48 Stunden in Taiwan

48 Stunden in Taiwan

Innerhalb von vier Wochen steht die dritte asiatische Hauptstadt – nach Kuala Lumpur und Tokio – auf meinem Besichtigungsprogramm. Am Freitag Mittag besteige ich die Scoot-Maschine nach Taipeh. Alleine, denn Norman hatte nicht so recht Lust auf einen Wochenend-Ausflug und möchte mit Titus lieber eine Männer-Wochenende zuhause verbringen.Ist mir nicht ganz unrecht, so alleine reist es sich doch einfacher. Ein kleines Handgepäck-Köfferchen ist schnell gepackt, auch wenn ich beim Blick auf die Wettervorhersage doch wieder die langen Hosen und Pullis aus dem Schrank kramen muss: 16-20°C und Regen sind angekündigt.

Am Flughafen geht es dank Online-Check In und Passkontroll-Automaten in Windeseile voran, und den knapp fünfstündigen Flug vertreibe ich mir mit Schreiben und Filme gucken. Natürlich auf dem eigenen Gerät, schließlich bin ich mit der Billigfluglinie unterwegs.

Warum ich überhaupt nach Taiwan fliege? Nun, mein lieber Freund Knut, der uns im Juli spontan für eine Woche besucht hatte, ist momentan als Dirigent mit seinem Berliner Jugendorchester auf Konzertreise in Taiwan. Und da Taipeh doch noch ein wenig näher liegt als Berlin, mache ich mich sozusagen als Fan auf, um ihn dirigieren zu sehen.

Nach der Landung hole ich erst einmal die Windjacke aus dem Koffer, denn es ist ziemlich frisch. Leider ist bereits dunkel, bis ich nach Kauf einer aufladbaren Fahrkarte die Flughafen-Expressbahn besteige und gut vierzig Minuten lang in Taipehs Innenstadt fahre. Der Wind pfeift kühl durch die Türen, und ich laufe mich auf dem Weg ins Hotel, das zum Glück in Gehweite vom Hauptbahnhof liegt, wieder warm.

Irritierenderweise herrscht hier Rechtsverkehr, und ich brauche eine Weile, bis ich mich daran gewöhnt habe. Im Relite Hotel Ximen wartet ein Vier-Bett-Zimmer auf mich, das ich aber mit gleich zwei Kontrabässen (Instrumenten, nicht Musikern) teile. Wenigstens muss ich also nicht alleine schlafen.

Die Wiedersehensfreude mit Knut ist groß, und trotz später Stunde machen wir uns per Uber-Taxi auf zum Shilin Markt, wo wir ausgiebig viele Snacks kosten, stundenlang erzählen und uns über die Taiwanesen amüsieren, die mit größtem Ernst die albernsten Kinder-Glücksspiele an unzähligen Ständen spielen. Mit Pfeilen werfen sie auf Luftballons, versuche, im Wasser Fische zu fangen, sitzen an winzigen Flipperautomaten oder zocken Mahjongg gegeneinander.

Ein unbeschreiblicher Trubel, nur der ständige, übelkeiterregende Geruch des Stinky Tofu schmälert das Vergnügen.

Um Mitternacht fahren wir zurück zum Hotel, dort muss Knut ein wenig Nachtschicht schieben, um aufmüpfige Teenager vor nächtlichen Ausgangstouren abzuhalten, während ich zu meinen Bässen ins Bett krieche.

Am Morgen begrüßt mich Taipeh mit grauem Himmel. Das Frühstück im Hotel ist höchst mäßig, ich breche also früh auf zur Stadtbesichtigung, um möglichen Regenschauern zuvor zu kommen. Zu Fuß marschiere ich durch den nahegelegen 228 Peace Memorial Park und Jieshou Park und verwerfe den Gedanken, in das National Museum zu gehen.

Stattdessen geht es weiter über riesige Kreuzungen und durch Straßenschluchten, auf denen aber am Samstag Vormittag nicht allzu viel los ist. Das graue, ein wenig angeschmuddelte Stadtbild passt zum grauen Himmel, nur die vielen Dekorationen vom gerade erst beendeten Chinesischen Neujahrsfest bringen ein wenig Farbe ins kommunistisch anmutenden Einheitsgrau.

