Ein Wochenende in Malakka

Ein Wochenende in Malakka

Nun also Malakka. Lebt man in Singapur, gehört es fast schon zum guten Ton, mindestens einmal die Reise in das malaysische Städtchen an der Westküste anzutreten. Den Besuch meiner Freundin Franziska nutze ich also, um endlich auch die sagenumwobene Kolonialstadt mit der bewegten Geschichte zu besuchen.
Gehört habe ich über Malakka von unseren Bekannten in Singaupr schon viel, praktisch jeder scheint bereits dort gewesen zu sein: mit Geschichten über stundenlange Wartezeiten am Grenzübergang, überfüllte Gassen und Märkte, brütende Hitze und mit vielen „Das musst Du Dir unbedingt anschauen“-Tipps ausgestattet fühle ich mich bestens vorbereitet.

Mit dem Reisebus machen wir uns am Freitag Morgen auf den Weg. Das Innere des Busses erschlägt uns fast mit seiner Plüschigkeit, wir nehmen unsere reservierten Plätze ganz vorne ein und sind kaum darauf eingestellt, dass wir nach genau vier Stunden Fahrt planmäßig unser Ziel erreichen.

Zu Fuß machen wir uns von der Bushaltestelle auf Richtung Hotel, die Sonne brennt uns auf den Kopf und trotz leichtem Gepäck kommen wir ganz schön ins Schwitzen. Zum Glück liegt das Rucksack Caratel Hotel nur einen kurzen Marsch von der Altstadt entfernt. In der gekühlten Lobby müssen wir uns erst einmal von der Anreise erholen, trinken einen Kaffee und beziehen unser kleines, aber sehr feines Zimmerchen und sind anschließend bereit für eine erste Stadtbegehung.

Diese führt uns vorbei am ziemlich verlassenen ehemaligen holländischen Friedhof – Malakka war ein wichtiger Handelshafen der Ostindischen Kompanie, die sich diesen 1641 von den Portugiesen erobert hatten.

Der Weg über den Bukit St. Paul ermattet uns so, dass wir uns im Kaufhaus gegenüber erst einmal abkühlen müssen – und das geht am besten bei einer ausgiebigen Pediküre.

Nach einer Stunde dort sind wir durchgefroren und machen uns auf, die Jonker Street zu erkunden. Die Innenstadt von Malakka gehört seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe mit ihren historischen Bauten. Am Wochenende verlagert sich das Leben nach draußen, denn dann findet der legendäre Night Market statt. Den lassen wir uns natürlich nicht entgehen, und wir werden nicht enttäuscht. Stände mit Haushaltswaren, Schmuck und Kleidung wechseln sich ab mit lokalen Köstlichkeiten, die wir ausgiebig verkosten.

Vor allem Popiah haben es uns angetan, ebenso wie die köstlichen Putu Piring zum Nachtisch.

Wir lassen uns treiben, trinken ein Bier im Governor’s Café und schauen den einheimischen Senioren bei ihrem abendlichen Vergnügen zu: Karaoke. Und zwar auf der großen Showbühne. Chinesische, malaiische, indische und internationale Hits werden zum Besten gegeben, die Warteschlange für den Auftritt ist lang und alle haben ihren Spaß, Zuschauer wie Künstler.

Nach einer etwas kurzen Nacht gehen wir das Besichtigungsprogramm am Samstag denn ernsthaft an. Wir besuchen den ehemaligen Hauptsitz der Niederländer (Stadthuys), die berühmten historischen roten Häuserfassaden der Altstadt und die hübschen Fassaden entlang des Malacca Rivers.

Da Franziskas Füße bereits diverse Blasen aufweisen, werden flugs neue Schuhe erstanden, bevor wir dem Baba & Nonya Museum einen Besuch abstattet. Malakka war und ist neben Singapore und Georgetown eine der Hauptstädte der Peranakan-Kultur, und das Museum im ehemaligen Wohnhaus der Chan Familie, die dort ab 1861 lebte.

Liebevoll und detailgetreu wird das Leben der malaiisch-chinesischen Peranakans am Beispiel dieser Familie dargestellt. Die aufwändige und kostbare Einrichtung, die Riten rund um Hochzeiten, Begräbnisse, Ahnenkult, Sprache und Kultur sind kurz und eingängig im dazughörigen Ausstellungskatalog erklärt, und die besondern Speisen, die sich aus der Fusionierung der verschiedenen Kulturen entwickelt hat, in der original eingerichteten Küche erklärt. Absolut sehenswert!

Anschließend schlendern wir durch die heute erstaunlich leere Altstadt, besuchen Cafés und essen köstliche chinesische, vegetarische Gerichte in toller Atmosphäre im Mori Teahouse.

