Japan: Verliebt in Tokio

Japan: Verliebt in Tokio

Die Reise von Hakuba nach Tokio dauert zwar, ist aber reibungslos organisiert. Der Fahrer unseres Hotels bringt uns mit unseren Koffern zum Busbahnhof von Hakuba. Dort reihen wir uns in eine schier endlose Warteschlange australischer Skifahrer ein, die heute alle die Heimreise antreten. Zum Glück sind die Japaner auf diesen Ansturm vorbereitet, Reisebus um Reisebus fährt vor, bis endlich alle verladen sind und dem heftigen Schneetreiben draußen entfliehen können. Die einstündige Fahrt nach Nagano vergeht wie im Flug, das WiFi im Bus funktioniert reibungslos.

In Nagano ist der anvisierte Zug bereits voll, doch können wir Fahrkarten für den nächsten kaufen, der eine halbe Stunde später einrollt. Bei der Fahrt mit dem Shinkansen nach Tokio können wir uns aufwärmen und lesen, Titus hört ein Hörspiel nach dem anderen, und am frühen Nachmittag steigen wir in Tokio aus.

Dort kämpfen wir uns mit dem ganzen Gepäck durch das schier unundurchdringliche Untergeschoss-Wirrwarr, bis wir endlich den Eingang zur richtigen U-Bahn und die Verkaufsstelle für die praktischen Auflade-Karten finden, die wir bereits aus Singapur und Hongkong kennen. Wir erfahren, dass Kinder unter sechs hier ebenfalls kostenlos fahren, und betreten eine halbe Stunde später unser Hotel Sotetsu Fresa Inn mitten im schicken Einkaufsviertel Ginza.

Trotz Eiseskälte machen wir uns auf zu einem Spaziergang.

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Titus ist darüber nicht besonders glücklich und interessiert sich nicht die Bohne für den beeindruckend großen Park rund um den Kaiserpalast – von dem wir als Fußvolk überhaupt nur den auch schon beeindruckend großen Vorplatz zu Gesicht bekommen.

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Gleich nebenan ist einer der ältesten Gärten der Stadt, auf dem 1930 angelegten Tennisplatz spielt man immer noch begeistert, doch der Spielplatz hat leider schon geschlossen.

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Kreuz und quer spazieren wir entlang hell erleuchteter Einkaufszentren, bis wir nach längerer Suche endlich das richtige Lokal für unser Abendessen gefunden haben: Titus hat sich nämlich “Running Sushi” gewünscht, und kommt dann auch voll auf seine Kosten.

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Nachdem sich die Tellerchen auf unseren Plätzen stapeln und Norman ob der vielen Fisch-Köstlichkeiten schier platzt, machen wir es uns im winzigen Hotelzimmer bequem. Das ist so klein, dass wir unseren Koffer nur bei geschlossener Tür öffnen können und danach auch niemand mehr nach draußen kommt. Geschlafen wir zu dritt im 1.40 Meter breiten Bett, und mehr Platz ist im Zimmer nicht. Echt Tokio-Style eben!

Trotzdem ist die Nacht erholsam, und wir stärken uns für den Tag bei Zimtschnecken und viel heißem Kaffee im Café nebenan.

Der Himmel ist grau und es graupelt, als wir uns auf einen Spaziergang zum Tsujiki-Markt aufmachen. Obwohl es erst 9 Uhr ist, herrscht hier bereits voller Betrieb.

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Die Stände bieten Fisch und Meeresgetier aller Arten fangfrisch an, dazwischen können an kleinen Imbissbuden die Waren direkt verkostet werden, und Norman ärgert sich sichtlich, dass er bereits gefrühstückt hat. Faustgroße Austern werden per Bunsenbrenner gegrillt, Eierstich am Stiel erfreut sich größter Beliebtheit, Wasabi aller Arten und Grüntee wird zur Verkostung angeboten.

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Leider haben wir nicht allzu viel Zeit, alles en detail zu bestaunen, denn wir müssen per U-Bahn nach Shijuku. Dort haben wir eine Verabredung: am richtigen U-Bahn-Ausgang werden wir von Titus’ ehemaligem Kindergartenfreund Haruma und dessen gesamter Familie erwartet. Seit deren Umzug von Singapur zurück nach Japan vermissen sich die beiden Buben schmerzlich, und Titus hat das Wiedersehen in Tokio seit Wochen herbeigesehnt.

Auf dem Programm steht zunächst ein Besuch im Ninja Trick House an. Dort lernen die Kinder (und Erwachsenen) von einem “waschechten” Ninja, was alles zur Ausbildung eines solchen Spezialkämpfers dazugehört.

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Das Schwert richtig zu ziehen, ein böses Gesicht dazu zu machen, Ninja-Sterne zu werfen – das alles haben wir nach einer Stunde dort drauf, und Titus und Haruma üben den Rest des Tages das Verstecken und Anschleichen wie ein echter Geheimkrieger.

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Inzwischen ist es Mittag, der Hunger groß – und die Ortskundigen lotsen uns in ein eher versteckt liegendes Kellerlokal Tsurutontan, in dem bald riesige Schüsseln dampfender Nudelsuppe vor uns stehen.

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Dazu genießen wir Umeshu-Soda (Pflaumenwein-Schorle), die Kinder schlürfen die langen, fingerdicken Udon-Nudeln mit Genuss – es ist köstlich! Das Lokal scheint bekannt zu sein – als wir gehen, stehen draußen um die fünfzig Leute an und warten auf einen freien Tisch.

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Danach geht das Besichtigungsprogramm weiter. Wieder per U-Bahn, in der wir tausend Tode sterben, weil die Kinder in den langen Gängen herumsausen wie verrückt, geht es nach Asakusa. Die Fahrten dauern lange, die Stadt ist einfach riesig, aber das U-Bahn-System ist einigermaßen übersichtlich und man kommt für wenig Geld problemlos voran.

