Angkor Wat und krankes Kind

Angkor Wat und krankes Kind

Der Tag beginnt damit, dass Titus über Übelkeit klagt und die Klage gleich in die Tat umsetzt – so schnell springt Norman normalerweise nicht aus dem Bett!

Beim Frühstück wiederholt sich die Szene, doch nach längeren Diskussionen beschließen wir, trotzdem wie geplant heute nach Angkor Wat zu fahren – denn die größte Palast- und Tempelanlage haben wir für heute auf dem Plan. Der Verkehr hält sich in Grenzen, Guide Sochet fährt aus Rücksicht auf Titus wie auf rohen Eiern, und zum Glück ist es bis zum Haupteingang von Angkor Wat nicht allzu weit.

New photo by Nadine Dietl / Google Photos

Der gigantische Parkplatz ist randvoll; im Gegensatz zu uns versuchen die meisten, die Tempel bei Sonnenaufgang oder kurz danach zu besuchen, da dann das Licht besonders stimmungsvoll ist. Ich dagegen lasse mich mit dem recht kränklichen Sohnemann auf den Plastikstühlen der erstbesten Imbissbude nieder, während Norman die erste Besichtigungs-Schicht übernimmt und Richtung Brücke marschiert.

Bei frischer Kokosnuss und dank diverser Serien-Downloads auf dem Tablet verbringen Titus und ich einen eigentlich recht gemütlichen Vormittag, mit Blick auf das große Eingangstor von Angkor Wat. Ich lese und versorge das Kind mit Wasser, und bald darauf klagt der Junior über Hunger, ein gutes Zeichen. Als Norman zurückkommt, mache ich mich auf zur Besichtigung.

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Angkor Wats Wahrzeichen, die große Brücke über den zu Verteidungszwecken angelegten Graben, wird momentan restauriert, also bewege ich mich mit Massen von Touristen über die schwimmende Ersatz-Konstruktion. Zum Glück verlassen zur Mittagszeit die meisten Besucher das Gelände. Ich staune bereits über das Eingangstor, welches ich vor ein paar Wochen erst als Gemälde in der großen Angkor-Ausstellung des Asian Civliisations Museum in Singapur besichtigen konnte. In natura ist es natürlich noch viel beeindruckender, malerisch lässt sich vor meinen Augen ein Affe in einem der Fenster nieder und spielt Fotomodell.

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Das Staunen hält an, denn als ich das Tor passiert habe, öffnet sich der Blick auf die eigentliche Palastanlage. Zu dieser führt ein gut 300 Meter langer, gemauerter und mit Schlangen-Statuen verzierter Pfad, die beeindruckend hohen Türme umgeben von Palmen immer vor Augen. Ich kann mir gut die ungläubigen Blicke der französischen Entdecker vorstellen, die um 1860 auf die vermeintlich verlassenen Ruinen mitten im Urwald gestoßen sind.

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„Vermeintlich verlassen“ deshalb, weil die Khmer-Bevölkerung natürlich immer um die Existenz der Bauwerke wusste und der Hauptraum von Angkor Wat bis heute als Tempel genutzt wird. So sitzt auch heute eine kleine Schar buddhistischer Mönche vor dekorierten Statuen und segnet gegen eine kleine Spende die Besucher.

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Ich wandere auf eigene Faust kreuz und quer durch die Räumlichkeiten, wie überall bisher wird dem Besucher quasi „freie Hand“ gelassen. Raum an Raum folgt aufeinander, verbunden durch manch düstere Gänge, über steile Treppen geht es hinauf und hinab, bis ich am Hinterausgang angekommen bin. Die Außenreliefs sind deutlich verwaschen und werden erst langsam – u.a. mit deutscher Unterstützung – restauriert, dem Stein ist sein Alter deutlich anzusehen, trotzdem ist hier alles intakt, keine herabgefallenen Steine oder eingestürzten Türme sind zu sehen. „Lediglich“ die komplette Inneneinrichtung mitsamt Statuen und Möbeln ist verschwunden und über die Jahrhunderte Plünderungen und Zerstörungen zum Opfer gefallen.

Dadurch ist im Inneren außer den Reliefs nicht viel zu sehen, und durch die schiere Größe sowie die vielen posierenden Besucher wirkt das Bauwerk für mich nicht ganz so „besonders“ wie der Beng Mealea-Tempel am Vortag, der scheinbar vergessen mitten im Wald liegt.