Dass die kleine Stadt, in der heute “nur” noch 370.000 Einwohner leben, auch eine lebendige Kunstszene hat, erfahren wir, als wir von der Hauptstraße abbiegen und durch die ruhigeren Gässchen und Seitenstraßen schlendern. Galerien, Kunsthandwerk und Straßen-/Fassadenmalerei ist verbreitet, aus den Garküchen daneben hören wir Töpfe klappern und Katzen und Hunde dösen in schattigen Ecken.

Kaum biegen wir um die Ecke, stehen wir wieder mitten in der “Besucherzone” der Stadt. Vor dem portugiesischen Festungstor A Famosa posen malaysische Großfamilien für’s obligatorische Selfie, Straßenhändler bieten gekühlte Getränke und Plastikspielzeug an, und eine unüberschaubare Zahl an schreiend bunten Fahrradrikschas buhlt um Kundschaft – gerne mittels ohrenbetäubend lauter Discomusik.

Die Ruinen der ältesten christlichen Kirche Südostasiens, St. Paul, aus dem Jahr 1521, thront oben auf dem Hügel, außer ein paar Grabplatten mit holländischen Inschriften und den schwarz-verfärbten Außenmauern ist nichts erhalten.

Wir verzichten auf eine Fahrt damit und spazieren lieber zu Fuß zum Palastmuseum. Dieser Sultanspalast ist eine Replik, denn der originale Wohnsitz aus dem 15. Jahrhundert fiel einem Großbrand zum Opfer. Ausgestellt ist darin neben Kleidungsstücken und Möbel aus dem Leben des Herrschers auch Dioramen, in denen Sagen und Mythen Malakkas nachgestellt sind. Mehr schlecht als recht, alles wirkt ein wenig altmodisch und es ist schier unerträglich heiß und sauerstoffarm, so dass wir lieber eine Runde durch den verlassenen Palastgarten schlendern.

Wieder lassen wir den Tag bei Speisen und Getränken auf dem Nachtmarkt ausklingen, neben Popiah und Carrot Cake lassen wir uns heute gleich zweimal frische, noch warme Ondeh-Ondeh schmecken. Die kleinen Reismehlbällchen werden mit dem typischen lokalen Palmzucker Gula Melaka gefüllt und in frisch geraspeltem Kokosfleisch gerollt. Köstlich!

In einer der zahlreichen Bars am Flussufer genießen wir die laue Luft, trinken Tiger Beer zum absoluten Sparpreis und kommen mit dem englischen Rentner am Nebentisch bis spät in die Nacht ins Gespräch, nur gestört durch die im Minutentakt vorbeirauschenden Boote, mit denen man eine Flussrundfahrt machen kann.

Zum Glück liegt unser Hotel so geschickt, dass wir innerhalb weniger Minuten ins Bett fallen können – auch ohne eine der nachts auch noch beleuchteten Rickschas nutzen zu müssen.

Der Sonntag verläuft nicht ganz so reibungslos. Es geht schon damit los, dass wir nach dem gemütlichen Frühstück und dem Auschecken gerade noch rechtzeitig feststellen, dass unsere Reisepässe noch im Zimmersafe liegen. Nachdem wir diese an uns genommen haben, bringt uns das per Grab bestellte Taxi wie gewünscht zur Melaka Straits Mosque. Diese riesige Moschee direkt am Meer wurde 2006 eröffnet – leider bliebt der erhoffte Besucherstrom offenbar aus, denn sämtliche Neubauten von Hotels, Läden, Restaurants und (Ferien-)Wohnungen, die in den Straßen rundum entstanden sind, stehen bis heute leer und wirken trist wie eine Geisterstadt.

Die Moschee selbst dürfen wir erst nach dem Anlegen einer bodenlangen Kutte und eines Kopftuchs betreten, darin schwitzen wir unter der brennenden Sonne natürlich sehr.

Viel gibt es nicht zu sehen, nach ein paar hübschen Fotos der Fassade und Kuppel verlassen wir die Gebetsstätte wieder. Leider ist unser Taxifahrer entgegen unserer Absprachen verschwunden, und eine andere Fahrtgelegenheit nicht in Sicht. Der einzige sich erbietende Taxler verlangt einen Fantasiepreis, den wir dankend ablehnen. Etwas ratlos stehen wir in der Mittagshitze, weit und breit ist weder ein Café noch eine belebte Straße zu sehen. Zum Glück kommt uns ein älterer Herr zu Hilfe, der sich auf seinem Moped auf die Suche nach einem Taxi für uns macht und tatsächlich eines auftreibt, dessen Fahrer uns zu einem vernünftigen Preis nach Pantai Puteri bringt.