Wie bunt wirkt da erst der Chiang Kai-Shek-Platz mit seinen beeindruckenden Ausmaßen!

Ein riesiges Tor markiert den Eingang dazu, links und rechts flankieren ihn die Konzerthalle und die Oper, in dessen Zentrum die Landesflagge weht. Die Hauptattraktion hier ist aber definitiv die Gedenkstätte für Chiang Kai-shek, das geliebte ehemalige Landesoberhaupt.

Über 89 Stufen (die den Lebensjahren des Staatsgründers entsprechen), erreicht man die mehrere Meter hohe Statue. Als ich die Halle betrete, findet gerade der stündliche Wachwechsel statt, doch vor lauter Handy-Displays vor meinem Gesicht sehe ich davon nicht allzu viel. Weiter geht mein Spaziergang nordostwärts, durch beschauliche Gassen mit kleinen Boutiquen, Wochenmärkten und Cafés .

Bald stehe ich vor einem der wenigen im japanischen Stil erhaltenen Teehäuser der Stadt. Das Wistaria Tea House hat seinen Namen von den drei Blauregen-Bäumen im kleinen Vorgarten, in dem Koi-Karpfen im Teich schwimmen.

Die Einrichtung im Inneren ist so orginalgetreu wie möglich, die Getränkekarte listet mindestens fünfzig verschiedene Teesorten auf. Tee spielt in Taiwan eine wichtige Rolle, wächst er doch in den feuchten, fruchtbaren Hügeln auf der Insel in besonders hoher Qualität.

Ich entscheide mich für einen landestypischen Oolong, der Kellner bringt Stövchen und eine Kanne heißes Wasser sowie ein Tablett voller Schälchen, Tässchen und Kännchen. Dann bietet er mir netterweise an, mir die Tee-Zeremonie vorzumachen, da ich keine Ahnung habe, was ich mit den ganzen Utensilien anfangen soll.

Zuerst schnuppern wir ausgiebig an den losen Teeblättern, bevor diese vorsichtig, um sie nicht zu zerbrechen, in die Kanne gegeben werden. Anschließend wird diese mit heißem Wasser gefüllt, und in andächtiger Stille zählen wir gemeinsam bis 90. Nun ist es Zeit, einen Schluck des Gebräus in eine Degustiertasse zu schütten. Dieses Tässchen ist nur wenig größer als ein Fingerhut und dient dazu, zuerst einmal am fertigen Tee zu riechen und diesen gleichzeitig ein wenig abzukühlen. Anschließend wird die Flüssigkeit in die eigentliche, nur wenig größere Schale umgeschüttet. Ein weiteres Mal wird am nun leeren Degustiertässchen geschnuppert, und dann darf der Tee verkostet werden. Idealerweise in drei Schlucken: ein erster zum Probieren, ein zweiter für den Genuss, ein dritter für den Abgang.

Danach erhalte ich Anweisungen, bei weiteren Aufgüssen der Teeblätter stets dreißig Sekunden Ziehzeit hinzuzufügen, und verbringe eine angenehme Stunde mit vielen Tassen Tee in der  andächtigen Stille des Teehauses bei einem guten Buch.

Danach bin ich gestärkt für die Weiterfahrt, per U-Bahn, deren Netz und Taktung ausgesprochen gut ist, geht es nach Beimen und von dort aus zum Yong Le Market. Das große Backsteingebäude inmitten einen quirligen Stadtviertels voller Straßenstände führt im Erdgeschoss einen großen Food Court sowie Marktstände mit Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch und lokalen Spezialitäten. Bekannt ist die Markthalle aber für ihren 1. Stock: dort befinden sich ausschließlich Stände, die Stoffe und Nähprodukte aller Art anbieten. Ein Traum für jeden, der gerne näht!

Hier ist richtig viel los, vor Buden mit Brokat-, Seiden-, Gardinen-, Anzug- oder Kinderstoffen drängen sich die Kunden, bei den Kurzwaren glitzert und funkelt es vor lauter Bändern, Knöpfen, Pailletten und Spitzen nur so.

Ich lasse mich treiben, befühle mal hier und fotografiere mal da, bis mein Magen knurrt und ich in der gegenüberliegenden Häuserzeile in einem schicken Café eine kurze Mittagspause einlege. So eine Schale Reis mit Gemüse schmeckt gleich nochmal so gut, wenn man sie mit schweren, metallisch glänzenden Stäbchen verzehren darf!

