Neuseeland: von Christchurch über Kaikoura zu den Marlborough Sounds

Neuseeland: von Christchurch über Kaikoura zu den Marlborough Sounds

Als wir morgen um kurz vor 11 Uhr nach knapp zehn Stunden Flug in Christchurch aus dem Flugzeug steigen, sind wir alle drei ein wenig geplättet. Die Nacht war verhältnismäßig kurz, und Titus schimpft ein bisschen, als ich nach der Landung wecken muss. Immerhin liegen zwischen Singapur und Neuseeland fünf Stunden Zeitunterschied, und für uns ist es gefühlt noch mitten in der Nacht. Draußen erwartet uns immerhin strahlender Sonnenschein, doch es dauert ein wenig, bis wir das Flughafengebäude wirklich verlassen können.

Die Neuseeländer sind bei der Einreise extrem streng, keinerlei Lebensmittel, Früchte, Samen, Erde o.ä. dürfen eingeführt werden. Ganz brav entsorgen wir Apfelschnitze noch vor der Kontrolle, doch Normans schmutzige Wanderschuhe erregen beim Durchleuchten Aufmerksamkeit, da wir sie nicht auf dem Fragebogen angegeben hatten. Mit einer mündlichen Verwarnung durch eine strenge Kontrolleurin, die ihm gehörig die Leviten liest, kommen wir davon – besser als 400 Dollar Strafe, die auf so ein „Vergehen“ stehen. Und dazu werden seine Schuhe sogar noch geputzt und desinfiziert!

Mit dem Shuttle-Bus werden wir zur Mietwagenfirma kutschiert und nehmen kurz darauf unseren Camper-Van in Empfang. Der Gute hat die Ausmaße eines VW-Busses und ist innen mit vier Schlafplätzen und einer Küche ausgestattet. Zur großen Freude von Titus hat das Auto vorne gleich drei Sitzplätze, so dass er mittig zwischen uns auf dem Kindersitz Platz nehmen kann.

Nach einer kurzen Einweisung zu Stromversorgung, Wasseranschluss und Ausstattung geht es los, wir fahren erst einmal zum nächsten großen Supermarkt. Dort decken wir uns mit dem Nötigsten für die kommenden Tage ein, außer Müsli, Milch, Nudeln, ein bisschen Obst und Gemüse kommen natürlich auch Spül- und Waschmittel sowie ein paar Flaschen Bier und Wein in den Einkaufswagen. Die Preise sind ähnlich wie in einem guten deutschen Supermarkt und damit deutlich günstiger als in Singapur.

Im Café hole ich uns noch einen dringend nötigen Kaffee, wir stapeln alle Einkäufe in den winzigen Fächern der Küche und endlich kann es losgehen. Da ich zu Dauer-Übelkeit bei kurvigen Autofahren neige, darf ich gleich mal das Steuer übernehmen, und nachdem ich ungefähr drei Mal den Scheibenwischer statt des Blinkers betätigt habe, klappt das Linksfahren ganz wunderbar. Unser Bus hat zum Glück eine Automatikschaltung, das macht es einfach!

Auf der Bundesstraße 1 geht es Richtung Norden, aus den zwei Spuren werden bald nur noch eine, und wir kommen auf fast menschenleeren Fahrbahnen mit gut 80 km/h gut voran. Grün ist es, auf den sanften Hügeln blüht Ginster, und natürlich weiden Schafe und Kühe entlang der gesamten Strecke. Gemeinsam mit Titus amüsieren wir uns köstlich dabei, dem Hörbuch von „Räuber Hotzenplatz“ zu lauschen, und machen am frühen Nachmittag eine Pause in einem entzückenden kleinen Café mit Garten. Die Sonne scheint so warm, dass wir im T-Shirt draußen sitzen können, und die Luft ist wunderbar klar und riecht nach Frühling.