Franziska hatte sich nämlich ein Bad im Meer gewünscht, und der Strand etwa 18 Kilometer nördlich von Melaka soll nach unseren Recherchen ganz hübsch sein. Das ist er in der Tat – allerdings ist das Wasser aus Gesundheitsgründen nicht unbedingt für ein erfrischendes Bad zu empfehlen.

Außerdem sehen wir vom Tragen unserer Bikinis nach einem Blick auf die benachbarten Großfamilien ab, denn die Damen dort tragen alle Vollverschleierung. Also relaxen wir einfach eine Stunde im Schatten und beschließen dann, uns auf die Heimreise zu begeben.

Im gegenüberliegenden Hotel bitten wir die Damen an der Rezeption, uns doch ein Taxi zum Busbahnhof zu bestellen. Dieses lässt fast eine Stunde auf sich warten, zum Glück haben wir noch kein Rückfahrticket gekauft!

Am Hauptbusbahnhof Melaka Sentral angekommen, müssen wir uns in dem immensen Trubel erst einmal orientieren. Der Fahrkartenkauf gestaltet sich als schwierig, denn die Warteschlange ist schier endlos, zudem zeigen die großen Anzeigetafeln an, dass sämtliche Busse nach Singapur offenbar bereits voll sind. Als wir endlich am Schalter stehen, nimmt uns der nicht besonders kundenorientierte Herr jede Hoffnung – heute bestehe keine Möglichkeit mehr für uns, nach Singapur zu kommen, eine andere Idee hat er auch nicht. Ich traue der Sache nicht und schaffe es, mit dem letzten bisschen Datenvolumen meines Roamingpakets über die Buchungsseite der Busgesellschaften zwei Fahrkarten nach Singapur zu erstehen; Abfahrtsort ist allerdings das Holiday Inn Hotel in der Innenstadt in einer Stunde. Das müsste zu schaffen sein!

Wir eilen also zum Taxistand, wo uns ein weiterer Herr ohne Servicegedanke bescheidet, dass es völlig unmöglich sei, jetzt in die Innenstadt zu fahren. Denn ausgerechnet heute seien sämtliche Hauptstraßen dort wegen eines Fahrradrennens gesperrt.

Zum Glück erbarmt sich einer der Taxifahrer unserer, und ihm gelingt es mit sämtlichen Kniffen und Drängeleien, uns weit vor der Abfahrtszeit an der richtigen Haltestelle abzusetzen. Telefonisch vergewissere ich mich bei der Busgesellschaft, dass der Bus trotz der Straßensperrungen auch wirklich kommt, und wir haben noch genug Zeit für einen Eistee und einen kleinen Snack in der Hotellobby, bevor der Bus auf die Minute pünktlich um 15 Uhr eintrifft.

Die gepolsterten (Liege-)Sessel im Bus sind so gemütlich, dass ich fast sofort einnicke – um knapp zwei Stunden später festzustellen, dass wir kaum 300 Meter weit gekommen sind. Der Stau wegen des Fahrradrennens ist im volle Gange. Wir klappen also die Bücher auf und genießen mehrere Stunden ausgiebiger Lesezeit, denn auch auf der Autobahn kommt es immer wieder zu Stockungen. Bei einer Raststätte geben wir die restlichen Ringgit für Snacks aus, denn so langsam ist absehbar, dass wir es nicht zum Abendessen schaffen werden. Nach den üblichen Anstehzeiten an den beiden Grenzübergängen steigen wir um 22 Uhr, nach sieben Stunden Fahrt, endlich an der Haltestelle in Singapur aus. Eine kurze Taxifahrt später – der Fahrer hat sichtlich Mitleid mit unserer Odyssee und tritt kräftig auf’s Gaspedal – betreten wir wenig später die Wohnung und müssen uns bei einer Brotzeit und einem Absacker vom „anstrengenden“ Reisetag erholen.

Fazit:
Sollte ich je wieder nach Malakka reisen, werde ich definitiv entweder einen deutlich früheren oder deutlich späteren Bus buchen – und zwar vorab. Der Night Market und das Essen dort sind definitiv einen Besuch wert, ebenso die netten Bars und moderaten Preise für Getränke und Speisen. Unser absolutes Highlight war sicherlich das Baba & Nonya Heritage Museum, und unser Hotel hatte eine ausgesprochen gute Lage und war doch überraschend ruhig durch sein verstecktes Plätzchen in einer Seitengasse.
Den Strand kann man dagegen getrost vernachlässigen…


Wenn Ihr wissen wollt, wie andere Blogger ihr Wochenende verbracht haben, schaut wie immer bei den Großen Köpfen vorbei!

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