Skifahren auf Japanisch

Skifahren auf Japanisch

Titus wird aus dem Tiefschlaf von mir mit den Worten “Es schneit!” geweckt, denn draußen wirbelt dichtes Schneegestöber vor dem Fenster. Wir sind sehr froh über sämtliche warmen Kleidungsstücke und packen uns im Zwiebelprinzip warm ein. Das Frühstücksangebot im Hotel ist japanisch-westlich: köstliche Misosuppe und grüner Tee, außerdem Toast und Cornflakes. Nur die Art der Essensaufnahme zeigte die Unterschiede zwischen Asiaten und Langnasen: die einen benutzen auch für den Salat mit Maiskörnern konsequent Stäbchen, die anderen greifen lieber gleich zu Besteck…

Per Shuttlebus geht es um halb neun los ins Skigebiet, der Schneefall hat zum Glück aufgehört und die Sonne zeigt sich. Rund um Hakuba befinden sich zig verschiedene Skigebiete, die aber leider alle nur separat voneinander genutzt werden können. Von Skischaukel keine Spur, einzig Skibusse verbinden die Skigebiete, in denen die Winter-Olympiade 1998 ausgetragen wurde, miteinander.

Wir steigen in Happo One aus, dort befindet sich die größte Skischule im Tal, Evergreen. Titus wird dort bereits erwartet und ist glücklicherweise überaus angetan, einen Skikurs machen zu dürfen. Wir übergeben ihn also mitsamt Skiern einem der zig Skilehrer (so praktisch, dass das Kind fließend Englisch spricht!) und machen uns selbst auf den Weg zum Skiverleih. Dort leihen wir für ein Vermögen Skier, Skischuhe, Stöcke und Helme aus – es schmerzt im Geldbeutel, schließlich besitzen wir ja sämtliche Ausrüstung selbst. Die steht nur leider eingelagert im elterlichen Keller in Deutschland… Immerhin ist die Auswahl wirklich groß und die Skier sind perfekt gewachst, wie wir beim Anschnallen bemerken.

Als wir uns endlich am Skilift ankommen und ein paar Meter in der schier endlos langen Schlange vorwärts gekommen sind, ertönt eine Lautsprecherdurchsage: der Sessellift ist bis auf Weiteres geschlossen, der Wind oben am Ausstieg ist zu heftig. Also schnallen wir die Skier ab und laufen ein paar Minuten bergauf, bis wir den nächsten Lift erreicht haben. Dort amüsieren wir uns köstlich: um der Menschenmassen Herr zu werden, gibt es einen Liftboy, der den lieben langen Tag herumsteht und das Ende der Warteschlange markiert.

Es geht eher zäh voran, die Höflichkeit der Japaner gebietet es offenbar, dass man niemals zu jemandem in den Lift steigt, den man nicht kennt. Also fährt jeder zweite Sessel nur halb besetzt los… Die Sessellifte selbst machen einen sehr antiquierten Eindruck, keiner hat mehr als einen mickrigen Haltebügel, eine Halterung zum Aufstellen der Füße gibt es nie, und Polsterungen erst recht nicht.

Egal, das Skifahrgefühl ist jedenfalls grandios, der Schnee herrlich und die Pisten längst nicht so voll wie befürchtet.

Viel zu schnell ist es Mittag, wir holen Titus ab, der zwar sehr zufrieden mit seinem Skikurs ist, aber erst einmal einen Bärenhunger hat. Statt Germknödel gibt es in Japan natürlich Ramen (= Nudelsuppe) zum Mittagessen.

Als der Hunger gestillt ist, will das Kind unbedingt mit Papa einen Schneemann bauen, während ich noch ein paar Abfahrten alleine machen kann. Inzwischen sind wieder alle Lifte geöffnet, und die Pisten fast menschenleer. Als ich nach einer Stunde zu Titus und Norman zurückkehren, will Titus mir unbedingt noch seine Skifahrkenntnisse vorführen.

Bis wir danach endlich einen Skibus erwischen, ist es bereits 17 Uhr, und Titus nicht im Bus sofort ein. Es ist mühsam, ihn aufzuwecken, die Laune ist dementsprechend schlecht, und nur mit Müh’ und Not schaffen wir es, halbwegs zivilisiert einen Supermarkt aufzusuchen und ein Abendessen einzunehmen. Da danach der Weg ins Hotel mit sämtlichen Skiern und Einkäufen zu weit ist, bestellen wir ein Taxi und müssen fast vierzig Minuten warten, bis uns der Fahrer (zum Glück ausgerüstet mit Skiträger auf dem Dach) für einen stolzen Preis bis ins Hotel fährt.

