Neuseeland: von Wanaka nach Queenstown

Neuseeland: von Wanaka nach Queenstown

Titus erstes Anliegen nach dem Aufwachen ist, sofort wieder mit den beiden Singapurer Kindern weiterzuspielen. Immerhin schaffe ich es, ihm vorher noch eine halbe Scheibe Toast aufzudrängen – was schwierig genug ist, denn in ganz Neuseeland gibt es offenbar keine einzige Müsli-Sorte, die ihm schmeckt, und nun lässt er sich wenigstens auf ein bisschen Brot zum Frühstück ein…

Nachdem ausgiebig gespielt wurde, verabschieden sich alle voneinander, und wir fahren zu einem kleinen Bauernhof am anderen Ende der Stadt. Die „Lavender Farm“ ist der wohl gepflegtest und hübscheste Farm, die ich je besucht habe. Ihren Namen hat sie von den vielen Lavendelfeldern, deren Blüten für Tees, Seifen und Duftöle verwendet werden, die im kleinen Shop verkauft werden. Überhaupt ist alles dort auf Lavendel zugeschnitten, alles ist lavendelfarben gestrichen, sogar der antike Traktor, auf dem Titus sogleich Platz nimmt.

New photo by Nadine Dietl / Google Photos

Für die Rosen- und Gemüsebeete interessiert er sich wenig, ein bisschen spannender sind schon die Bienenstöcke, die den lokalen Lavendelhonig produzieren. Aber wir sind natürlich wegen der Tiere gekommen: ausgestattet mit einem hübschen Vintage-Eimerchen voller Tierfutter besuchen wir Schafe, Hängebauchschweine, Ponys und Alpakas. Die lassen sich bereitwillig streicheln, und mit dem perfekten blauen Himmer über uns und die Berge in Sichtweite vor uns ist es schon sehr idyllisch hier.

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Wir machen uns auf den Weg und biegen auf die Straße nach Queenstown ein. Diese führt uns auf einer schmalen Bergstraße einmal quer über die Crown Range, eine Gebirgskette, auf der unter anderem das Skigebiet Cadrona auf 1.900 Metern liegt, welches jetzt im Frühling natürlich ausgestorben ist. Mit maximal 40 km/h kommen wir auf den engen Kurven und steilen Steigungen voran, doch bei der eindrucksvollen und zugleich kargen Landschaft um uns herum haben wir es nicht eilig. Nach etwa einer Stunde Fahrt haben wir den höchsten Punkt erreicht und sehen vor uns den großen Wakatipu-See, an dessen Ufern Queenstown liegt. Ich habe inzwischen aber kaum noch einen Blick für die Umgebung, sondern behalte besorgt die Tankanzeige im Auge – die rutscht bedenklich weit in den Reservebereich, auf der gesamten 130 Kilometer langen Strecke gibt es leider keine einzige Tankmöglichkeit. Ich bin erst erleichtert, als wir die Stadtgrenze von Queenstown erreichen und sofort zu ersten Tankstelle fahren.

Queenstown ist das bekannteste Abenteuersportzentrum Neuseelands, und bietet von Wintersport bis Mountainbike-Trails, Rafting auf Flüssen und Seen, Bungeespringen, Gleitschirmfliegen, Hubschrauberrundflügen,… einfach alles an, was man sich an einem Alpenort am See überhaupt nur vorstellen kann. Die Innenstadt ist voller hipper Burgerläden, Sportgeschäften und Reisebüros, in denen man sämtliche Nervenkitzel-Abenteuer buchen kann.

Wir steuern erst einmal den Creeksyde-Campingplatz an; der liegt fußläufig zum Stadtzentrum an einem kleinen Bächlein, die ganze Anlage ist sehr künstlerisch im Hundertwasser-Stil gestaltet – und der Stellplatz hier kostet soviel wie sonst nirgends auf unserer Reise bisher. Immerhin haben wir vom Stellplatz aus perfekten Bergblick, und zur Gondelstation sind es nur wenige Minuten Fußweg. Bei strahlendem Sonnenschein und weit über 27 Grad fahren wir mit der Gondel auf den Bobs Peak.

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Dort stürzen wir uns ins erste Abenteuer: eine Fahrt mit der neuseeländischen Variante einer Sommerrodelbahn. Mit dem sogenannten „Luge“ kurven wir schnittig um die Kurven – Titus ruft anfangs noch besorgt „Bremsen!“, will aber unten angekommen gleich nochmal. Zum Glück haben wir drei Fahrten gelöst, und so steigen wir gleich wieder in den Sessellift ein, der uns zum Start bringt. Was für ein Spaß!

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Unsere Pläne, im Anschluss noch eine kleine Wanderung zu machen, zerschlagen sich – hier kann man zwar alles mögliche machen, aber Wandern kommt in der Freizeitgestaltung Queenstowns offenbar nicht vor. Also genießen wir auf der Sonnenterrasse der Gipfelstation einen Kaffee beim perfekten Blick über den Wakatipu-See und lassen uns von der Sonne verbrennen, bevor wir mit der Gondel wieder talwärts fahren. Unten stolpern wir quasi in den kleinen Vogelpark, und da wir unbedingt wenigstens einmal das neuseeländische Wappentier sehen wollen, berappt Norman den horrenden Eintritt und wir statten dem Kiwi einen Besuch ab. Dieser nachtaktive, flugunfähige Vogel, den es bis zur europäischen Besiedelung millionenfach hier gab, ist in freier Wildbahn kaum noch zu sehen, doch hier bekommen wir das etwa hühnergroße Tier in einem abgedunkelten Gehege bei Rotlicht zu Gesicht. Während er gefüttert wird, erzählt der Tierpfleger einiges zu diesem wirklich recht unscheinbaren, seltsamen Federvieh – schon erstaunlich, dass die Neuseeländer sich selbst stolz im Ausland als „Kiwis“ vorstellen.

