Java: Von Banyuwangi nach Sukamade

Java: Von Banyuwangi nach Sukamade

Um 00:40 Uhr ist die Nacht zu Ende. Norman und ich werfen uns in die Wanderklamotten und sitzen wie mit Fahrer Adit vereinbart um 1 Uhr in der Lobby, bereit zur Abfahrt. Im Stockfinstern fahren wir gut eine Stunde lang zum Ijen-Nationalpark, die anfangs trotz der nächtlichen Stunde belebte Straße wird enger und leerer, bis sie am Schluss nur noch einspurig durch den Wald bergauf führt. Am Wanderparkplatz werden wir einem einheimischen Wanderführer übergeben und machen uns an den Aufstieg. Gut 800 Höhenmeter geht es hinauf, wir setzen im Schein unserer Stirnlampen zügig Schritt für Schritt und sehen sonst leider überhaupt nichts von der Umgebung. Einzig die vielen anderen Wanderer und die Kulis, die mit selbst zusammengeschweißten, gepolsterten Schubkarren ihre Dienste als „Taxi“ nach oben anbieten, leisten uns Gesellschaft. Letztere schieben teilweise zu dritt die mit fußfaulen Vulkanbesuchern beladenen, schweren Karren die steilen Wege hinauf.

Wir kommen gut voran, die angekündigte Eiseskälte stellt sich als angenehm kühle Luft heraus, und im T-Shirt lässt es sich trotz leichtem Nieselregen gut aushalten. Kurz bevor wir den Kraterrand erreichen, nimmt der Wind merklich zu, ich ziehe meine Fleece-Jacke über und bekomme auf dem Kraterrand auf 2.380 Metern Höhe den ersten Schwall schwefelgeschwängerter Luft ins Gesicht geblasen.

Dankbar holen wir die Luftschutzmasken aus dem Rucksack, die uns Fahrer Adit noch in die Hand gedrückt hat. Als wir sie übergezogen haben, machen wir uns an den Abstieg zum 200 Meter tiefer gelegenen Krater. Dort steigen Schwefelgase auf, die in einer Mine verfestigt und abgebaut werden. Unermüdlich steigen Träger mit Bastkörben über den Schultern auf und ab und bringen jedes Mal eine bis zu 100 Kilo schwere Fuhre Schwefel nach oben. Ein Höllengeschäft, den das Gas ist hochgiftig und bringt uns trotz Maske in Atemnot, außerdem brennt es höllisch in den Augen und die aufsteigenden Schwaden sind oft so dicht, dass wir die Hand nicht vor Augen sehen und auf dem steilen Kletterpfad stehen bleiben müssen.

Die Schwefelträger sind natürlich allesamt ohne Masken und mit Gummistiefeln an den Füßen unterwegs, sie husten und keuchen und kommen nur mühsam voran. Der Schwefelabbau ist Schwerstarbeit und wird trotzdem nur kärglich bezahlt.

Bis wir endlich – in einer langen Reihe von zum Teil haarsträubend schlecht ausgerüsteten Wanderern – den Krater erreichen, kratzt der Hals, die Lunge schmerzt und die Augen brennen. Durch den schweren Regen am Tag vorher qualmt der Krater noch mehr als sonst, und die so bekannten blauen Flammen, die durch verbrennenden Schwefel entstehen, sind fast alle erloschen. Das so beliebte Fotomotiv bleibt uns also verborgen, und wir wehren auch die Überredungsversuche unseres Führers ab, doch einfach eine halbe Stunde zu warten. Zu unangenehm sind die Dämpfe, und wir machen uns lieber wieder an den steilen Anstieg. Das Atmen durch die schwere Maske fällt schwer, die Schwefelwolken vernebeln uns die Sicht, und ich bin froh, immer noch in tiefster Dunkelheit den Kraterrand zu erreichen.

Die Uhr zeigt 4:30 Uhr an, noch eine halbe Stunde bis zum Sonnenaufgang, der natürlich Ziel einer solchen Nachttour ist. Als es endlich ein wenig dämmert, stellen wir fest, dass die Regenwolken noch dichter geworden sind, und der Sonnenaufgang bleibt verborgen. Stattdessen beginnt es heftiger zu regnen, wir verwerfen also auch dieses Fotomotiv, ziehen Regenjacken an und marschieren zügig bergab. Für den Rückweg brauchen wir zum Glück weniger als eine Stunde, der Regen lässt zwar nach, doch der Gipfel hängt immer noch in dichten Wolken.

