Friedhöfe in Singapur – eine letzte Ruhestätte?

Friedhöfe in Singapur – eine letzte Ruhestätte?

Nach unserem Besuch auf dem Bukit Brown Cemetery vor vier Wochen habe ich ein wenig auf „Friedhofs-Tour“ begeben, denn dieser fast verlassene letzte Ruheort hat mich schwer beeindruckt.

Früher hatte jede Volksgruppe im kulturellen und religiösen Schmelztiegel Singapur einen eigenen Friedhof. Dieses Gebaren musste im 20. Jahrhundert aber aufgegeben werden, dafür gab es keinen Platz mehr. Muslime, Buddhisten, Christen und sämtliche anderen Religionsangehörigen teilen sich nun die wenigen verfügbaren Plätze auf den ausgewiesenen Friedhöfen – ohne Garantie, dass sie dort bis in alle Ewigkeit ruhen dürfen. Gab es 1978 noch 213 Friedhöfe, existiert heute nur noch ein einziger. Denn Singapurs stetig wachsender Bedarf nach Bebauungsflächen macht auch vor den Toten nicht Halt. Unzählige ehemalige Begräbnisstätten wurden zu Bauplätzen erklärt, Tausende von Gräbern umgebettet oder gleich dem Erdbeben gleich gemacht.

wurden zu Bauplätzen erklärt, Tausende von Gräbern umgebettet oder gleich dem Erdbeben gleich gemacht.

Der Stadtteil Tiong Bahru (Hokkien/Malaiisch: „Neuer Friedhof“) verrät sogar in seinem Namen, dass er auf einem ehemaligen chinesischen Friedhof errichtet wurde. Die großen Kaufhäuser entlang der Einkaufsmeile Orchard Road stehen auf aufgegebenen Teochew-Grabstätten, bei jeder Tiefbauaktion werden Grabsteine zutage gebracht, die in den letzten zweihundert Jahren überbaut wurden.

Auf dem Fort Canning Hill wurden ab 1819 Christen begraben, darunter viele Deutsche, die im Auftrag von Handelsgesellschaften und Reedereien nach Singapur beordert wurden. 1865 war das von einer Mauer eingefasste, etwa 600 Gräber fassende Gelände überfüllt, der Friedhof wurde aufgegeben und das Gelände nach Singapurs Unabhängigkeit in einen Park umgewandelt. Die noch intakten Grabsteine wurden kurzerhand in die Überreste der ehemaligen Friedhofsmauer eingebaut und können dort heute noch besichtigt werden.

Aber auch heute gibt es keine Garantie, dass die letzte Ruhestätte auch wirklich die letzte bleibt. Aktuell gibt es gleich zwei Friedhofs-Baustellen in Singapur:
Der altehrwürdige Bukit Brown Cemetery, ehemals größter chinesicher Friedhof, beherbergte bis in die 1970er Jahre mehr als 100.000 Gräber (die ältesten davon von 1833), in denen Abkömmlinge der wohlhabendsten Familien der Stadt, Politiker und Honoratioren neben ganz gewöhnlichen Gemeindemitgliedern ruhen.


Noch kann man die verbleibenden Grabstätten besuchen, die inzwischen von einer Großbaustelle umgeben sind, denn hier soll die neue, achtspurige Stadtautobahn hindurchführen. Seit 2011 wird gegraben und asphaltiert, was das Zeug hält, der Großteil der Gräber wurde ausgehoben und eingeäschert. Nur einer engagierten Bürgerinitiative ist es zu verdanken, dass 1.300 Gräber auf ihrem ursprünglichen Platz verbleiben dürfen.
Erreicht man zwischen Kränen und Baggern den Eingang, findet man sich bald in einem verwunschenen Park wieder. Die Natur hat sich den Friedhof zurückerobert, Grabsteine versinken in der weichen Erde und verschwinden in der üppigen Vegetation des subtropischen Regenwalds. Insekten und Vögel in großer Zahl locken Naturfreunde an, Schlingpflanzen wuchern über den Grabsteinen, die Wege sind teilweise bereits zugewachsen und bemoost.


Nur ein paar wenige Ehrenamtliche kümmern sich mehr schlecht als recht um die Instandhaltung, Hobbyforscher gehen auf die Suche nach ihren Ahnen, und findige Stadtführer locken mit nächtlichen Geistertouren.

2017 verkündete die Urban Redevelopment Authority (URA), dass insgesamt 80.000 Verblichene auf dem heute noch genutzten Friedhof von Choa Chu Kang für die Erweiterung der Tengah Air Base exhumiert und kremiert werden, damit im Jahr 2030 der Paya Lebar Militärflugplatz dorthin verlagert werden kann. Noch bis 2020 können sich Angehörige melden und eine Umbettung veranlassen. Neuzugänge bekommen nur noch auf 15 Jahre limitierte “Liegeplätze” und werden anschließend feuerbestattet. Wer es sich leisten kann – das betrifft vor allem muslimische Glaubensangehörige, deren Religion unbedingt eine Erdbestattung vorschreibt – nimmt da lieber gleich die Kosten für eine Überführung zur Verwandtschaft in die Nachbarländer in Kauf.

Vermutlich wird Singapur irgendwann einmal eine Stadt ganz ohne feste Grabstätten sein, damit die stetig wachsende Bevölkerung untergebracht werden kann.

2 Replies to “Friedhöfe in Singapur – eine letzte Ruhestätte?”

  1. Erwähnte ich schon einmal dir gegenüber, das ich zumindest viele Freidhöfe liebe? Viele haben ja eine Geschichte, in diesem Fall die eingefügten Grabsteine in die Friedhofsmauer. In Ebeltoft (DK, Ostseeseite), die es an der Friedhofsmauer aufgereihte, aneinandergelehnte Grabsteine. Blick auf die Ostsee frei Haus!
    Du hast einen Nerv getroffen. Mal wieder.

    Ich erhole mich von einer desolaten Woche, angefangen bei EKG und Blutbild am Montag mit Verdacht (meinem) auf Herzinfarkt. So ein ekliges Gefühl wünsch ich wirklich nur einem! Stellte sich als mein Halswirbelsyndrom heraus, hat sich nur mal eben deutlicher gemeldet. Facepalm. Mein armer Arzt! Ansonsten inhalieren wir alle in dem Büro den Dreck aus dem Teppich. Meine Haut ist fast immer rot. Kann ja nur besser werden! Lach. In diesem Sinne, Gläser hoch, ich feiere diese strange Woche und den Sonnenschein! Ihr habt hoffentlich lustigeres zu erzählen. 🙂

    Eure Frühmorgens-Leserin Franziska

    1. Ich finde Friedhöfe auch besonders interessant, dort herrscht immer eine ganz spezielle Stimmung. Mein „Lieblingsfriedhof“ ist der Protestantische Friedhof in Rom, dicht gefolgt vom Alten Nordfriedhof in München.

      Dir geht es inzwischen hoffentlich besser – Verdacht auf Herzinfarkt klingt gar nicht gut!
      Herzliche Grüße und frohe Ostern,
      Nadine

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