Nun ist es aber spät geworden, ich muss los zum Konzert von Knut und seinem Orchester! Da die Zeit zu knapp für den öffentlichen Nahverkehr ist, bestelle ich mir flugs ein Uber-Taxi und lasse mich weit in den Nordosten der Stadt fahren. Mehrmals fragt mich der Fahrer, ob er noch richtig fährt, anscheinend sagt ihm das Ziel nicht. Mir aber ja erst recht nicht, und erst als ich ihm die Konzertkarte voller chinesischer Schriftzeichen unter die Nase halte und er zwei Mal Passanten und Parkwächter befragt hat, kommen wir ans Ziel. Die Konzerthalle liegt inmitten eines Universtitätscampus und ich schließe mich bei der Suche danach ein paar Studenten an, die im Gegensatz zu mir die Wegweiser entziffern können. Die Platzeinweiserin zeigt mir meinen Sitz, und schon geht es los.Die erste Programmhälfte bestreitet ein einheimischer Kinderchor. Die lieben Kleinen sind entzückend, aufs beste gedrillt und perfekt vorbereitet für ihren Auftritt.

Mit großen Gesten und noch größerer Begeisterung singen sie eine halbe Stunde lang, das leider eher spärlich besetzte Publikum ist hingerissen. Dann folgt der Auftritt des JSB mit Werken von Wagner, Schostakowitsch ein Flötenkonzert von Chaminade. Zum Glück hat mir Knut mir vorab das Programm verraten, denn das Programmheft, das mir am Eingang in die Hand gedrückt wurde, hilft mir nicht sonderlich weiter.

Am Ende singen alle gemeinsam Beethovens „Ode an die Freude“ – allerdings auf Mandarin, dann folgt die große Geschenkeübergabe zwischen taiwanesischen Gastgebern und deutschen Gästen.

Es dauert, bis jeder ausreichend bedacht wurde, sich mit großen Gesten bedankt und revanchiert und verbeugt hat. Der Applaus ist nun stürmisch, besonders, als Knut sich in seiner Rede für die Gastfreundschaft und das großartige Essen in Taiwan bedankt.Mit den Armen voller Gebäckspezialitäten und sonstiger Souvenirs besteigen wir nach dem Konzert einen der drei Reisebusse, die für das Orchester bereitstehen.

Vom Hotel aus machen wir uns in einer schier unüberschaubaren Gruppe von neunzig Personen auf zu einem taiwanesischen Restaurant, in dem ein besonders exklusives Abendessen auf uns wartet. Das besteht leider komplett aus Meeresfrüchten, Fisch und im ganzen gekochten Hühnern und Schweinschultern, das mögen weder die jungen Musiker noch ich.

Zum Glück können Knut und ich uns im Anschluss abseilen und den Huaxi-Night Market unsicher machen.

Bei krossen, würzigen Pfannkuchen und süßen, knusprigen Waffeln spazieren wir über den Markt und bestaunen die exotischen Speisen: in großen Terrarien warten meterlange Pythons darauf, gekauft und verzehrt zu werden, es gibt Froscheier, stinkenden Tofu (dessen Geruch mindestens so aufdringlich ist wie der von Durian), alle Meereslebewesen, die man sich nur vorstellen kann und natürlich der in Taiwan erfundene Bubble Tea.

Dazwischen sind bunte Tempel festlich mit hunderten von Lampions geschmückt, überhaupt ist die gesamte Stadt ein riesiges Lichtermeer. Momentan findet nämlich das jährliche Lantern Festival statt, für das jede Schule, jeder Verein und sonstige Gemeinschaft Lichtinstallationen entworfen hat und entlang der Hauptstraßen ausstellt.

Bei unserer Rückkehr ins Hotel kurz vor Mitternacht schieben sich jedenfalls immer noch Massen an Menschen durch die Straßen, um diese Licht-Kunstwerke zu bewundern und das musikalische Rahmenprogramm zu genießen, während an den Kreuzungen die vielen Rollerfahrer einen Höllenlärm veranstalten.