Punkt 6 Uhr klopfen wir an die Scheibe unseres Autos, wo Fahrer Adit im Schlafsack ein Nickerchen hält. Er entschuldigt sich mehrfach dafür, dass wir nicht in den Genuss eines Bergpanoramas gekommen sind, aber so ist Natur eben: unplanbar.

Es war jedenfalls eine tolle Wanderung, und die Begegnung mit den Minenarbeitern wird mich sicher noch länger gedanklich beschäftigen. Aber ob man jetzt unbedingt mitten in der Nacht auf diesen Berg steigen muss?! Bei Tag wäre sicher mehr zu entdecken gewesen, wieder einmal haben wir eine schlechte Erfahrung mit einer vermeintlichen „Sonnenaufgangstour“ zu verbuchen. Der Zeitplan ist dafür so starr, dass er für uns normalerweise recht schnelle und erfahrene Wanderer stets dazu führt, dass wir Stunden zu früh am Gipfel sind – und bei Kälte, Nacht und mit nasser Kleidung zu warten, kommt meist nicht in Frage.

Als wir um kurz nach 7 Uhr wieder in unserem Hotel ankommen, sind wir uns allerdings einig, dass so eine Nachtwanderung eigentlich perfekt für Berufstätige und Eltern ist – genau rechtzeitig zum Frühstück sind wir zurück, nach einer ausgiebigen Dusche sitzen wir mit dem Rest der Reisegruppe am Tisch, als wären wir nie weg gewesen. Nur die Augen, die brennen immer noch, und sämtliche Kleidung stinkt durchdringend nach Schwefel.

Zum Ausruhen bleibt keine Zeit, um 10 Uhr werfen wir die Koffer ins Auto und fahren nach Südosten aus Banyuwangi hinaus. Ich schlafe sofort ein, obwohl Titus auf meinem Schoß sitzt und lauthals „Conni“-Hörspiele mitspricht. Als ich aufwache, hat sich das Straßenbild verändert. Kleine, gepflegte Dörfchen wechseln sich mit in voller Pracht blühenden Plantagen ab. Bananen, Papaya, Drachenfrucht, Kakao – wo wir am Vortag den Anbau sämtlicher Gemüsesorten begutachten konnten, scheint hier sämtliches Obst zu wachsen. Die Sonne scheint vom fast wolkenlosen Himmel, und es sehr heiß, als wir zum Mittagessen in einem kleinen Warung (indonesisches Lokal) einkehren. Das Essen ist einfach, aber ausgezeichnet, und für fünf Mahlzeiten mit Getränken bezahlen wir am Ende einen Gesamtbetrag von umgerechnet 3.50 Euro.

Nach insgesamt knapp drei Stunden Fahrt, nach denen Fahrer Adit sämtliche deutschen Kinderlieder mitsingen kann, erreichen wir das Meer. Wir laden unser Gepäck in einen schon etwas mitgenommenen Jeep um, ich erstehe bei der zahnlosen Oma am Kiosk eine Packung Nelkenzigaretten und wir verkosten frische Rambutan. Im nichtklimatisierten Fahrzeug geht es im Schritttempo über Erdpisten voller Schlaglöcher bergauf in den Urwald, mitten hinein in den Meru Betiri Nationalpark. Wir werden ordentlich durchgeschüttelt, die 20 Kilometer lange Fahrt nimmt schier kein Ende. Zwischendurch steigen wir aus und laufen ein Stock, links und rechts in den Bäumen springen Affen umher und Nashornvögel flattern durch die Luft.

Mehrmals überqueren wir mit dem Jeep kleine und größere Flußläufe, in denen einheimische Kinder baden und winkend neben uns her rennen. Unser einheimischer Fahrer zeigt und Kaffee- und Pfeffer-Plantagen, Teak- und Kautschukbäume und pflückt im Vorbeifahren noch ein paar Farne, die er uns zum Abendessen servieren will. Obwohl wir inzwischen weit in den Urwald hineingefahren sind, passieren wir immer wieder kleine, sehr schmucke Dörfer, in denen es sogar Schulen, Kindergärten und Sportplätze gibt und uns die Damen an den kleinen Verkaufsständen freundlich zuwinken.

Wir sind trotzdem sehr erleichtert, als wir endlich nach zwei Stunden Dauergerüttel auf den Parkplatz des Sukamade Beach Guesthouse einbiegen.

Uns wird dort ein einfaches Zimmer ohne Stromanschluss zugewiesen, die Toilette ist ein Loch im Boden, Duschen oder Waschbecken gibt es nicht und draußen vor der Zimmertür sitzen bereits Affen auf der Lauer und beobachten, ob wir vielleicht etwas Essbares dabei haben. Titus freundet sich sofort mit den Angestellten an, allen voran Praktikantin Anna, die sich stundenlang geduldig mit ihm beschäftigt und ihn zum Abendessen sogar unaufgefordert mit Nudelsuppe versorgt.

