Neuseeland: Von Kaiteriteri über Westport nach Hokitika

Neuseeland: Von Kaiteriteri über Westport nach Hokitika

Am Morgen ist der Himmel zum ersten Mal bewölkt, und Norman prophezeit Unwetter. Zum Glück haben wir heute keinen Tagesausflug geplant, sondern wollen vor allem ein ganzes Stück Wegstrecke bewältigen. Also verstauen wir alle Habseligkeiten rutschfest im Auto und starten. Norman lotst mich dank seiner noch in Singapur heruntergeladenen Straßenkarte durch verschlafene kleine Weiler, die Landschaft ähnelt der im Allgäu, und wir fühlen uns fast heimisch!

Nach wie vor hält sich der Verkehr in Grenzen, alle paar Kilometer begegnet uns ein anderes Fahrzeug, und ohne Probleme gelangen wir so zur etwas „größeren“ Hauptstraße Nr. 6, die uns nach Murchinson bringt. Titus, der sonst ja eher ungern Auto fährt, ist so zufrieden mit seinem Sitzplatz vorne, dass wir tatsächlich besser vorankommen als gedacht.

Nach knapp zwei Stunden Fahrt verlangt er aber nach Mittagessen, und praktischerweise erreichen wir sowieso kurz darauf den Parkplatz der Buller Gorge. So ein Camper-Van ist schon praktisch: schnell den Gashahn aufgedreht, den Kühlschrank inspiziert, und wenige Minuten später klappen wir den Tisch hinten aus und lassen uns Brotzeit und Tomatensuppe zum Mittagessen schmecken.

Derart gestärkt, wagen wir uns auf die Hängebrücke, die längste Neuseelands, wir man uns am Ticketschalter stolz verkündet. Titus marschiert ohne viel Federlesens darüber, obwohl sie ganz schön wackelt.

Ein kleiner Wanderweg führt uns hinunter zum Fluss, doch das beliebte Steine-Werfen wird uns von den Schwärmen der Sandfliegen verleidet, die über uns herfallen.

Der Wanderweg selbst ist mit einigen Bildtafeln versehen, die von der Geschichte der Goldgräber erzählen, die im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert hier ihr Glück gesucht haben.

Doch das eigentliche Highlight ist die große Seilrutsche, auf der man den Rückweg über den Fluss antreten kann. Völlig klar ist für Titus: da will er mitfahren! Wir fragen dreimal nach, doch er bleibt dabei. Also schicken wir Norman voraus und ich nehme mit dem mutigen jungen Mann im Zweisitzer Platz. Der nette Mitarbeiter schnallt uns akribisch fest und plaudert angeregt mit uns, bevor er uns ausklinkt und auf den Weg über die 110 Meter breite Schlucht schickt. Titus ist völlig begeistert davon und scheint sich doch zunehmend für diesen „Abenteuerurlaub“ zu erwärmen…

Als wir wieder ins Auto steigen, beginnt es zu nieseln, und wir legen den Rest des Weges bis ins Örtchen Westport ohne weiteren Zwischenhalt zurück. Da Westport ein eher „größerer“ Ort mit über 4.000 Einwohnern ist, finden wir hier nicht nur ein nettes Café, das uns mit Heißgetränken und Backwaren versorgt, sondern auch eine Filiale der „New World“-Supermarktkette, wo wir uns mit allem Nötigsten für die nächsten drei Tage eindecken. Die Weißwein-Auswahl ist schier unübersichtlich, und wir legen uns ein paar Vorräte zu.

Nur ein paar Querstraßen weiter finden wir einen netten Campingplatz, melden uns dort an und verbringen ein Stündchen lesend im Auto, während Titus „Briefe“ schreibt. Da wir zum ersten Mal tatsächlich mitten in einem Ort nächtigen, beschließen wir, zum Abendessen auszugehen, und fahren ein kurzes Stück bis ins nächstgelegene Pub. So ein eigenes Auto, das gleichzeitig Schlafplatz und Fortbewegungsmittel ist, ist wirklich unfassbar praktisch!

