Neuseeland: von Haast nach Wanaka

Neuseeland: von Haast nach Wanaka

Die Nacht war kalt, und frierend ziehen wir uns nach dem Aufstehen schnellstmöglich an, bevor die Tür des Camper Vans geöffnet wird. Im Aufenthaltsraum ist es noch ruhig, nur der völlig verklebte und verdreckte Fußboden zeugt von dem feuchtfröhlichen Gelage am Abend zuvor. Nach dem Frühstück marschieren Titus und ich zum Spielplatz, den wir auf der anderen Straßenseite entdeckt haben; inzwischen hat sich die Sonne hervorgewagt, und bald legen wir Jacken und Pullis ab.

Heute geht unsere Fahrt ins 160 Kilometer entfernte Wanaka, doch auf dem Weg dorthin müssen wir erst einmal den Haast Pass überwinden. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h kommen wir nur langsam voran, nehmen uns aber trotzdem die Zeit und halten bei besonders schönen Aussichtspunkten an – die sind hier stets genauestens ausgeschildert. Also wandern wir zum Beispiel ein paar Minuten durch den Wald, bis wir auf den Haast River treffen, hier gibt es ein paar nette Wasserfälle zu sehen und vor allem natürlich große Steine, die sich vortrefflich ins Wasser werfen oder zu Steinmännchen aufschichten lassen.

Nach weiteren fünfzig Kilometern erreichen wir den Mount Aspiring-Nationalpark und machen vom vollen Wanderparkplatz aus eine längere Wanderung bis zu den sogenannten „Blue Pools„. Über schwankende Hängebrücken erreichen wir diese Flußbecken, die türkisblau schimmern und offenbar tief genug sind, so dass sich Mutige von der Brücke aus ins eiskalte Wasser fallen lassen. Wir beobachten das Spektakel lieber vom Flußufer aus, wo Titus mal wieder einen Staudamm bauen kann und uns die Sonne ins Gesicht scheint.

Am späten Nachmittag erreichen wir dann Wanaka, der kleine Ort liegt direkt am Lake Wanaka und erinnert uns mit seiner schicken Uferpromenade, den vielen Sonntagsausflüglern, die bei Sonnenschein in einem der vielen Restaurants und Cafés am Seeufer sitzen, und der Radler, Wanderer und Spaziergänger an einen Seeort in den bayerischen Voralpen – Schliersee vielleicht?

Auf jeden Fall gefällt es uns gut hier, und so fahren wir direkt den Wanaka Kiwi Holiday Park an. Dieser Campingplatz hat auf den einschlägigen Seiten beste Bewertungen erhalten, und allein der Blick von unserem zugewiesenen Platz über die Berge rechtfertigt diese.

Titus verschwindet auf dem Spielplatz, ich werfe eine Ladung Wäsche in die Waschmaschine und Norman kümmert sich in der offenen Küche gegenüber unseres Stellplatzes um die Zubereitung des Abendessens. Bei schönstem Wetter genießen wir ein Barbecue, und obwohl es nach Sonnenuntergang auch hier merklich kühler wird, ist das Klima am See offenbar deutlich gemäßigter als in den letzten Tagen.

Erstaunlicherweise schlafen wir hier ziemlich lange morgens, erst gegen 8:45 Uhr wird Titus wach. Auf allen Campingplätzen, auf denen wir bisher genächtigt haben, war es so ruhig, dass nichts unsere Nachtruhe störte. Und in dieser Nacht war es deutlich wärmer draußen, so dass niemand frieren musste.

Da der Himmel wolkenverhangen ist und wir eh schon zu spät dran sind, verwerfen wir die eigentlich geplante ausgedehnte Wanderung und machen uns auf zum Diamond Lake. Am dortigen Wanderparkplatz packen wir Brotzeitdosen und machen uns auf den Weg zum sogenannten „Rocky Mountain„. Am Wegrand blühen die ersten Löwenzahnblüten, oben auf den umliegenden Gipfeln liegt noch Schnee und das eine oder andere Skigebiet sind dort zu erkennen. Die gesamte Landschaft erinnert uns wieder einmal schwer an die Alpen, statt Kiefern wachsen hier aber wieder einmal die verschiedensten Farnarten, und die Vogelrufe klingen auch ungewohnt.

