O’zapft is in München

O’zapft is in München

Titus liebt seine Lederhose, und deshalb freut er sich auch riesig, dass er am Sonntag früh die komplette Tracht anlegen darf. Leider ist das Hemd ein wenig zu kurz, doch zum Glück hat die Oma vorgesorgt und zaubert ein passendes Oberteil hervor. An den in Deutschland eingelagerten Kleidungsstücken ist deutlich zu merken, wie viel der Junior im vergangenen Jahr gewachsen ist…

Die ganze Familie sitzt kurz darauf sehr bayrisch gewandet im Auto und düst nach München. Denn am zweiten Oktoberfesttag ist der traditionelle Umzug der Trachtenkapellen, und der ist wirklich sehenswert. Entgegen aller Voraussagen setzt sich pünktlich zur Mittagszeit die Sonne durch, und bei herrlichstem Wetter bestaunen wir die aufwändigen, zum Teil historischen Trachten der Kapellen aus aller Welt. Dazwischen klappern die Brauerei-Gespanne mit den riesigen Holzfässern und den noch größeren Pferden davor Richtung Wiesnzelte. Es ist erstaunlich „wenig“ los, so dass es sich gemütlich rund um die Verkaufsstände und Fahrgeschäfte schlendern lässt. Titus verlangt nach einem Lebkuchenherz und isst dieses auch sogleich auf.

New photo by Nadine Dietl / Google Photos
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Wir betreten die „Oide Wiesn“, wo es deutlich familiärer und ruhiger zugeht und das Kind dreht sogleich zig Runden auf dem Kinderkarrussel. Wie gut, wenn man gleich mit zwei Opas auf der Wiesn ist, diese sind für jeden Wunsch offen, liefern sich wilde Fahrten im Box-Auto und zücken die Geldbeutel, um Luftballons, Brezn und sonstige Wünsche zu erfüllen. Im Festzelt „Herzkasper“ wird wie immer traditionell bayrisch gespielt und getanzt, und Titus dreht mit der Oma begeistert seine Runden auf der Tanzfläche, kann seinen Blick gar nicht von Harfe, Klarinette und Co. abwenden.

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Bald ist es für mich Zeit, mich vom Sohnemann zu verabschieden, der darf nämlich mit den Großeltern abends zurück fahren, während ich ein paar Tage „Ausgang“ in München habe. Den nutze ich natürlich sogleich, um mich in den richtigen Wiesn-Trubel zu stürzen und feiere am Sonntag Abend bis zur Schließzeit mit Freunden im Paulaner-Festzelt.

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Am Montag geht es gleich weiter, nach Pflichtterminen wie Zahnarzt und einem Rundgang durch die Münchner Innenstadt schlendere ich am Nachmittag über die sehr leere Wiesn, gucke mir die Fahrgeschäfte an, knabbere gebrannte Mandeln und verbringe zwei sehr entspannte Stunden im Bierzelt mit den ehemaligen Uni-Kollegen, denn auch elf Jahre nach meinem Abschied vom Forschungsprojekt besteht die Freundschaft fort und wir versuchen, uns einmal jährlich zu treffen. Leider ruft sogleich der nächste Termin, sonst wäre auf die ein Maß wohl noch eine zweite gefolgt. Auch beim Verlassen der Theresienwiese hält sich der Besucheransturm noch in Grenzen, in der untergehenden Sonne präsentiert sich das größte Volksfest der Welt im buchstäblich besten Licht, und ich bin sehr froh darüber, hier sein zu dürfen.

Als Kontrastprogramm dazu darf ich abends noch ins Konzert gehen, in der Oper spielt das Staatsorchester eine mitreißende 7. Symphonie von Beethoven, und ich bin beseelt von soviel Musikalität und Esprit. Sehr gerührt fühle ich mich, wie viele ehemaligen Kollegen mich begrüßen und in den Arm nehmen, den Satz „Ich lese mit Begeisterung Deinen Blog!“ höre ich ziemlich oft an diesem Abend.

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Leider hat mich eine Bronchitis erwischt, aber das hält mich nicht davon ab, am nächsten Tag meiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen. Gemeinsam mit Regina, die sich extra Urlaub genommen hat, fahren wir in aller Herrgottsfrüh in die Alpen. Auf leeren Autobahnen und Landstraßen erreichen wir nach knapp zwei Stunden Fahrt bei strahlendem Sonnenschein den Großen Ahornboden im Karwendel. Auf den Wiesen liegt der Raureif, das Auto-Thermometer zeigt frostige -2° an, und wir frieren, als wir uns die Schuhe zubinden. Beim Aufstieg zur Binsalm wird uns aber schnell warm, und der fantastische Blick auf die steilen Lalidererwände wärmt eh das Herz. Zur Stärkung trinken wir eine heiße Schokolade auf der Alm, bevor wir den Panoramaweg zu den Engalmen einschlagen. Der Name ist Programm, das Panorama ist wie aus dem Bilderbuch, wir sind fast allein an diesem Dienstag und genießen die inzwischen warme Sonne, die uns ins Gesicht scheint.

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Viel zu schnell erreichen wir den Parkplatz, die Seele aufgetankt und die Lungen voller frischer, herbstlicher Alpenluft. Die Kuhglocken bimmeln, noch tragen die uralten Ahornbäume ihr grünes Blätterkleid, doch bald schon wird dieses sich in allen Schattierungen von orange, rot und braun einfärben und die Eng erstrahlen lassen.

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Widerwillig trennen wir uns von dem schönen Bergblick und treten die Rückfahrt an, denn abends sind wir natürlich noch einmal auf dem Oktoberfest verabredet.

Ganz nach meinem Geschmack ist die einberufene „Damen-Wiesn“: vier tolle Freundinnen, schöne Gespräche, viel Gelächter und noch mehr Wein führen dazu, dass der Abschied meinen Begleiterinnen sehr schwer fällt, denn der letzte Abend in München vergeht viel zu schnell.

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Und auch die Nacht ist natürlich viel zu kurz – unüberlegterweise habe ich für den Mittwoch Vormittag gleich diverse Termine vereinbart, und so muss ich wohl oder übel bereits um 8 Uhr morgens meinen Koffer am Hauptbahnhof einschließen, um rechtzeitig in Bogenhausen zu sein. Dort werde ich im Büro meiner ehemaligen Arbeitgeber herzlichst empfangen, bei den vielen Gesprächen mit den zig Kolleginnen und Kollegen und Vorgesetzten vergeht die Zeit wie im Flug und ich muss mich sputen, um rechtzeitg bei meiner Freundin Birgitta zum Mittagessen zu sein. In der warmen Mittagssonne sitzen wir am Prinzregentenplatz und erzählen uns den neuesten Klatsch und Tratsch, und auch hier könnte ich noch ewig sitzenbleiben und weiterreden. Doch nach drei Tagen ohne Titus wird es Zeit, ihn endlich wiederzusehen, und so steige ich mit müden Gliedern und vollem Herzen in den Zug und verabschiede mich von München – es war schön mit Dir, Du hast Dich in den vergangenen zwei Wochen von Deiner allerbesten Seite gezeigt!

Doch war der Blick auf das Thermometer heute morgen und die eiskalten Füße gestern abend für mich auch ein Zeichen, dass es nun an der Zeit ist, zurück nach Singapur zu reisen – noch bin ich nicht wieder bereit für einen deutschen Winter…

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