Draußen pfeift uns eisiger Wind um die Ohren, während wir das riesige Tor bestaunen, das den Eingang zum Senso-ji Tempel markiert.

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Der viele hundert Meter lange Zugangsweg dahinter ist gesäumt von Geschäften voller Souvenirs, Devotionalien und lokaler Köstlichkeiten; und unsere japanischen Freunde schieben uns immer wieder kleine Leckereien wie mit roter Bohnenpaste gefüllte warme Küchlein zu.

Rund um uns sind viele Einheimische in traditioneller Tracht gekleidet und scheinen trotz der Kälte in den luftigen wirkenden Kimonos und dünnen Söckchen mit Schläppchen nicht zu frieren.

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Vor dem Tempel lassen wir uns ordentlich von den Räucherstäbchen einräuchern, denn das soll schlau machen.

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Wir sind danach durchgefroren und marschieren durch ein wunderschönes Altstadtviertel ins Owl no mori, das berühmte Eulen-Café. Das ist wörtlich zu verstehen, bereits am Eingang sitzt eine echte Eule am Tresen, und drinnen tummeln sich mindestens noch einmal dreißig Vögel in allen Größen und Arten. Die entdecken wir aber erst nach und nach, denn die meisten von ihnen dösen bewegungslos und sehen deshalb zunächst aus wie ausgestopft… Wir sind völlig begeistert, wie sehr sich die Gesichter der Vögel unterscheiden – vor allem ein kleiner, niedlicher Kauz hat es uns sehr angetan, der mit seinen riesigen, schwarzen Augen leicht schielt und sehr irritiert dreinschaut.

Titus kann sich derweil mit Freund Haruma mehr für vierbeiniges Getier erwärmen. Denn im Owl no mori gibt es neben den namensgebenden Eulen auch noch Ratten, Meerkatzen, Otter, eine Gans, ein paar redefreudige Papageien, Hamster, Mäuse und ein paar ziemlich verpennte Igel. Alle Tiere wurden aus bankrotten Tiercafés oder unsachgemäßen Privathaushalten gerettet und veranstalten zusammen einen ganz schönen Lärm. Da Harumas kleine Schwester Sara davon unbeeindruckt ein Nickerchen hält, trinken wir heißen Automatenkaffee und verbringen den Nachmittag eben in tierischer Gesellschaft.

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Ein weiterer Herzenswunsch von Norman steht als nächstes auf dem Programm. Seitdem er vor Jahren im SZ-Magazin einen Artikel über die Hersteller von Plastik-Gerichten (Shokuhin-Sanpuru) gelesen hat, ist er fasziniert von diesen zum Teil täuschend echt aussehenden Imitaten, die vor allem in Japan, aber auch in China und Singapur den Kunden den Mund wässrig machen und die Auswahl erleichtern sollen. Nur ein paar Häuserblocks weiter finden wir gleich zwei Läden, die sich auf die Herstellung der künstlichen Serviervorschläge spezialisiert haben. Nur mit Müh’ und Not kann ich Norman davon abhalten, eine Chili Crab oder Spaghetti alla carbonara zu erstehen, denn mal ganz abgesehen davon, dass ich mir Küchendeko anders vorstelle, sind die aufwändig produzierten Kunst-Essen auch noch saumäßig teuer. Unsere japanischen Freunde lachen sich halbtot und können der Faszination nicht so recht folgen.

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Nach so viel Essen vor Augen knurren auch unsere Mägen, und man bugsiert uns in langer U-Bahn-Fahrt nach Roppongi, um uns den eher noblen Teil Tokios zu zeigen. War Roppongi bis vor fünf Jahren noch eher heruntergekommen und ein wenig zwielichtig, hat sich das Stadtviertel seit dem Bau des Wolkenkratzers Roppongi Hills gewandelt. Designer-Boutiquen, ein Kunstmuseum, Galerien, TV-Studios und teure Restaurants sind aus dem Boden geschossen und inzwischen ist das Viertel angesagt und teuer.

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Wir kehren nach einem längeren Fußmarsch und einer Busfahrt in ein kleines Lokal ein und kommen in den Genuss von Okonomi-yaki – der japanischen Variante von Pizza. Auf einer heißen Platte (Teppan) in der Mitte des Tischs (nicht unbedingt empfehlenswert, wenn Kinder dabei sind -wir haben jedenfalls Mühe, einen Zimmerbrand oder verbrannte Finger zu vermeiden) wird ein Teigfladen aus Mehl, Kohl, Ei und Wasser gelegt, auf den je nach Bestellung Fisch, Fleisch oder Gemüse platziert und mitgegrillt wird. Obendrauf kommt eine dicke, etwas süßliche Sauce, und jeder darf anschließend mittels eines Spatels munter Stücke davon abstechen und verspeisen.

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Köstlich, und der japanische Whiskey-Soda dazu tut sein übriges, dass wir nach dem Essen alle angenehm müde nach dem langen und ereignisreichen Tag sind.

Der Abschied fällt schwer, schließlich wissen wir nicht, wann und ob wir Haruma und seine zauberhafte Familie je wiedersehen.

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Zum Abschied bekommen wir noch eine große Portion besten Baumkuchens überreicht, den wir sofort verschwinden lassen, da ihn sonst Titus umgehend verspeisen würde.

Per U-Bahn geht es nach Hause ins Hotel, und um 21 Uhr liegt die gesamte Familie teils schlafend, teils lesend im Bett – und kann sich gar nicht entschieden, was am tollsten an diesem abwechsungsreichen Tag war! Wenn es nicht so kalt wäre, würden wir glatt hierbleiben…

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