Ich falle nach den vielen Eindrücken und einem Absacker mit den Knuts Lehrerkollegen todmüde ins Bett – diesmal ohne Musikinstrumente, die schon längst verladen wurden, denn ein Teil des Orchesters ist noch am Abend Richtung Heimat abgereist.

Am Sonntag Morgen sieht der Himmel nach Regen aus, doch das hält mich nicht davon ab, das Wahrzeichen der Stadt, den Taipei 101 Tower, aufzusuchen.

Am Kartenschalter ist entgegen aller Voraussagen niemand vor mir – eigentlich ist es ratsam, bereits vorab online eine Eintrittskarte mit Zeitfenster zu erstehen. Die Dame am Schalter weist mich darauf hin, dass die Sicht wetterbedingt aktuell eher kläglich ist, doch ich will es riskieren und fahre ohne Wartezeit kurz darauf mit dem schnellsten Aufzug der Welt innerhalb von 35 Sekunden bis ins 89. Stockwerk. Es knackt in den Ohren, und der Blick aus 380 Meter vom zehnthöchsten Gebäude der Welt über die Stadt ist: bescheiden. Dicke Wolken versperren die Sicht, nur ein paar der umliegenden Häuser kann ich ausmachen.

Was soll’s, ich finde eh die riesige Stahlkugel, die hier an Stahlseilen hängt, viel spannender. Per Hydraulikvorrichtung gleicht der 660 Tonnen schwere Ball von Wind und durch Erdbeben verursachte Schwingungen des Turms aus und verringert so dessen Seitbewegung um bis zu 40%. Eine tolle Konstruktion, und für eine mitten in der Erdbebenzone gelegenen Insel wie Taiwan auch notwendig.

Nun muss ich aufbrechen, per U-Bahn geht es zurück zum Hauptbahnhof und von dort aus per Expresszug zum Flughafen. Vom Zug aus habe ich nun endlich einen Blick über die grünen Hügel und das Häusermeer der Stadt, der mir vom Turm aus verwehrt geblieben ist.

Am frühen Nachmittag besteige ich das Flugzeug zurück nach Singapur, so dass ich rechtzeitig zu Hause bin, um Titus noch ein Gute-Nacht-Lied zu singen.Ein schönes Wochenende liegt vor allem dank netter Gesellschaft hinter mir – ob Taipeh wirklich eine reine Städtereise wert ist, darüber bin ich mir letztendlich nicht sicher…


Nachtrag: Sämtliche Besichtigungstipps habe ich von der wundervollen Facebook-Gruppe „Weltfrauen“. Die Taiwan-kundigen Damen dort haben auf meine Anfrage, was ich keinesfalls in Taipeh verpassen sollte, sofort hilfsbereit Auskunft gegeben. Vielen Dank dafür! 

2 Replies to “48 Stunden in Taiwan”

  1. Wegen der 5 Stunden Flugzeit war mein erster Gedanke „Moment mal, die sind doch gar nicht so weit auseinander??“ Ein Blick auf die Karte hat dann gezeigt, wie weit Singapur und Teipeh wirklich voneinander entfernt sind. – So kann man sich verschätzen! – Da hättest du eigentlich direkt in Japan bleiben können bis zu deinem Teipeh-Ausflug.

    Wenn man so deine Schilderungen über den öffentlichen Nahverkehr liest: Wieso bekommt man es in (Süd-) Ostasien hin, nahtlos, pünktlich, kundenfreundlich zu sein (grad die Aufladekarte, hier ist man stolz wie Oskar über das Smartphonesystem – ehm, das ist jetzt doof, weil ich schon mal keine Smartie habe), und hier ist man schon mit einem simplen Ticketautomaten überfordert??

    Eine schöne Woche wünscht
    Franziska

    1. Du hast völlig recht, für einen reinen Wochenendausflug war der Trip nach Taiwan ganz schön weit. Aber die Flüge hier sind so herrlich günstig, da konnte ich nicht widerstehen.

      Ganz Deiner Meinung, was den ÖPNV angeht. In München ist das Fahrkartensystem so kompliziert, dass nicht einmal die Einheimischen durchblicken. Immerhin gibt’s seit zwei Jahren eine App dafür – aber ich weiß jetzt schon, dass ich die Aufladekarte ungemein vermissen werde.

      Ebenfalls einen guten Wochenstart und viele Grüße,
      Nadine

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