Im Pub werden wir wie überall in Neuseeland herzlich begrüßt und Titus wird sogleich zur Spielzeug-Kiste mitten im Lokal geführt. Ich lasse mir ein Pint Bier schmecken, Norman bleibt lieber bei Ginger Ale, denn die Alkohol-Toleranz hier liegt bei quasi Null, und da gleich gegenüber das örtliche Polizeirevier ist, will er kein Risiko eingehen.

Als wir gesättigt – Pub-Essen ist immer fettig und gut! – das Lokal verlassen, regnet es deutlich stärker, und auf dem Campingplatz brauchen wir bereits den Schirm, um zum Zähneputzen und Duschen zu gehen.

Schon in der Nacht werde ich mehrfach wach von dem prasselnden Geräusch, dass der Regen auf dem Dach erzeugt, das in der oberen Schlafkoje ja nur etwa 15 Zentimenter von meinem Kopf entfernt ist. Zum Glück lässt Titus sich davon nicht stören, und da es dank der wirklich guten Verdunklungsrollos an allen Fenstern und der dicken schwarzen Regenwolken draußen nicht viel zu sehen gibt, schläft der kleine Mann bis halb neun.

Zum Glück gibt es eine Küche mit kleiner Sitzgelegenheit auf dem Campingplatz, so dass wir im Warmen und Trockenen frühstücken können. Titus verpasst den anderen anwesenden Deutschen gleich mal einen Ohrwurm, da er „Von den blauen Bergen kommen wird“ trötet, während er ein Toastbrot knabbert. Ich fabriziere derweil aus dem restlichen Toast Brickets, weil die Toaster hier ihre eigene Mechanik haben…

Bei immer noch strömenden Regen lassen wir es ruhig angehen, lesen und videofonieren mit der Familie in Deutschland, bevor wir gegen halb elf vom Parkplatz losfahren.

Nach gut 15 Kilometern erreichen wir über eine verlassene kleine Landstraße die Küste; das Unwetter peitscht die Wellen dort meterhoch an den Strand, und von der versprochenen Seelöwen-Kolonie sehen wir nichts, wie uns auch die anderen Wohnmobil-Touristen (wieder alles Deutsche) auf dem Parkplatz versichern. Wir sparen uns also das Aussteigen und beobachten nur staunend die unerschrockenen einheimischen Jugendlichen, die auf ihren Surfbrettern den Wellen trotzen.

Wir machen uns auf den Weg Richtung Westen, und treffen dabei kaum auf andere Fahrzeuge. Achtzig Kilometer lang geht es entlang von Schaf- und Kuhweiden, Pässe hinauf und hinunter, mal nieselt es, mal schüttet es, mal wackeln heftige Windböen an unserem Fahrzeug, so dass ich kaum die Spur halten kann. Die Blicke auf die Küste sind beeindruckend, doch auch die hier lebenden Pinguine lassen sich bei dem Wetter nicht blicken.

Zum Glück haben wir die nächsten Kapitel von „Räuber Hotzenplotz“ heruntergeladen, und Titus ist so gefesselt von der Geschichte, dass er kaum zum Aussteigen zu bewegen ist, als wir gegen Mittag endlich den Parkplatz unseres Zwischenziels erreichen. Dabei hat ihn die Aussicht, „Pancake Rocks“ zu sehen, schon im Vorfeld schwer begeistert! Da es immer noch stürmt, ziehen wir uns dicke Fleecepullis, Regenjacken und Wanderschuhe an, Titus darf sogar in Regenhose und Handschuhe schlüpfen, und Norman nimmt seinen allgegenwärtigen Schirm mit.

Ein kleiner Wanderpfad führt uns vom Parkplatz zu den Felsen an der Küste. Hier sind wir nicht mehr alleine, jeder einzelne Parkplatz ist mit einer Art Wohnmobil belegt, daneben reihen sich Reisebusse und PKW aneinander. Vom schlechten Wetter lassen sich nur die wenigsten abhalten, ist doch diese Felsformation eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Süd-Neuseelands. Wie uns bereits die Chefin vom Campingplatz in Westport ganz richtig gesagt hatte, ist diese erst bei heftigem Wellengang besondern interessant. Denn die Wellen klatschen in naturgeformte Becken und sprühen in Fontänen meterhoch in die Luft – diese „blow holes“ sind wirklich beeindruckend, auch wenn wir auf dem exponierten Weg schier vom Wind weggepustet werden. Titus ist diese ganze Naturgewalt ein bisschen unheimlich, das Regen schlägt uns waagrecht ins Gesicht, aber die Felsen sehen wirlich aus, als seien Pfannkuchen über Pfannkuchen aufeinander gestapelt.

