Neuseeland: von Manapouri nach Dunedin

Neuseeland: von Manapouri nach Dunedin

Natürlich finden wir draußen nach dem Aufstehen einen strahlend blauen Himmel. Das Gras ist noch nass, das Thermometer zeigt gerade einmal knapp 10°C an, aber die Luft ist herrlich klar. Beim Losfahren können wir noch einen fantastischen Blick auf die schneebedeckten Gipfel rund um unseren Campingplatz erhaschen, der uns am Tag zuvor ja leider verborgen blieb.

Heute liegt eine lange Etappe vor uns. Über die Kepler Plains geht es knapp 100 Kilometer lang mehr oder weniger gerade aus – vorbei an den schon bekannten Schaffarmen. Wir passieren winzige Ortschaften, die aus zehn oder zwanzig Häusern bestehen. Die vom Regen reingewaschene Luft lässt den Himmel besonders klar erscheinen, und die Hügellandschaft, die entweder von saftigen Wiesen oder sich sanft im Wind wiegenen Tussock– und Ginster-Büschen bewachsen ist, leuchtet im Morgenlicht.

Heute lauschen wir während der Fahrt dem guten alten „Pumuckl“ – da kommen Münchner Heimatgefühle auf! Um 11 Uhr erreichen wir die „Hauptstadt“ dieses Bezirks. In Gore reihen sich an einer Hauptstraße gleich mehrere Cafés nebeneinander, und nachdem wir uns ein wenig die Beine vertreten haben, kehren wir in eines davon ein, aus dem sich gerade die deutsche „Studiosus“-Reisegruppe verabschiedet. Ansonsten treffen wir auf diesem Abschnitt unserer Reise wenig andere Touristen, die allgegenwärtigen Wohnmobile sind deutlich weniger geworden.

Erst letzte Woche habe ich einen Roman beendet, der natürlich ganz passend zu unserer Reise in Neuseeland spielt, und zwar zur Zeit der ersten englischen und irischen Siedler (für Leseratten: Sarah Lark, Das Gold der Maori). Darin wird unter anderem die Geschichte des Goldrauschs behandelt, der 1862 über die Südküste Neuseelands hereinbrach. Und genau eine der berühmt gewordenen Stellen, an denen sagenhafte Mengen Gold aus dem Clutha River gewaschen wurde, liegt nur einen kleinen Umweg von unserer geplanten Route entfernt. Da wir bislang so gut vorangekommen sind, verlassen wir also die Hauptstraße und biegen auf eine deutlich kleinere Landstraße Richtung Raes Junction ab. Nun treffen wir, wenn überhaupft, nur noch auf die in Neuseeland obligatorischen Pickups der Einheimischen, wir fahren an einem Volksfest inklusive Schafscher-Wettbewerb vorbei und immer tiefer hinein in die „Blue Mountains“. Wie weiße Tupfen machen wir auf sämtlichen Grünflächen Schafe aus, die Sonne scheint inzwischen bei über 20°C, und pünktlich zur Mittagszeit erreichen wir Gabriel’s Gully. Hier wurde der erste Goldfund gemacht, und aus dem völlig abgelegenen, unbewohnten Stück Land entstand innerhalb weniger Monate eine Siedlung von über 11.000 Goldsuchern, die zum Teil unter haarsträubendsten Bedienungen den kalten Wintern trotzten, um vielleicht ein paar Gramm Edelmetall zu finden.

Heute findet sich dort ein eher verschlafenes kleines Städtchen namens Lawrence, und wir kehren in ein kleines Restaurant ein. An jedem Hauseck prangt ein Foto, welches auf seine Herkunft bis in die 1860er Jahre verweist, und im winzigen Museum dürfen wir völlig ungestört alte Goldgräberausrüstungen bestaunen.

