Auf den Spuren des Singapore Sling

Auf den Spuren des Singapore Sling

Singapur, Anfang des 20. Jahrhunderts. Das ehemalige malayische Fischerdorf wächst kontinuierlich, seit Sir Stamford Raffles Anfang 1819 das Gelände an der Mündung des Singapore Rivers zum britischen Freihafen erklärt hat.

Bereits hundert Jahre später blüht die Stadt, Menschen aus aller Herren Länder siedeln hier, arbeiten für europäische Schifffahrtsgesellschaften, exportieren Gewürze, Opium oder Seide und überziehen das ehemalige Sumpfgelände mit gigantischen Plantagen für Muskatnüsse, Zuckerrohr und exotische Früchte. Natürlich brauchen die zunehmenden Gäste der Stadt, die per Schiff nach einer beschwerlichen, mehrmonatigen Reise in Singapur ankommen, eine angemessene Unterkunft.

1887 wird deshalb das Raffles Hotel errichtet, ganz modern im Kolonialstil erbaut, luftig leicht und in bester Lage. Jeder, der etwas auf sich hält, steigt hier ab. In der Long Bar trifft sich ab dem späten Nachmittag jeder, der in der prospierenden Stadt etwas gilt, zur Tea Time oder besser gesagt: zum Drink unter Freunden.

Die Herren der Schöpfung, allesamt gut betucht und trotz der Tropenhitze im dreiteiligen Anzug mit passendem Tropenhut gekleidet, sprechen dem Gin dabei zu, ganz nach britischem Vorbild. Den Damen ist zum einen der Konsum von alkoholischen Getränken in der Öffentlichkeit nicht gestattet, zum anderen sagt ihnen dieses scharfe Getränk gar nicht zu. Sie bevorzugen eher Mischgetränke, in denen zusätzlich zum Gin Cherry Brandy, andere Liköre und Eis enthalten sind – sogenannte „Slings“, die auf den ersten Blick auch als „Fruchtsäfte“ durchgehen.

Da diese Mischdrinks – anfangs gelten sie ebenfalls als unfein – immer populärer werden, experimentiert der findige Barkeeper der Long Bar, Ngiam Tong Boon (spannender Artikel über sein Leben hier), mit diversen Mischverhältnissen, bis er 1915 den „Straits Sling“ auf die Karte setzt: Gin, Cherry Brandy, Limettensaft, Bénédictine und Soda. Die Damen lieben das erfrischende Getränk, die Herren ebenfalls, und der „Singapore Sling“ tritt seinen Siegeszug durch die Clubs und Cocktailbars der Welt an, der bis heute anhält – wenn auch heute eine leicht abgewandelte Version ausgeschenkt wird, die zusätzlich Angosturabitter, Ananassaft und Grenadine enthält.

Singapur, 2018: Nach langen Renovierungarbeiten öffnet im an der heutigen North Beach Road / Ecke Bras Basah Road gelegene Raffles Hotel die Long Bar wieder. Die über die Jahrzehnte immer wieder umgebaute Bar wurde nun in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt – und ich muss natürlich hin, um am Originalschauplatz das berühmteste Getränk der Stadt zu verkosten. Da mein Schwiegervater ein ausgesprochener Cocktailliebhaber ist, habe ich in ihm einen perfekten Begleiter gefunden. Titus zeigt sich anfangs nicht begeistert, den späten Nachmitag in einer „Bar“ zu verbringen.

Beim Betreten im ersten Stock sind wir anfangs irritiert, der Boden ist über und über mit Erdnusschalen bedeckt, die unter den Schuhsohlen knirschen. Doch sobald wir Platz in der ganz in dunklem Teakholz gehaltenen Bar genommen haben, entdecken wir die großen Leinensäcke, die auf jedem Tisch bereit stehen. Die darin enthaltenen Erdnüsse dürfen gratis geknabbert werden, nach alter Tradition fegt man sämtliche Abfälle tatsächlich einfach vom Tisch auf den Boden. Titus ist augenblicklich mit dem Ausflugsziel versöhnt. Eine Stunde lang pult er fleißig und freut sich, dass er herumkrümeln darf, soviel er will.

Wir bestellen derweil Getränke, ich entscheide mich aus grundsätzlicher Abneigung gegen süße Fruchtsäfte für das Ursprungsgetränk, während Peter und Anneliese einen angepassten „Singapore Sling“ bestellen. Der Preis dafür ist stolz, über S$30 kostet ein Gläschen davon, aber für die  Recherche ist uns nichts zu teuer. Während Titus weiterhin Berge von Schalen unter dem Tisch produziert, lassen wir uns die Longdrinks schmecken. Ich bin sehr angetan von der saftfreien Variante, auch wenn mir der Gin schnell zu Kopf steigt.

An der Decke sorgen Fächer für ein wenig frische Luft (was wegen der auf 17 Grad eingestellten Klimaanlage gar nicht nötig ist). Die Fächer sind an langen Bändern aufgehängt, die früher sicher von einem einheimischen Angestellten gezogen wurden – heute versetzt ein elektrischer Motor die Aufhängung in Bewegung. Die Atmosphäre erinnert auch mit Hilfe der Rattanmöbel und des sehr gedämpften Lichtes tatsächlich an das Plantagenbesitzerleben von vor hundert Jahren, die hangetriebene Zuckerrohrpresse rattert hin und wieder, und ich sehe Rudyard Kipling und Charlie Chaplin in ihren Leinenanzügen vor mir sitzen.

Sobald das gesamte Hotel endlich wieder eröffnet ist, werde ich definitiv an einer Führung dort teilnehmen, um noch mehr über die spannende Geschichte dieses Singapurer „Zeitzeugen“ zu erfahren!

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