Dort brauche ich nach dem langen Tag dringend Entspannung, und suche im kimono-artigen Bademantel den hoteleigenen Onsen auf.

Da Japan durchweg vulkanischen Ursprung ist, gibt es fast überall heiße Quellen. Diese werden angezapft, und das heiße Wasser in Thermalbädern öffentlich zugänglich gemacht. Im Onsen selbst herrscht ein strenger Codex: Geschlechter sind streng getrennt, gebadet wird ausschließlich nackt. Vor dem Bad steht ein ausgiebiger Reinigungsprozess, dabei sitzt man auf kleinen Hockerchen, übergießt sich möglichst spritzfrei mit Wasser und wäscht sich gründlich. Anschließend tauche ich im Außenbecken in das gut 40°C warme Wasser und spüre förmlich, wie sich alle Muskeln entspannen.

Bis ich in unser Zimmer zurückkomme, schläft Titus längst. Mein Körper glüht nach dem heißen Bad von innen, und ein Schluck vom im Supermarkt zum günstigen Preis erstandenen Rotwein sorgt dafür, dass mir um kurz nach zehn die Augen zufallen.

Am Morgen strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Ohne unser Zutun bittet Titus beim Frühstück höflich die Bedienung um Cornflakes, verputzt anschließend noch ein Marmeladenbrot und besteht darauf, ein weiteres als Proviant einzupacken. Skifahren macht hungrig!

Schon bei der Anfahrt zum Skigebiet ist das Kind ganz aufgeregt und freut sich sichtlich auf einen neuen Tag in der Skischule. Die Übergabe dort geht so schnell und problemlos, dass Norman und ich uns bereits um viertel vor zehn Richtung Skilift verabschieden. Das Skigebiet ist heute vollständig befahrbar, es gibt praktisch keine Wartezeiten an den Liften, dank der Sonne ist es längst nicht mehr so kalt, und der Schnee ist weich und fluffig. Herrlich!

Wir fahren wie die Wilden, nur bei der Buckelpiste versagt die Bindung meiner Leihskier und muss von Norman heldenhaft repariert werden. Nach der Mittagspause können wir Titus überreden, auch den Nachmittag in der Skischule zu verbringen, und wir können zwei weitere Stunden fahren, bis sich die Oberschenkel wie Gummi anfühlen. Das ständige Sesselliftfahren ohne Fußablage führt zu Krämpfen und inzwischen ist der Himmel grau bewölkt und es beginnt zu schneien. Während wir einen heißen Kaffee schlürfen, gucken wir heimlich Titus und seiner Gruppe bei ihren Bemühungen auf dem Zauberteppich zu – unser kleiner Skihase saust dabei gleich mal ungebremst ins nächste Wäldchen und muss von den Skilehrern eingesammelt werden.

Seine Laune ist jedenfalls bestens, auch wenn schon wieder der Hunger groß ist und SOFORT mittels Gummibärchen und Waffeln gestillt werden muss. Leider müssen wir dem Skirennläufer in spe trotz Lob seiner Skilehrerin mitteilen, dass für morgen leider kein Platz im Skikurs mehr für ihn ist – es herrscht Hochbetrieb wegen der Feiertage um Chinese New Year, und wir konnten keinen länger andauernden Kurs mehr buchen… Zum Trost zückt Norman seinen (leider längst abgelaufenen) Skilehrerausweis, die nächsten Unterrichtsstunden sind also sicher!

Zurück im Hotel darf Titus mit Norman zusammen in den Männer-Onsen, der zum Glück gerade leer ist, so dass sich niemand an den ungebührlichen Plantschereien von Titus stören kann, während ich die Ruhe im Damen-Onsen genieße. Derart aufgewärmt, sehen wir uns imstande, im japanisch-italienischen Lokal eine Pizza zu vertilgen und den zwanzigminütigen Heimweg im Schneeregen anzutreten. Titus ist heute bester Laune und hat rote Bäckchen von der frischen Luft, die Begeisterung über den Schnee ist ungebrochen, und er wundert sich über trockene Lippen und elektrisierende Haare. Mir dagegen ist Kälte und Schneeregen und der Anblick von in der Sonne glitzerndem Schnee und grauem Winterhimmel so vertraut, dass ich fast daran zweifle, dass wir seit eineinhalb Jahren in den Tropen leben!

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