künftigen Mehrverdienst und der möglichen Beförderung im Anschluss die Rede ist. Sorgen und Ängste aller Familienmitglieder sollten gehört und ernst genommen werden.
Inzwischen haben auch die entsendenden Unternehmen erkannt, wie wichtig es dabei ist, auch den Partner „mit ins Boot“ zu holen. Denn ist der Rest der Familie unglücklich, wird häufig frühzeitig abgebrochen oder gar gekündigt, und das kostet Unternehmen viel Geld.

Im Bekanntenkreis gibt es allzu viele Beispiele, wie solch eine fordernde Erfahrung Krisen heraufbeschwört. Unzufriedenheit und Unsicherheit sorgen schneller für Rissen im Beziehungsgerüst als in der Heimat, denn der Lebensgefährte ist anfangs die einzige Ansprechpartner und Puffer für das Gefühlschaos.
In unserer Nachbarschaft ist die erste Ehe bereits in die Brüche gegangen, andere Frauen reisen nach wenigen Monaten mitsamt den ebenfalls im neuen Umfeld unglücklichen Kindern zurück in die Heimat und versuchen ihr Glück mit einer Fernbeziehung, und wieder andere arrangieren sich so gut wie möglich in der Ehe, ohne dabei wirklich glücklich zu sein.

Aber wie sieht das denn bei uns konkret aus?


  • Zunächst einmal wurde die Entscheidung, nach Singapur zu ziehen, gemeinsam getroffen. Schon seit mehr als zehn Jahren hatten wir beide (!) auf eine solche Gelegenheit gehofft, und deshalb fühlte es sich von Anfang an richtig an, sich auf den Umzug und Neubeginn einzulassen.

  • Risiken und Sorgen wurden vorab so gut wie möglich abgeklärt. Wer kümmert sich um meine private Altersvorsorge, wenn mein Gehalt wegfällt? Wie regeln wir den Verdienstausfall – soll ich mir einen Job suchen oder geht es erst einmal ohne? Schafft unser Sohn die Eingewöhnung? Jeder von uns hätte bis zur Vertragsunterzeichnung – (zugegebenermaßen war dieser Zeitraum nur sehr kurz) jederzeit einen Rückzieher machen können.
    • Letzten Endes waren die oben genannten „Sorgen“ nur Kleinigkeiten – denn im großen und ganzen waren wir uns einig, dass ein Lebenstraum in Erfüllung geht. Deshalb haben wir die Entscheidung für Singapur keine einzige (!) Sekunde bereut.

  • Das ist aber sicher Typsache – auch darüber sollte man sich vorab im Klaren sein. Ist der mitreisende Partner eher introvertiert, tut sich schwer mit der Sprache in der neuen Heimat oder braucht lange, um Kontakte und Freundschaften zu knüpfen, muss ich mir das als Lebensgefährte vorab bewusst machen. Denn ändern wird sich mein Partner sicher nicht. Stattdessen können beide Partner anfangs versuchen, Dinge gemeinsam zu unternehmen (z.B. regelmäßige Lunch-Verabredungen, bei denen man die Kollegen kennenlernt, ein gemeinsames Hobby wie Chor, Teamsport oder Buchclub). Das hilft – aber am meisten hilft, sich bewusst zu machen, vor welchen Herausforderungen der oder die Liebste gerade steht, und Verständnis dafür aufzubringen.
    • Dieses Problem stellte sich uns erst gar nicht, da wir beide sehr anpassungsfähig und selbstständig sind – und zu unserer großen Freude auch unser inzwischen vierjähriger Sohn diese Eigenschaften geeerbt hat.