Wo die ersten Siedler noch mehrere Tagesreisen lang zu Esel oder gar zu Fuß untewegs waren, fahren wir auf einer malerischen Bergstraße hinaus aus dem Clutha-Tal, bis wir in Milton auf die Hauptstraße Nr. 1 treffen, die uns innerhalb kürzester Zeit zur Hafenstadt Dunedin bringt. Dabei knacken wir die 2.000 Kilometer-Marke, allein die heutige Etappe war mit 270 Kilometern ganz schön weit, aber keine Minute lang langweilig oder öde!

Dunedin wurde durch James Cook im Jahr 1770 erstmals den Europäern gegenüber erwähnt, und nach Robben- und Walfängern besiedelten 1848 knapp vierhundert schottische Siedler die Halbinsel. Der Name der Stadt – dessen Aussprache uns bislang immer noch nicht 100%ig klar ist – geht auf das gälische Wort für Edinburgh zurück, und Dunedin ist nicht nur mit knapp 120.000 Einwohnern die siebtgrößte Stadt Neuseelands, sondern nennt sich auch „Edinburgh of the South“.

Beim ersten Spaziergang, nachdem wir uns auf dem Campingplatz eingerichtet haben, wird uns auch klar, warum es den Schotten hier so gut gefallen hat. Der Strand von St. Kilda wirkt mit seinen donnernden Wellen, dem weiten Himmel, der grünen Steilküste und der Stadt, die sich über die Hügel dahinter ausbreitet, tatsächlich so, als befänden wir uns irgendwo auf den britischen Inseln. Das Wasser des Pazifik ist allerdings so warm, dass sich darin einige Surfer tummeln, während Titus ausdauernd Buchstaben in den feinen, weißen Sand malt und über uns die Möwen im Wind segeln.

Nach einem Abstecher zum Spielplatz mache ich mich auf in die Küche des Campingplatzes. Dort sind mindestens acht verschiedene Parteien aus aller Herren Länder mit der Zubereitung des Abendessens beschäftigt, und da ich nicht mehr zu tun habe, als Nudeln zu kochen, bleibt mir genügend Zeit, allen dabei zuzugucken. Die chinesische Großfamilie brät Gemüse mit Sojasauce, die Koreaner rühren Omelett und suchen nach einer Steckdose für ihren eigenen Reiskocher, die österreichischen Mädels braten Schinkennudeln, die norwegische Familie mit den zwei blonden kleinen Kindern grillen trotz der Kälte draußen Wurst – kurz: es ist hochspannend!

Titus wünscht sich aber heute die Fortsetzung seines Filmabends, auch wir wollen wissen, wie „Sing!“ weitergeht, und machen es uns alle im Camper Van gemütlich. In der Nacht läuft der Elektroofen wirklich oft, denn die Temperaturen fallen deutlich unter 8°C – südlicher und näher an die Antarktis geht’s nicht mehr.

Beim Frühstück ist das Bild in der Küche ähnlich zu dem vom Vorabend. Da wir aber eher zu den Langschläfern gehören, finden wir zumindest genügend Platz, denn ich brauche dringend heißen Kaffee und Porridge. Titus entdeckt anschließend den Aufenthaltsraum, in dem ein völlig verstimmtes Klavier und eine Kiste mit ziemlich gebrauchtem Spielzeug steht, und verlangt dringend ausgiebige Spielzeit. Recht hat er!

Deshalb ist es auch schon fast 11 Uhr, bis wir endlich zu unserem Ausflug aufbrechen. Mit dem Auto fahren wir hinaus aus der Stadt ostwärts auf die merklich weniger dicht besiedelte Otago-Halbinsel. Nur ein paar Jogger, Spaziergänger mit Hunden und Reiter begegnen uns auf dem Weg Richtung Küste, bis wir den Parkplatz der Sandfly Bay erreichen. Von den Namensgebern der Bucht ist heute zum Glück nichts zu sehen, und wir machen uns auf den steilen Abstieg über große Dünen bis hinunter an den Strand.

