Staatlicher Wohnungsbau in Perfektion

Staatlicher Wohnungsbau in Perfektion

Singapurs Bevölkerung lebt zu über 80% in Eigentumswohnungen. Dass das in einer der teuersten Städte der Welt überhaupt möglich ist, liegt am staatlichen Wohnungsbauprogramm der in den 1960er Jahren eingerichteten Behörde „Housing and Development Board“ (kurz: HDB).

Als Zugereister wohnt man ja meist in den privat erbauten Condominiums und hat deswegen nicht unbedingt Zugang zu diesen einzigartigen Wohnarealen.
Deshalb lasse ich mich mit einer Gruppe der Swiss Association von Guide Charlotte, einer gebürtigen Singapurerin, durch ihr Stadtviertel Toa Payoh und Ang Mo Kio führen. Wir treffen uns um halb zehn an der MRT-Station Bradell, die bequemerweise nur 2 Haltestellen von meinem Zuhause entfernt liegt.

Charlotte erzählt uns zunächst einiges über die Entwicklungsgeschichte des HDB:

Nach Singapurs Erlangung der Selbstverwaltung wurde 1960 umgehend das Housing & Development Board (HDB) gegründet, um den Wohnungsmangel zu beheben und der Bevölkerung preiswerte Wohnungen anbieten zu können, und gleichzeitig die noch Ende der 1960er Jahre in besetzten Gebäuden und Ladenlokalen hausenden Menschen (1966: etwa 550.000) in staatliche Wohnungen umzusiedeln. Der Weg dorthin führte zu einer großen Bautätigkeit, es sollten möglichst viele Wohneinheiten entstehen, die hauptsächlich zur Vermietung an Einkommensschwache vorgesehen waren. Gleichzeitig wurde ein Programm entwickelt, das es auch diesen ermöglichte, Wohneigentum zu erwerben, statt zu mieten, indem der Central Provident Fund (Pensionkasse) zum Kauf genutzt werden konnte.

Von 1960 bis 1969 wurden vom HDB 147.000 Wohneinheiten gebaut, das entspricht 140.000 pro Jahr. Im Vergleich dazu entstanden jährlich “nur” rund 2.500 privat finanzierte, Aus Platzgründen baute man in die Höhe, und damit entsprach das HDB-Programm ganz der neu ausgerufenen Linie der nun unabhängigen singapurischen Regierung: sozialer Zusammenhalt, Integration und Patriotismus. So entstanden die ersten Neubausiedlungen in Queenstown, Toa Payoh, Ang Mo Kio, Jurong – und bald überall in der ganzen Stadt verteilt.

Das System ist faszinierend: Käufer kann laut der “Permanent Resident Quota” nur ein Singapurer Staatsbürger werden, der über 21 und verheiratet ist. Singles können sich frühestens ab 35 für eine Wohnung bewerben. Das führt dazu, dass in Singapur jung geheiratet und sofort eine Wohnung gekauft wird. Denn das Haushaltseinkommen ist gedeckelt – wer über S$ 12.000 pro Monat verdient, hat keinen Anspruch auf eine HDB-Wohnung. Der Staat folgt einer einfachen Rechnung: auf sein Eigentum gibt man mehr acht, als auf eine Mietwohnung.

Die Zuteilung erfolgt nach Alter/Bedarf, d.h. ein kinderloses Paar wird kaum eine Vierzimmerwohnung bekommen. Es darf im Lauf eines Lebens dann aber gerne getauscht werden: wird die Wohnung zu klein, da Kinder oder andere Verwandten hinzukommen, meldet man sich bei der HDB-Verwaltung. Dabei gibt es Priorisierungen: besonders unterstützenswert sind demnach Wohnungssuche, die in drei Generationen zusammenleben, Familien mit drei Kindern oder Senioren.
Offiziell gibt es deshalb keine Obdachlosigkeit im Stadtstaat, und auch keine Gentrifizierung – auch Krankenschwestern, Polizisten, also die Mittelschicht, können sich mitten in der Stadt Wohneigentum leisten. Im Vergleich dazu schneiden Metropolen wie New York, London oder auch München ziemlich schlecht ab…

Ausländer haben keine Möglichkeit, die preislich erstaunlich günstigen Wohnungen zu erwerben (S$ 4.000 pro m²). Allerdings können Eigentümer nach fünf Jahren Besitz ihre Wohnungen unter bestimmten Bedingungen an Nicht-Staatsbürger vermieten.