Gegen halb sechs biegen wir dann kurz vor der Ortschaft Kaikoura auf den Peketa Beach Campingplatz ab. Da wir noch kurz vor der Hauptsaison unterwegs sind, sind noch viele freie Plätze da, und wir bekommen einen Stellplatz mit direktem Meerblick zugewiesen. Während ich mich an die Zubereitung des Abendessens – ganz campingtypisch gibt es Nudeln mit Brokkoli-Sahnesauce – mache, erkundet Titus den Spielplatz, und Norman genießt ein erstes Bier mit Blick auf Meer und schneebedeckte Berggipfel.

Wir sind alle hungrig, und Titus schmecken seine „Wohnmobil-Nudeln“ ausgesprochen gut. Nach einer Runde „Mensch, ärgere Dich nicht“ (bei der ich haushoch verliere), findet der Junior es natürlich auch spannend, seine Zähne im Waschhaus zu putzen und dann ins Obergeschoss unseres Busses ins Bett zu klettern. Nach einer erstaunlich heißen Dusche lege ich mich zu dazu, und wir schaffen gerade mal zwei Seiten von seiner Gute-Nacht-Geschichte, bis uns beiden gleichzeitig die Augen zufallen.

Ich schlafe ungemein gut, wache nachts nur ein paar Mal auf, als heftige Windböen das Fahrzeug zum Wackeln bringen. Titus bewegt sich die ganze Nacht nicht einen Millimeter und bleibt eingekuschelt unter der dicken Decke liegen – er, der sonst sämtliche Zudecken von sich strampelt und keine Minute ruhig liegen bleibt…

Mehr als zwölf Stunden (!) später wacht die ganze Familie fast gleichzeitig auf. Der Campingplatz ist noch leerer als am Abend zuvor, anscheinend sind nicht alle solche Langschläfer wie wir. Aber wir haben trotzdem Gesellschaft beim Frühstück, Horden von Möwen scharen sich um unseren Tisch und werfen begehrliche Blicke auf die Müslischüsseln. Titus ist die Sache so unheimlich, dass er lieber drinnen im Auto essen möchte.

Nachdem alle unsere Sachen wieder im Bus verstaut sind, fahren wir nach Kaikoura. Vom Aussichtspunkt hat man einen tollen Blick auf die Berge und die Bucht, in der wir kurz darauf eine kleine Wanderung unternehmen. Auf den schroffen Felsen dort tummeln sich große Seelöwen und posieren selbstbewusst für Fotos. Die asiatischen Touristen, durchweg in kurze Hosen und Flipflops gekleidet, während wir wegen des eiskalten Winds Daunenjacken und Wanderschuhe tragen, haben wir immer null Berührungsängste und kommen den Tieren ständig zu nahe, wogegen diese sich mit lautem Bellen und Zähnefletschen wehren.

Titus jammert unaufhörlich, dass ihm „viiiiiel zu kalt“ sei, und so scheuchen wir ihn einen steilen Wanderweg zu einem Aussichtspunkt hinauf. Doch auch beim Aufstieg wird ihm nicht warm, während wir Jacken und Pullis ausziehen, drückt er sich seine Kapuze tiefer ins Gesicht und schimpft über „blöde Wanderungen“.

Nachdem wir mit Obst und einer Schüssel Müsli wieder für gute Stimmung gesorgt haben, können wir die lange Fahrt nach Marborough antreten.

Über 150 Kilometer geht es auf malerischen, nach wie vor kaum befahrener Landstraße mitten durch die Natur und für lange Zeit immer am Meer entlang. Vom Auto aus erspähen wir weitere Kolonien von Seelöwen, Reihern, Möwen und anderen Meerestieren. Die Sonne scheint, nur der Wind weht nach wie vor so heftig, dass jede Böe im Auto am Lenkrad reisst. Die Straße wird an vielen Stellen momentan saniert, nach den Erdbeben und Erdrutschen im Jahr zuvor. Deshalb müssen wir häufig warten, wenn wieder einige hundert Meter nur einspurig zu befahren sind. Manchmal gibt es dann eine Ampel, meist steht aber ein freundlicher Straßenbauarbeiter an einer handbetriebenen Schranke. Jeder von ihnen winkt uns begeistert zu.