  • Macht Euch vorab (!) klar, dass Ihr nach der Entsendung in zwei Parallelwelten eintaucht, wenn nur einer der Partner in der neuen Heimat arbeitet. Für den ist der Übergang nämlich ein recht schmerzloser. Als Folge davon kann es leicht passieren, dass man als Paar wenig Verständnis für den Alltag des jeweils anderen hat. Schließlich gibt es kaum Berührungspunkte im Alltag, und die Herausforderungen im jeweiligen täglichen Leben sieht der andere gar nicht.
    • Mein Mann zieht sich morgens den Anzug an und verlässt nach dem Frühstück das Haus, um per U-Bahn ins Büro zu fahren. Dort verbringt er zehn oder mehr Stunden, kommt nach Hause, isst mit uns zu Abend und sitzt daheim noch am PC oder guckt mit mir eine Serie. Außer der Tatsache, dass die Dienstreisen nun nach Kuala Lumpur, Bangkok und Jakarta führen und er temperaturbedingt auf das Sakko verzichtet, ähnelt der Berufsalltag dem in München fast bis ins letzte Detail.
    • Mein Alltag wurde dagegen komplett auf den Kopf gestellt: Sämtliche organisatorischen Dinge lagen komplett bei mir – denn mein Mann saß ab dem ersten Tag unseres Umzugs im Büro. Verhandlungen mit Möbelpackern und Hausmeistern, Handwerkern und Telefonanbietern, Termin beim Meldeamt, Kindergarten-Besichtigungen meisterte ich alleine, und durfte nebenbei noch unserem Sohn die neue Umgebung schmackhaft machen. Mit der Kündigung meines Jobs und dem neuen Alltag als „Hausfrau“ musste ich mir erst einmal neue Aufgabe suchen. Dass ich das alles geschafft habe, macht mich unheimlich stolz und gibt mir das Gefühl, eine wichtige Daseinsberechtigung gefunden zu haben – auch ohne Erwerbstätigkeit.
  • Vor unserer Abreise war uns diese Problematik gar nicht bewusst. Es hat also seine Zeit gedauert, bis wir den von so vielen neuen Eindrücken schwirrenden Kopf freibekommen haben, um zu erkennen, welche Leistungen der Partner tagtäglich vollbringt. Wir nutzen meist das gemeinsame Abendessen, um uns von unserem Tag zu erzählen, aber ehrlich gesagt kommen diese Gespräche häufig zu kurz, schließlich fordert Titus auch seine Papa-Zeit ein. Also leben wir unter der Woche auch manchmal aneinander vorbei. Dann ist es umso wichtiger, sich am Wochenende oder spätestens bei regelmäßigen Auszeiten „auf Linie“ zu bringen.
    Hilfreich ist dabei, dass wir ein paar gemeinsame Hobbys teilen. Beim Tauchen, Wandern oder Skifahren teilen wir unsere Interessen, und können wieder so zusammen sein, wie wir es waren, bevor wir Eltern wurden. Sobald wir die Möglichkeit haben (z.B. durch Babysitter-Dienste unserer zahlreichen Besucher), gehen wir zusammen aus und fordern Paar-Zeit ein. Das kommt vielleicht nur alle zwei Monate mal vor, ist aber dann umso schöner.

Natürlich führen wir keine Bilderbuch-Ehe, ganz im Gegenteil gibt es ziemlich viele Reibungspunkte in unserem Alltag. Aber diese beziehen sich eben vor allem auf unseren Alltag und nie auf unser Leben in Singapur.

Das wichtigste und herzerwärmendste Zusammengehörigkeitsgefühl stellt sich bei mir allerdings bei gemeinsamen Urlauben ein. Bei jeder Reise stellten und stellen wir fest: Uns auf andere Länder und Sitten einzulassen, neugierig zu sein, zu organisieren, zu entscheiden, …. – das können wir gut, das ist genau unser Ding. So schwierig der Alltag manchmal ist: Auf Reisen sind wir ein perfekt eingespieltes Team. Wenn ich mir das regelmäßig bewusst mache, kommt das unserer Beziehung – und damit auch unserem Auslandsaufenthalt – immens zugute.

Außerdem tut es uns gut, immer ein neues, großes Ziel vor Augen zu haben. Nicht einfach nur vor uns hin zu leben, sondern gemeinsam Vorfreude und Vorbereitungen teilen, belebt unsere Beziehung ungemein. Denn wie schon anfangs geschrieben: Große Entscheidungen werden gemeinsam getroffen und die damit verbundenen Aufgaben gemeinsam angegangen. Langeweile kann so gar nicht erst aufkommen.
Deshalb setzen wir einen lange gehegten, gemeinsamen Traum um, wenn unsere Expat-Zeit im Januar 2020 zu Ende geht: Wir nehmen uns als Familie eine sechsmonatige Auszeit und machen wir uns auf dem Landweg auf die Rückreise nach München – wo sicherlich neue Abenteuer auf uns warten!


Dieser Text ist in Folge des Denkanstoßes von Lilli entstanden. Sie schreibt auf ihrem Blog Expatehe über die Herausforderungen von Partnerschaften im Ausland.
Ich habe unseren 17. Jahrestag und baldigen 7. Hochzeitstag zum Anlass genommen, über die partnerschaftlichen Schwierigkeiten und Chancen bei einer Auslandsentsendung zu schreiben.

10 Replies to “Happy Wife, Happy Life: Anforderungen an eine Expatehe”

  1. na, wenn das keine Selbsterkenntnis ist, im berühmten 7. Jahr ? dann wünsche ich nur, daß das ungetrübt so bleiben möge !
    sagt ein alter Greis

  2. Einfach cool, liebe Nadine, inspiriernd! Vor allem das mit der Rückreise auf dem Landweg! Fast hätten wir jetzt bei unserer kleinen Elternzeit-Reise nach Neuseeland einen Stopover in Singapur gemacht, dann hätten wir schön kaffeetrinken gehen können, aber leider waren dann die Flüge über Dubai viel günstiger. Aber dann halt 2020 mal wieder in München?!

    1. Vielen Dank, liebe Maria! Von Eurer Reise habe ich auf FB gelesen – toll, Ihr macht das genau richtig. Neuseeland hat uns auch sehr gefallen, Titus möchte am liebsten sofort und für immer im Camper Van wohnen.
      Auf jeden Fall sehen wir uns ab Herbst 2020 wieder in München! Beste Grüße bis dahin!

    1. Vielen Dank, liebe Lilli – vor allem für den Anstoß, meine Erfahrungen zu diesem Thema endlich einmal in Worte zu fassen!

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