Der Weg führt steil bergauf, bald haben wir den Parkplatz weit unter uns gelassen. Titus spinnt weiter an seiner schier endlosen Geschichte, so lange er redet und sein Ideenreichtum ungebremst ist, kann er scheinbar endlos lange gehen. Gut so, denn der Wanderweg ist zwar abwechslungsreich, aber auch ganz schön anspruchsvoll: der Pfad wird zunehmend schmaler, nach den Regenfällen rettungslos matschig und überschwemmt und bald führt er auch mitten durch ein Bachbett über große Steine bergauf – eine echte Kletterpartie! Ich habe tatsächlich vergessen, meine Bergschuhe anzuziehen, und balanciere nun also in meinen Laufschuhen durch Pfützen und über Felsen…

Aber alles halb so schlimm. Nach mehr als eineinhalb Stunden Marsch und knapp vierhundert Höhenmetern erreichen wir ein Hochplateau kurz unterhalb des Gipfels und finden, dass sich der Aufstieg für den Ausblick auf den Lake Wanaka mehr als gelohnt hat. Auf einer kleinen Felsplatte finden wir ein trockenes und halbwegs windgeschütztes Plätzchen für ein Picknick, für Titus wie immer das Highlight jeder Wanderung. Lange verweilen wir aber nicht, denn es beginnt zu nieseln und wir sind froh über Regen- und Fleecejacken. Der Abstieg auf dem Rundweg geht nun auch viel leichter vonstatten, nach gerade einmal einer Stunde erreichen wir den Parkplatz und versichern Titus, dass sich die neuen Wanderschuhe, die er unbedingt vorab haben wollte, mehr als gelohnt haben!

Bei der Rückfahrt nach Wanaka passieren wir gleich mehrere Wiesen, auf denen Mutterschafe grasen, dicht gefolgt von ihren recht neugeborenen Lämmern. Titus und Norman bestehen darauf, dass ich scharf bremse und sofort am Straßenrand anhalte, damit sie sich die niedlichen Lämmchen genauer anschauen können – es ist Frühling in Neuseeland!

Kaum erreichen wir das Ortszentrum von Wanaka, verziehen sich auch die letzten Regenwolken, und die Sonne kommt zum Vorschein. Mit Kaffee und Snacks machen wir es uns am See gemütlich, Titus testet den Spielplatz ausgiebig und verfolgt die neugierigen Entenpärchen, die leider nicht besonders daran interessiert sind, Karotten von ihm entgegenzunehmen. Norman lässt sich derweil in der Touristen-Information ausgiebig zu Bootstouren auf den großen Fjorden beraten.

Zurück auf dem Campingplatz genießen wir alle die warme Dusche, dieser Luxus-Campingplatz hat sogar beheizte Waschräume! Titus springt anschließend schier endlos auf dem großen Trampolin, beneidenswert, wie viel Energie so ein Kind hat! Als ich kurz darauf in der offenen Küche das Abendessen zubereite, komme ich mit der Großfamilie am Kochplatz nebenan ins Gespräch: unüberhörbar Singapurer! Mit den beiden Buben, vier und sechs Jahre alt, freundet sich Titus dann auch praktisch sofort an, und die drei jagen die folgenden zwei Stunden lang rennend und juchzend um Zelte und Wohnmobile.

Als kleine „Belohnung“ für unsere gemeinsam bewältigte Wandertour machen wir es uns zum Abschluss des Tages im Auto gemütlich und machen einen „Filmabend“ – zum Glück habe ich noch zuhause einige Filme aufs Tablet heruntergeladen, und so können wir die erste Hälfte von „The Little Mermaid“ schauen. Und auch als wir Titus dann um kurz nach 21 Uhr ins Bett schicken, möchte er am liebsten noch weitergucken – dabei hat er sich doch wirklich mehr als verausgabt heute! Norman zumindest ist ziemlich erledigt und verzieht sich kurz danach ebenfalls in seine Schlafkoje, während ich noch ein Gläschen Wein genieße.

4 Replies to “Neuseeland: von Haast nach Wanaka”

  1. Das ist absolut idyllisch und erinnert mich an so manchen Tag mit Wohnmobil und Mutsch & Paps on tour. Ihr habt euch einen richtig schönen Flecken des Globus ausgesucht!

    Liebe Grüße
    Franziska

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