Titus findet die ganze Vorstellung eher fad, viel eher freundet er sich mit einem anderen Ureinwohner Neuseelands an. Der Kea, ein Gebirgspapagei, ist so schlau, dass sein Problemlösungs-Gebaren (und sein Hang, Unordnung zu machen) ungefähr auf dem Stand eines vierjährigen Kindes entspricht. Kein Wunder, dass Titus und der Kea sich sofort verstehen und ihre Liebe zu Kiefernzapfen und Stöckchen teilen.

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Zum Abschluss des Tages versorgen wir uns im Bio-Supermarkt mit Lebensmitteln und bereiten dann mit Portobello-Pilzen, grünem Spargel, frischem Brot mit Kräuterbutter und den obligatorischen Tofu-Würsteln ein echtes Gourmet-Barbecue auf dem Campingplatzzu. Ein sehr schöner Tagesabschluss!

Den nächsten Vormittag lassen wir ruhig angehen, wir sitzen bis zum frühen Mittag in und um das Wohnmobil, spielen, schreiben, lesen und besuchen die Entenfamilie, die auf dem Gelände wohnt, und die mit insgesamt zehn kleinen Baby-Entchen zwischen den Autos umherspaziert.

Endlich raffen wir uns auf und machen uns zu Fuß auf ins Stadtzentrum, wo wir zwischen den vielen Geschäften bis zur Seepromenade entlangschlendern. Dort entdecken wir einen ziemlich tollen Spielplatz, an dem Titus rutscht, balanciert und auf den in die Brücken eingelassenen Glöckchen spielt. Leider müssen wir recht bald zum Aufbruch blasen, und finden uns dann auch – nach einem Abstecher in eine Bäckerei, in der sogar Brezn verkauft werden! – bei „Family Adventures“ ein. Hier haben wir eine familientaugliche Rafting-Tour gebucht, und da sich sonst niemand dafür angemeldet hat, sind wir die einzigen Teilnehmer.

Mit dem Kleinbus werden wir zum Kawarau River kutschiert, unser Fahrer und Guide Marc nutzt für den Weg ein holpriges, steiles Sträßchen, das von den Goldgräbern angelegt wurde. Nachdem ein glücklicher Auswanderer hier im Jahr 1862 einen beachtlichen Goldfund gemacht hat, setzte der Goldrausch ein, und Zehntausende suchten ihr Glück in der sicherlich damals recht unwirtlichen Gebirgslandschaft und dem Reichtum verheißenden Fluss. Dieser Goldrausch hielt tatsächlich bis weit ins 20. Jahrhundert hind an, die zum Teil recht mitgenommenen Berghänge und Flußufer künden immer noch von den Bemühungen der Goldsucher.

Ebenfalls beklemmend sehen die Unmengen an toten Bäumen aus, ganze Wälder sind komplett schwarz und vertrocknet. Wir vermuten zuerst Waldbrände, werden dann aber aufgeklärt, dass hier gezielt Gift gesprüht wird, um solch invasive Arten wie die nordamerikanische Pinie zu zerstören, da sie die komplette Fauna Neuseelands zu ersticken droht.

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Auf dem Weg durch enge Kurven werfen wir immer wieder Blicke in die gut 100 Meter tiefer liegende Schlucht, in der der Fluss rauscht. Nach einer kurzen Umzieh-Pause, in der wir Fleecejacken, Neoprenanzüge und -Schuhe sowie wasserdichte Jacken, Schwimmwesten und Helme anlegen, geht es hinunter ans Wasser.

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Nach einer Sicherheitseinweisung besteigen wir zu dritt mit Rafting-Experte Marc das Schlauchboot. Obwohl Titus am Tag vorher noch jegliche Bootsaktivität abgelehnt hat, sitzt er nun stolz mit eigener Ausrüstung und eigenem Paddel im Boot – und hört in den folgenden zwei Stunden Fahrt nicht mehr auf zu strahlen. Voller Elan paddelt er, hilft mit beim „Mann über Bord“-Manöver (für das Norman mehr oder weniger freiwillig herhalten muss), ruft „Hold on!“ und packt Seile zum Festhalten, wenn wir auch nur in die Nähe von Stromschnellen kommen, und nach dem ersten eiskalten Schwall Wasser ins Gesicht möchte er gerne „noch mehr nass werden“.

Unsere Fahrt führt uns unter der 100 Meter über uns die Schlucht überspannende Brücke hindurch, dort wurde in den 1990er Jahren das Bungee-Springen quasi erfunden und kommerzialisiert. An anderer Stelle wurden Szenen für „Lord of the Rings“ gedreht, an einer Kurve das erste Gold gefunden – Marc könnte wohl endlos weitererzählen, so „geschichtsträchtig“ ist die Umgebung. Viel zu schnell erreichen wir den Ausstieg, wo schon Fahrerin Holly auf uns wartet. Nachdem wir trockene Kleidung angelegt und einen kleinen Snack bekommen haben, geht es dann zurück nach Queenstown. Titus singt auf der Heimfahrt nur selbstvergessen vor sich, er ist sichtlich erledigt von dem neuesten Abenteuer! Also verwerfen wir die Ausgehpläne für den Abend und machen es uns im Wohnmobil gemütlich – Queenstown ist ganz schön anstrengend.

3 Replies to “Neuseeland: von Wanaka nach Queenstown”

  1. …und ganz schön aufregend für mich als Heimleser! Meine Güte, da habt ihr wieder Tolles erlebt! Ich freu mich auf den nächsten Eintrag. 🙂

    Liebe Grüße
    Franziska

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