Der Mittag vergeht, während wir Kilometer um Kilometer fahren, doch bald meldet sich Hunger bei uns allen. Inzwischen sind wir in einer Weinregion angekommen, überall locken Weingüter zu Verkostung und Verköstigung. Nach einigem Herumirren – wir haben kein Navi, und die Offline-Karten auf dem Handy helfen auch nicht immer verlässlich weiter – finden wir das Rock Ferry Weingut etwas abseits der Hauptstraße. Als wir dort auf den Parkplatz einbiegen, ist es schon kurz vor 15 Uhr, doch wir bekommen trotz baldiger Schließzeit noch eine wunderbare Käseplatte, die wir uns mit einem Glas Riesling schmecken lassen. Das Ehepaar am Nebentisch gibt uns ausgiebig Auskünfte zu weiteren Ausflugszielen auf der Südinsel, spricht von Titus konsequent von „your daughter“. Der lässt sich aber pommes-mampfend davon nicht weiter stören, sondern genießt es, dass er dank seiner Englischkenntnisse völlig autark von uns seine Bestellung aufgeben und mit der Bedienung schäkern kann.

Eine letzte Etappe steht uns noch bevor, wir lassen Blenheim und Picton hinter uns, und genießen die Ausblicke auf die Ausläufer des Marlborough Sounds, bevor wir in Linkwater auf einen kleinen Campingplatz abbiegen.

Auch hier stehen außer unserem nur noch sechs andere Autos, der Platz am Fuß der Berge verfügt neben Spielplatz und Trampolin über einen eigenen Streichelzoo, für den uns der Besitzer gleich eine Tüte Futter in die Hand drückt. Titus kriegt sich beim Füttern von Lämmchen, Wollschafen, Ziegen und Schweinen gar nicht mehr ein, während ich in der Küche des Campingplatzes Pfannkuchen zaubere – ein sehr campingtaugliches Essen!

Bei Einbruch der Abenddämmerung, die hier deutlich später kommt als in Singapur, ziehen wir uns warme Kleidung und die Wanderschuhe an und machen uns auf zur Nachtwanderung. Wir überqueren ein paar Kuhweiden, wo Norman souverän die Tiere verscheucht, die sehr neugierig auf uns zulaufen. Ich habe ja einen Heidenrespekt vor Milchvieh, halte mich in diesem Fall also hinter Norman und rede Titus gut zu, der am liebsten sofort wieder umkehren würde. Bald biegen wir auf einen kleinen Waldweg ein, und nach einer halben Stunde bergauf entlang eines Bächleins müssen wir die Stirnlampen auspacken. Die uns entgegenkommenden Wanderer werden von Titus stets mit „Schau, ein Glühwurm!“ begrüßt. Mehrmals müssen wir auf rutschigen Steinen das Bächlein überqueren, bis wir endlich an einem kleinen Wasserfall ankommen. Wir schalten die Stirnlampen aus, inzwischen ist es völlig finster und wir sind ganz alleine hier. Nachdem sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, sehen wir sie: tausende von Glühwürmchen sitzen in den Bäumen rundherum und erleuchten diese wie Licherketten den Weihnachtsbaum! Da hat sich die Wanderung doch gelohnt!

Allerdings schimpft Titus beim Heimweg mehrfach, dass er „keine Abenteuer mehr“ erleben möchte und dass ihm das alles zuviel sei. Als wir endlich den steilen und rutschigen Waldpfad verlassen und wieder über die Kuhweiden laufen, schlaten wir erneut die Lampen aus und betrachten gebannt den Sternenhimmel – so viele Sterne habe ich schon lange nicht mehr gesehen!

Die Uhr zeigt 22 Uhr, als Titus endlich im Schlafanzug im Bett liegt, und wie am Vorabend schläft er auch quasi sofort ein. Ich starte noch den Versuch, mich nach einer heißen Dusche im Campingstuhl an diesen Blogeintrag zu setzen, doch schon nach wenigen Minuten frieren mir Finger und Füße ein und ich kuschle mich lieber ins Bett.

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