Verschiedene ethnische und Einkommensgrupppen werden sowohl beim Verkauf als auch bei der Vermietung gemischt, um soziale Schichtung und Gettos zu vermeiden. Der Verteilungsschlüssel orientiert sich dabei am Anteil der Gesamtbevölkerung Singapurs.
Jeder öffentliche Wohnblock wird als eigenständige Gemeinschaft betrachtet, in die ein Gemeinschaftsbereich integriert ist, um die soziale Interaktion zu fördern. Die sogenannten “Void Decks” (den Begriff gibt es nur in Singapur) bezieht sich auf einen leeren Raum, meist im Innenhof. Diese geschützten Räume stehen für sämtliche Festivitäten der Bewohner offen, dabei wird streng darauf geachtet, dass keinerlei Diskrimierung stattfindet. So finden im Void Deck sowohl malayische Hochzeiten als auch chinesische Begräbniszeremonien, Partys, Flohmärkte oder Gymnastikstunden statt.

Die “Stadt in der Stadt” ist stets so angelegt, dass es nicht zwingend notwendig ist, das Wohngebiet zu verlassen, um sämtliche Bedürfnisse zu befreidigen. Innerhalb eines HDB-Areals finden sich Schulen, Ärztehäuser, Parks, Gemeinschaftsgärten, Sportanlagen, Spielplätze, Kindergärten ebenso wie ein Markt mit einem Food Court, Friseure, Einzelhandel und Dienstleister in den kleinen Ladenlokalen im Erdgeschoss der Hochhäuser. Ein moderner Dorfplatz.

Besonders bei älteren Wohnanlagen gibt es lange Flure, die über die gesamte Länge eines Stockwerks verlaufen. In Singapur ist es wegen des Klimas üblich, die Wohnungstür offen zu lassen, um ein wenig Durchzug zu generieren. Über die Flure findet also allein schon durch die täglichen Wege ein stetiges nachbarschaftliches Miteinander statt, Kinder sind stets gern gesehen und die Eigentümer schätzen das Gefühl des Zusammenlebens.

Hatten die ursprünglichen HDB-Anlagen noch maximal zehn Stockwerke, wird heutzutage meist über vierzig Stockwerke hoch gebaut. Mehr Wohnraum für mehr Menschen!
Inzwischen geht man beim Bau verstärkt auf die Bedürfnisse der alternden Gesellschaft, indem barrierefreie Zugänge mit eingeplant und kleiner Wohnungen angeboten werden.

Hier in Toa Payoh funktioniert das Konzept jedenfalls. Erstaunlich, wie viel hier los ist! Jeder Platz auf dem Hawker Centre ist vormittags und mittags besetzt.
Charlotte kennt sich dort bestens aus und holt Snacks von ihren Lieblingsständen. Deren Besitzer sind darauf mächtig stolz, und wir dürfen an weiteren Ständen kostenlos mal dies, mal das probieren. Hier kommen nicht allzu oft Langnasen vorbei!

im Uhrzeigersinn von links oben:
Carrot Cake, Thunder Tea Rice, Black Glutinous Rice, Yam Dumpling (aka Longevity Bun)

In den Friseurläden stehen die Menschen Schlange, auf dem Markt wird Gemüse begutachtet und mit den Nachbarn das tägliche Schwätzchen gehalten. An den Sportanlagen halten sich die Senioren fit, die philippinischen Haushaltshilfen schleppen Einkäufe nach Hause oder schieben Rollstühle. Sämtliche Wege sind innerhalb des Wohnblocks bis hin zur nächsten Bushaltestelle stets überdacht: das schützt vor Regen ebenso wie vor der heißen Tropensonne.
Im Gemeinschaftsgarten rupft jemand Unkraut und schwatzt mit der Nachbarin im zweiten Stock, die gerade die Wäsche auf den Vorrichtungen vor den Fenstern aufhängt.
An jeder Ecke werden wir begrüßt wie alte Freunde. Stets ertönt ein freundliches “Welcome to Singapore” – die Bewohner scheinen allesamt höchst zufrieden mit ihrem Leben hier zu sein.

Die Singapurer sind zurecht stolz auf diesen einzigartigen staatlichen Wohnungsbau, der es mit dem Bau von “Executive Condominiums” auch Besserverdienern recht zu machen versucht. Während die älteren und einfachen HDBs eine recht gleichförmige Architektur haben, orientiert man sich bei den Neubauten an den privaten Hochhauskomplexen. The Pinnacle @ Duxton ist seit 2010 die höchste HDB-Wohnung in Singapur mit sieben miteinander verbundenen 50-stöckigen Türmen mit insgesamt 1.848 Einheiten.
Einen guten Einblick über die unterschiedlichsten Bauweisen und Bewohner der einzigartigen HDBs gibt der kiloschwere Bildband „HDB Homes of Singapore”.

Öffentlicher Wohnungsbau in Singapur: eine echte Erfolgsgeschichte!



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