Ich sammle Titus und Norman ein, und obwohl wir wegen Titus‘ Unwohlsein eigentlich die Tour für heute beenden wollen, rät uns unser Guide, doch wenigstens noch einem weiteren Tempel auf dem Weg einen Besuch abzustatten. Wenige Kilometer weiter steigen wir auf einem sehr kleinen und verlassenen Parkplatz aus, offenbar zählt dieses Bauwerk nicht zu den Hauptattraktionen. Titus wird in eine Hängematte, die ihm von denn Essenstand-Besitzerinnen überlassen wird, geparkt, und Norman liest ihm eine lange Geschichte vor, so dass ich mich auf den Weg zur letzten Besichtigung des Tages machen kann.

Über einen schattigen Waldweg marschiere ich über die obligatorische Schlangenbrücke und ein Tor fast einen Kilometer geradeaus, bis ich auf den Tempel „Preah Khan“ stoße. Außer mir sind hier vielleicht noch zehn weitere Besucher unterwegs, und die Ruhe und Abgeschiedenheit lassen das Bauwerk gleich umso interessanter wirken. Etwa ein Drittel der Anlage ist eingestürzt bzw. wurde von der Natur zurückerobert, die bemoosten Steine liegen kreuz und quer übereinander und erschweren die Suche nach dem richtigen Durchgang manchmal, doch ergeben sich durch das eher ziellose Umherwandern viele spannende Blicke auf von Bäumen überwucherte Außenmauern und wunderschön gearbeitete Reliefs. Eidechsen huschen vor mir davon, ansonsten treffe ich kaum jemanden.

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Zurück am Ausgang beenden wir unsere Besichtigungsrunde nun endlich, und Titus schläft bereits nach den ersten Metern im Auto auf dem Rückweg ein. Guide Sochet erklärt uns derweil, wie man am besten Frösche und Spinnen fängt, die ja hier in Kambodscha ganz alltäglich auf dem Speiseplan stehen.

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Kaum sind wir beim Hotel angekommen, ist Titus schlagartig wieder übel, und so verwerfen wir sämtliche Pläne für den Nachmittag und liegen stattdessen auf dem Bett, lesen und spielen, während wie jeden Tag am Nachmittag der Regen an die Scheiben klatscht. Das Hotelpersonal ist ganz besorgt um das Kind, möchte am liebsten sofort einen Arzt rufen oder mich wenigstens zur Apotheke begleiten, aber ich lehne dankend ab – erfahrungsgemäß ist in wenigen Stunden alles wieder gut.

Und tatsächlich, kaum hört der Regen auf, jammert Titus schon wieder über Langeweile, und am frühen Abend machen wir uns auf in den Trubel rund um den Markt Siem Reaps. Wir erstehen ein paar Mitbringsel zu absoluten Schnäppchenpreisen, und auf großen Wunsch des wieder genesenden Juniors statten wir gemeinsam einem „Fish-Spa“ einen Besuch ab. Kaum haben wir unsere Füße in die großen Wasserbassins gehalten, schon nagen hunderte kleiner und größerer Fische die abgestorbenen Hautschuppen daran ab. Das Kitzeln ist schier unerträglich, ich muss mich wirklich sehr beherrschen, um nicht ständig zurückzuzucken. Doch Titus macht die Sache großen Spaß, auch nach zwanzig Minuten hat er nicht genug und behauptet, dass die gelben Fische „besonders puschelige Zungen“ haben.

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Wahrscheinlich würden wir immer noch dort sitzen, hätte ihn nicht ein plötzliches Hungergefühl übermannt. Im Cham’kar, einem rein vegetarischen Lokal, lassen wir uns Gemüsesrollen, Auberginen- und Pilzcurry schmecken, während Titus eine große Portion Nudeln vertilgt. Für den Heimweg leisten wir uns ein Tuk-Tuk, die Fahrt mit dem kutschenähnlichen Gefährt macht einfach Laune und lohnt sich selbst für die kurze Strecke! Das Hotelpersonal ist jedenfalls sehr froh, dass Titus wieder hergestellt ist, und wir sind es natürlich auch!

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