Dort sollen sich gerne Seelöwen zum Ausruhen einfinden, und tatsächlich sichte ich am äußersten Ende nah bei der Klippe eine Seelöwen-Mutter, die im Schlaf ihr Junges mit der Flosse umfasst und selig Mittagsschlaf hält. Die Tiere sind viel größer als gedacht, die Seelöwenkuh ist um die zwei Meter lang, und wir halten gebührenden Abstand.

Auf dem Weg an andere Ende der Bucht stolpern wir fast über die riesigen Büscheln von gigantischen Seetang-Blättern, die im Sand liegen und fast wie Fischhaut aussehen. Die Möwen picken darin herum, offenbar sind sie auf der Suche nach überlebendem Meeresgetier. Wir machen einen großen Bogen um das stinkende Gewächs und wollen lieber noch mehr Seelöwen suchen, als wir auf halbem Weg von einem heftigen Gewitter überrascht werden. Obwohl wir sofort Regenjacken anziehen umdrehen, sind wir nach wenigen Minuten schon durchnässt. Auf dem steilen Pfad hinauf auf die Dünen rinnt uns ein Bächlein über die nassen Füße, oben auf der Düne peitscht uns der Wind ungehindert den Regen ins Gesicht, der sich zu allem Übel auch noch in Hagelkörner verwandelt. Titus äußert seinen Unmut über dieses Wetter und wir sind alle ziemlich froh, als wir endlich unser Auto erreichen. Zum Glück erwartet uns darin nicht nur eine Heizung, sondern für jeden auch gleich ein ganzer Koffer voll trockener Kleidung – die nassen Sachen werfen wir einfach auf einen Haufen und abends dann in die Waschmaschine und den Trockner.

Da wir nun dringend ein Heißgetränk brauchen, fahren wir bei strömendem Regen zurück in die Innenstadt und finden auch sogleich den richtigen Abzweig zum Otago-Museum.

Der Kaffee dort belebt die Geister, und wir fühlen uns gerüstet für einen ausgiebigen Museumsbesuch – der tatsächlich kostenlos ist. Mir geht das Herz auf bei kleinen Sonderausstellung über Sir Edmund Hillary, der die Ausrüstungsgegenstände seiner Everest-Besteigung dem Museum vermacht hat.

Titus begeistert sich vor allem für die Dinosaurier-Skelette und vielen ausgestopften Tiere, während Norman in der Schifffahrt-Ausstellung staunt. In der Science-Sonderausstellung experimentieren die beiden Männer dann bis zum Ende der Öffnungszeit, genau der richtige Zeitvertreib für einen kalten und regnerischen Sonntag!

Wir fahren anschließend weiter ins Stadtzentrum, das sogenannte „Octagon“ (da um einen achteckigen Platz erbaut). Unsere Parkplatzsorgen sind völlig unbegründet, da die komplette Innenstadt wie ausgestorben ist. Sämtliche Cafés schließen in diesem Städtchen bereits am Nachmittag, Geschäfte haben sonntags überhaupt nicht geöffnet, und bei dem Wetter ist draußen sowieso niemand unterwegs. Also steuern wir den historischen Bahnhof an, und das nebenan in einer ehemaligen Pferdewechsel-Station untergebrachte Restaurant „Cobb & Co.„. Titus verschwindet dort augenblicklich im Spielzimmer und taucht nur hin und wieder auf, um zu essen.

Bis wir zurück zum Campingplatz kommen, ist es schon weit nach 20 Uhr, ein langer Tag liegt hinter uns, und auch wenn Titus heftig leugnet, schon Abendessen bekommen zu haben, lässt er sich dann doch recht bald ins Bett bugsieren – es ist aber auch die gemütlichste Variante bei dem kalten Wind draußen. Norman und ich versuchen anschließend, unsere arg in Mitleidenschaft gezogenen Schuhe zu trocknen und den Innenraum des Autos von Sand und Regenwasser zu befreien. So langsam sehne ich mich nach dem Singapurer Klima zurück, glaube ich…

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