Japan: Bei den Schneeaffen

Japan: Bei den Schneeaffen

Titus klagt nach zwei Tagen auf der Piste über “jelly legs”, und Norman und ich können das gut nachfühlen. Also legen wir am Montag einen Ruhetag ein – der leider nicht wortwörtlich zu verstehen ist. Bereits um kurz vor 7 Uhr klingelt der Wecker, der Blick aus dem Fenster zeigt: richtige Entscheidung, das Skifahren heute sein zu lassen, denn es regnet und der Himmel ist grau.

Beim Frühstück haben wir einen Riesenspaß, Titus in die Künste der “Schmuggel-Semmel” einzuweisen. Denn offiziell darf man ja nie Proviant vom Frühstücksbüffet für tagsüber mitnehmen – aber bei den Preisen in Skigebieten kommt da leider immer unser Schwabenherz durch, und Norman ist ein echter Meister darin! Titus ist natürlich begeistert, dass wir ihm ein Marmeladenbrötchen stibitzen, das schmeckt ihm denn zwei Stunden später gleich nochmal so gut!

Bereits um kurz nach 8 Uhr sitzen wir im Reisebus Richtung Nagano, wir haben nämlich einen Tagesausflug gebucht. Die knapp zweistündige Fahrt ist erstaunlich kurzweilig, denn unser amerikanisch-stämmiger Guide John lebt seit dreißig Jahren in einem Dorf unweit von Hakuba und erzählt spannende Geschichten aus der Geschichte Japans und seinem Alltag. Wir lernen alles mögliche über Reis- und Apfelanbau, Schulbildung, Ahnen-Anbetung und die Winterolympiade 1998, während Titus Hörbüchern lauscht und aus dem Fenster schaut. Die Schnellstraße durch die Täler ist so gut ausgebaut, dass wir um kurz nach 10 Uhr Shiga Kogen erreichen und auf der spiegelglatten Eisfläche auf dem Parkplatz fast auf die Nase fallen.

Nun erwartet uns ein zwei Kilometer langer Spaziergang mitten durch den Wald, auf tief verschneiten Wegen. Norman balanciert auf seinen Sneakers vorsichtig über matschige Stellen, aber wir kommen gut voran und Titus marschiert in seinen wasserfesten Stiefelchen munter voran. Bald kündigt ein Schild das Ziel an: das sogenannte Snow Monkeys Resort. Und schon ist es vorbei mit Titus’ Begeisterung, denn Affen mag er überhaupt nicht mehr. Schilder, die vor dem Mitbringen von Essen warnen, nimmt er sehr ernst und verkneift sich jegliches Hungergefühl.

Unter gutem Zureden und Ablenkung kommen wir voran, und nach einer weiteren Kurve sehen wir bereits die heißen Quellen, die hier aus dem Erdboden sprudeln. Diese locken seit vielen Jahren im Winter ganze Heerscharen von Makaken an, die sich gerne darin aufwärmen. Das kann ich gut nachvollziehen, sitze ich doch auch jeden Abend nach dem Skifahren im Onsen unseres Hotels…

Und tatsächlich: Horden von Affen faulenzen entweder mit behaglichem Gesichtsausdruck im warmen Wasser oder dösen auf den Rohren, die das Heißwasser ins nächstgelegene Hotel transportieren.

Es ist ein fantastischer Anblick, und selbst Titus ist hin- und hergerissen zwischen der Freude über die Baby-Äffchen, die ausgelassen wie Kinder im Wasser tollen, und der Furcht vor den schlauen Tieren.

Die lassen sich von den Hunderten Kameras, die auf sie gerichtet sind, zum Glück nicht weiter stören, lausen sich ausgiebig oder springen von den Felsen mit Anlauf ins Wasser.

Ich könnte noch ewig zuschauen, aber Titus drängelt zum Aufbruch, und der Rückweg zieht sich dann auch ganz schön, sind wir doch inzwischen ziemlich durchgefroren.

Nach einer kurzen Fahrt mit dem Bus erreichen wir das kleine Städtchen Obuse, in dem wir ein köstliches japanisches Essen mit Tempura, Misosuppe, eingelegtem Gemüse, frittiertem Tofu und San Fuji Äpfeln serviert bekommen.

Guide John empfiehlt uns dringend, noch auf einen Nachtisch ins benachbarte Café einzukehren, dort lassen wir uns eine knusprige Waffel mit Eis und karamellisierten Maroni schmecken. Bedauerlicherweise reicht die Zeit danach nicht mehr für eine Sake-Verkostung, denn weiter geht es nach Nagano.

Dort besuchen wir den Zenkō-ji, einen der ältesten buddhistischen Tempel Japans. Titus zeigt sich unbeeindruckt von den meterhohen Wächterstatuen am Eingang. Erst bei der Statue eines Arztes horcht er auf: die hölzerne Figur, die arg abgegriffen ist, soll an der Stelle berührt werden, an der man selbst kränkelt. Anschließend legt man sich die Hand selbst auf, und binnen kürzester Zeit tritt die Heilung ein. Das muss sofort ausprobiert werden, Titus deutet sein Hungergefühl kurzerhand als “Bauchschmerzen” um, und nach einer Portion Baumkuchen, der hier als Spezialität verkauft wird, geht es ihm schon wieder viel besser.

Der Tempel und der Garten sowie die Außenanlage selbst sind wunderschön gestaltet, in den kleinen Geschäften rundherum gibt es Devotionalien aller Arten, man kann sich sein Jahreshoroskop legen lassen und sich mit wohlduftendem Rauch reinigen. Eine Tempelbesucherin schenkt Titus gleich mehrere selbst gefaltete Papier-Kraniche, und wenn von den umliegenden Bergen der Wind nicht so kalt pfeifen würde, würde ich gerne noch länger hier bleiben.

Aber Guide John treibt uns zum Aufbruch, die einstündige Rückfahrt nach Hakuba steht noch bevor, die aber dank bestens ausgebauter Schnellstraße wie im Fluge vergeht. Immer noch satt vom tollen Mittagessen und müde vom langen Tag lassen wir den Abend bei Tüten-Nudelsuppe und Kinderserie gemütlich im Bett ausklingen – auch wenn Titus immer noch mit uns schimpft, weil wir ihn zu den “blöden Affen” geschleppt haben…

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