Japan: Shopping-Wahnsinn, Museum und Heimreise

Japan: Shopping-Wahnsinn, Museum und Heimreise

Am Sonntag wache ich mit dickem Kopf und Halskratzen auf. Die Kälte fordert ihren Tribut, und anders als der Großteil der Japaner trage ich zum Schutz vor Viren keinen Mundschutz in der Öffentlichkeit.

Ein heißer Kaffee muss her, doch das gestaltet sich als schwierig. Vor der anvisierten Bäckerei hat sich bereits fünfzehn Minuten vor Öffnung eine mehrere Häuserblocks reichende Warteschlange gebildet. Die Japaner lieben Anstehen offenbar noch mehr als die Singapurer. Im eisigen Wind warten wir also geduldig und vorfreudig auf das anscheinend so lohnenswerte Frühstück, werden dann aber enttäuscht. Dicke Scheiben Toast und dünner Kaffee machen zwar satt und wach, so ganz ist der stolze Preis dafür ist der stolze Preis dafür aber nicht gerechtfertigt.

Per Bahn machen wir uns auf den Weg nach Shibuya. Der öffentliche Nahverkehr funktioniert dank englischer Hinweisschilder ziemlich gut für uns, die gut fünfzehn Linien bringen uns und die über 10 Millionen Einwohner kilometerweit und günstig durch die Stadt. Da die verschiedenen Linien allerdings unterschiedlichen Betreibern gehören und dementsprechend getrennte Schienennetze verwenden, dauern Umstiege oft viele Minuten. Schier endlose Gänge sind dabei zu durchqueren, es geht treppauf und treppab, bis man das richtige Gleis für die Weiterfahrt findet.

Endlich steigen wir in Shibuya aus und staunen nicht schlecht: Hier beginnt eine der großen Einkaufsmeilen der Stadt, und der Bahnhofsvorplatz ist schier überfüllt mit tausenden Shoppingwütigen, die alle beim Grün der Fußgängerampel gleichzeitig in sämtliche Richtung losmarschieren. Von den Kaufhäusern dröhnt laute Popmusik über die Straße, grelle Leuchtreklamen blinken von meterhohen Bildschirmen, und wir lassen uns einfach von der Masse treiben.

An zig Einkaufszentren kommen wir vorbei, doch so ganz hat uns die Lust am Shopping noch nicht gepackt. Stattdessen wandern wir lieber weiter nordwärts, bis wir den Yoyogi-Park und den dort liegenden Meiji-Schrein erreichen. Dieser ist am Sonntag ein beliebtes Ausflugsziel, und so wandern wir mit Heerscharen von Besuchern durch den hübschen Wald, bestaunen die Wein- und Sakefässer, die von französischen Winzern und Sake-Distillerien jährlich als Geschenk angeliefert werden.

Der Schrein ist dem 1912 verstorbenen Kaiser Meiji und seiner Frau Shoken gewidmet, und rund herum herrscht ganz schöner Trubel. An extra dafür aufgestellten Bäumen kann man für 500 Yen einen Wunsch aufhängen, Handlesen und Horoskope werden angeboten, und mit lauten Klatschen und Münzen Klirren wird um Glück in der Liebe oder um gute Noten gebetet.

Wir stürzen uns nach diesem eher spirituellen Ausflug wieder ins weltliche Leben – und zwar mitten in die Takeshita-dori nach Harajuku. In dieser Einkaufsstraße versammeln sich Hipster, Trendsetter und die Teenager der Stadt, um nach den neuesten Styles Ausschau zu halten. Es herrscht ein unbeschreibliches Gedränge in der engen Gasse, laute japanische Pop-Musik tönt aus den Lautsprechern, und es gibt die seltsamsten Dinge zu kaufen. Zwischen den Geschäften kann man sich außerdem an Essensständen mit trendiger Kost versorgen: Zuckerwatte in Regenbogenfarben, Eiskugeln im Schweinchenlook, Crèpes mit gewöhnungsbedürftigen Füllungen. Daneben gibt es Cafés mit jeder nur erdenklichen tierischen Besatzung: Katzen, Schoßhunde, Igel, Kaninchen. Alles hier erfreut sich offenbar größter Beliebtheit, denn praktisch überall haben sich meterlange Warteschlangen gebildet – so dass wir „leider“ gar nicht in den Genuss dieser Auswahl kommen. Ich könnte stundenlang einfach nur dastehen und gucken. Viele hier sind im asiatischen Schulmädchen- oder im Gothic Look gekleidet, es gibt bunte Haare, schwindelerregende Blockabsätze und gewagte Kleidungskombinationen, gerne mit niedlichen Comicfigürchen auf Handtaschen und Handyhüllen.