Wir verspeisen einfache, aber köstliche indonesische Hausmannskost, alles vegetarisch, denn auch meine Eltern haben beschlossen, in diesem Urlaub auf Fleisch zu verzichten – zu mager und mickrig sehen mitten auf der Straße herumrennenden Hühner aus.

Um 20 Uhr haben wir trotz akuter Müdigkeit noch einen letzten Programmpunkt zu absolvieren: täglich tauchen hier am Strand Schildkröten auf, um ihre Eier abzulegen. Mit der einzigen anderen Besucherin hier, einer alleinreisenden Niederländerin, machen wir uns in Begleitung sämtlicher Angestellten auf zum 700 Meter entfernten Sukamade Beach.

Es ist stockfinster, wir sind mit Taschen- und Stirnlampen unterwegs, aber auch diese müssen wir ausschalten, als wir den Strand erreichen. Ein Nationalpark-Ranger weist uns an, zu warten, und wir machen es uns auf einer Plastikplane gemütlich, liegen auf dem Rücken und suchen Sternschnuppen und Sternbilder. Es ist wunderschön am nächtlichen Strand, der Wellengang ist heftig und das Rauschen der Brandung laut, die Luft ist lau und ich entdecke tatsächlich eine Sternschnuppe, während Titus über Mond und Sterne und Planeten philosophiert.

Als ich kurz davor bin, einzunicken, kommt Bewegung in die Truppe: Eine Grüne Meeresschildkröte ist aufgetaucht und ist auf der Suche nach einer geeigneten Stelle zur Eiablage. Leider ist sie nicht recht zufrieden und zieht nach einer Weile unverrichteter Dinge wieder ab, um vielleicht in der darauffolgenden Nacht einen erneuten Versuch zu starten. Wir dürfen ihr nun beim mühsamen Weg zurück ins Meer zusehen. Das riesige, gut ein Meter lange Tier wirkt an Land sehr schwerfällig, verschwindet aber flugs in den Wellen. Wir dürfen die Taschenlampen wieder anschalten und die Spuren der Meeresschildkröte begutachten, während wir aus dem Unterholz von Rehen beobachtet werden. Der Ranger erklärt uns, dass er jeden Morgen um 4 Uhr an den Strand marschiert, um Schildkrötennester zu suchen und die Eier einzusammeln und in die Aufzuchtstation zu bringen. Würde er die Eier einfach im Sand lassen, würden Wildschweine, Seevögel und Warane den Eier noch in der derselben Nacht den Garaus machen. Ich würde gerne noch mehr hören, bin aber von der sehr kurzen Nacht zuvor so müde, dass mir schier im Gehen die Augen zufallen.

Wir machen uns also auf den Rückweg zum Guesthouse und bringen Titus erst einmal bei, wie man sich draußen im Freien die Zähne putzt. Das Kind will unbedingt noch eine Gute-Nacht-Geschichte, die ich aber verweigere – und noch bevor ich selbst einschlafe, schnarcht der kleine Mann schon neben mir…

4 Replies to “Java: Von Banyuwangi nach Sukamade”

  1. Die Vulkanlandschaft würde ich ja gerne sehen. ,,O.O,, Und die Schildkröten auch! Hie rim Mittelmeer ist quasi kein Platz mehr für die Schönen. Schnauf.

    Liebe Grüße
    Franziska

    1. Das war wirklich ein besonderes, sehr beglückendes Erlebnis. Wir waren alle sehr gerührt und drücken den Kleinen trotz eher schlechter Überlebenschancen die Daumen!

  2. Liebe Nadine,
    gehe ich richtig in der Annahme, daß deine Eltern da nicht mit von der Partie waren ? Für dich sind diese Treks offenbar nicht nur Routine sondern genußvolle Ereignisse ? Freilich um die fehlenden Sonnen Aufgänge bedauere ich euch ob der „Strapazen“. Freilich für deine unbegrenzte Lust am Schreiben mein allerhöchster Respekt ! Weiter so, hG Peter

    1. Lieber Peter, richtig geraten, Titus dürfte dies Nacht bei Oma und Opa im bett verbringen. Die drei waren froh, die Wanderung nicht mitmachen zu müssen. Trotz fehlendem Sonnenaufgang war‘s eine schöne Wanderung, der Bergsport kommt ja sonst viel zu kurz in Singapur!

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