Trotz Schirm und Regenjacke sind wir ziemlich durchgefroren und nass und kehren zu einer ausgiebigen Mittags- und Aufwärmpause ins direkt am Parkplatz gelegene Café ein. Titus verschmäht die dort angebotenen Pfannkuchen und knabbert lieber ein Butterbrot, während sich sämtlich Tische um uns mit ausschließlich deutschen Touristen füllen. Meistens sind es Paare mit Baby, die klassiche Elternzeitreise führt eben nach Neuseeland, aber auch die Rentner in praktischen Zip-Hosen sind zahlreich vertreten.

Das Regenwetter lädt förmlich zur Weiterfahrt ein, und so nehmen wir wieder im Auto Platz und fahren weitere knapp zwei Stunden – der Tacho meldet unterdessen, dass wir bereits 1.000 Kilometer zurückgelegt haben. Wir lassen uns derweil bestens von Kinderlieder-Hits und einem „Bingo“-Blatt, bei dem man auf der Fahrt bestimmte Dinge wie Schafe, Wohnwagen, Schlaglöcher entdecken und abhaken soll, unterhalten.

In Hokitika fahren wir auf den kleinen und familiären Campingplatz von Kevin und Justin ab, dort werden wir herzlich begrüßt und verbringen den restlichen Nachmittag und Abend in dem kleinen Aufenthaltsraum. Gemeinsam mit gut dreißig anderen Campern herrscht dort eine gemütliche Atmosphäre, Titus begutachtet ausgiebig die umfangreiche Brettspielsammlung und macht Bekanntschaft mit dem Haushund. Der Hausherr und seine Frau servieren selbstgebackene, noch warme Scones mit Marmelade und scheinen sich elterlich verantworlich für ihre Gäste zu fühlen, die allesamt eher besorgt sind, ist doch die Straße, die zum Fox-Gletscher führt (das wichtigste Reiseziel aller Anwesenden), von einem gewaltigen Erdrutsch in Mitleidenschaft gezogen.

Wir kochen gemütlich in der kleinen Küche Abendessen, danach setzt sich Titus nacheinander zu sämtlichen Spielegruppen, die sich gefunden haben, dazu, und scheint nach dem eher ereignislosen Tag noch lange nicht in Zu-Bett-Geh-Laune zu sein…

6 Replies to “Neuseeland: Von Kaiteriteri über Westport nach Hokitika”

  1. Ihr Lieben

    Zur Einstimmung auf die kommenden Weihnachtszeit hier der Text zur NZ version von Jingle Bells – sehr gut im Campervan zu üben.

    https://www.google.com/search?newwindow=1&ei=mU3lW-X7BcLVwAKDwrKoCw&q=+jingle+all+the+way+Christmas+in+New+Zealand+on+a+sunny+summer%27s+da&oq=+jingle+all+the+way+Christmas+in+New+Zealand+on+a+sunny+summer%27s+da&gs_l=psy-ab.3..33i10k1.72722.72722.0.73533.1.1.0.0.0.0.190.190.0j1.1.0….0…1c.1.64.psy-ab..0.1.189….0.82CZh4ayGow

    https://www.youtube.com/watch?v=_2Er1vQ23Rw

    Liebe Grüsse
    Die Schweizer

    1. Liebe Schweizer, danke für die Musik-Empfehlung! Wir werden üben und können ja dann in Thailand an Weihnachten zusammen singen!

  2. Liebe Nadine,

    da hast du uns wieder ganz tolle Aufnahmen und Beschreibungen geschenkt. Die Hängebrücke samt Seilrutsche wären auch etwas für mich, thihi. =D Da kommen Kindheitserinnerungen hoch!

    Bei so viel schöner Geologie sag ich mal: Bergmanns Heil! Laßt euch nicht wegwehen.

    Herbstliche Grüße
    Franziska

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