Weiter geht es in die etwas gediegenere Omotesando-Straße. Vor lauter Fußgängern ist kein Zentimeter des Gehwegs zu sehen, in den Geschäften ist es brechend voll, und mein Plan, lustige Mitbringsel zu erstehen, scheitert am Gedränge und den Preisen – selbst für albernen Ramsch wird hier viel Geld verlangt.

Meine beiden Männer haben nun wirklich genug und verlangen lautstark nach einer Pause. Wir machen uns also auf ins etwas weiter außerhalb gelegene Viertel Nakano. Welch ein Kontrast: auf verkehrsberuhigten Gässchen wird gemütlich geradelt, die meisten Geschäfte haben geschlossen, es herrscht typische Sonntagsruhe. Wir kehren ins einem Hexenhäuschen nachempfundene Café Hattifnatt ein, wo wir uns bei Tee und Snacks aufwärmen und Norman seine Vorlese- bzw. Improvisationskünste bei japanischen Kinderbüchern unter Beweis stellt.

Mir reicht es nun, ich habe einen dicken Kopf und muss dringend ins Bett. Eine schier endlose Bahnfahrt später verkrieche ich mich nach heißer Dusche unter die Decke, während Titus noch zwei Packungen Fertig-Nudelsuppe verputzt („Ich hatte heute ja gar kein Mittagessen!“) und dann zu mir kriecht.

Am nächsten Morgen ist meine Erkältung schon wieder auf dem Rückzug (vielleicht hat das Gläschen Rotwein zum Einschlafen geholfen?), und bepackt mit unseren schweren Koffern und Rucksäcken machen wir uns im Schneetreiben auf den Weg zur Bahn. Diesmal geht es ostwärts, wir fahren über eine Brücke und sehen das Meer, bis wir in Aomi aussteigen.
Das heutige Ausflugsziel ist die interaktive Ausstellung teamLab, für die Norman in weiser Voraussicht bereits vorab Karten online gekauft hat. Doch je näher wir dem Eingang kommen, umso weniger können wir unseren Augen trauen: eine Warteschlange zieht sich um mehrere Häuserblocks, wir müssen erst einmal ein paar Minuten laufen, bis wir das Ende erreichen. So stehen wir also in der Kälte, zum Glück geht es einigermaßen zurück voran und nach „nur“ 45 Minuten können wir drinnen unser Gepäck und die dicken Jacken abgeben und stürzen uns ins Getümmel.

Die Ausstellung erinnert uns sehr an das ArtScience Museum in Singapur, das wir schon viele Male besucht haben, doch ist sie viel, viel größer, und die zwei Stunden, die wir dort verbringen, vergehen wie im Flug. Die Räumlichkeiten sind so groß, dass sich die Besucher dort gut verteilen, und es macht Spaß, mit herabfallen Blumen, aus Menschen entstehenden Schmetterlingen oder mit meterhohen, farbwechselnden und singenden Ballons zu experimentieren. Titus malt Reptilien und Fische, lässt diese einscannen und freut sich, wenn die Tiere auf raumhohen Leinwänden zum Leben erweckt auftauchen.

Schon müssen wir wieder los, obwohl wir noch längst nicht alles ausprobiert haben. Per Zug geht es zum südlich gelegenen Haneda-Flughafen, dort entledigen wir uns als erstes der warmen Kleidung, dicken Jacken und Wollsocken und ziehen uns etwas singapur-tauglicher an.

Eine letzte Udon-Suppe (Titus: „Japan ist für mich fast wie das Schlaraffenland.“) und ein paar Souvenirkäufe später besteigen wir das Flugzeug und landen knapp sieben Stunden später um 23 Uhr bei angenehmen 28 Grad in Singapur. Zuhause angekommen, lassen wir das Gepäck einfach so stehen und liegen um kurz nach Mitternacht im Bett. Die Waschmaschine darf dann am nächsten Tag heißlaufen, und die Wintersachen werden allesamt in die hinterste Ecke unserer Abstellkammer verbannt – die brauchen wir dieses Jahr definitiv nicht mehr!

Trotz Frostbeulen sind wir sehr begeistert von unserem Japan-Urlaub. Skifahren ist und bleibt Norman und mein „Ding“, und es ist so großartig, dass auch Titus so große Freude auf der Piste hatte. Ein neues Familienhobby!
In Tokio sind wir quasi schock-verliebt, was für eine großartige, verrückte, schöne und lebendige Stadt. Wir hätten locker noch viele weitere Tage dort problemlos verbringen können, und wir müssen wohl irgendwann einmal den Rest des Landes erkunden!

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