12 von 12 im Juli

12 von 12 im Juli

Am Morgen ist klar, dass heute nochmal ein Tag sein wird, an dem das Kind zuhause bleibt. Die Schnupfennase ist schlimm, und der junge Mann legt sich nach dem Aufstehen direkt vom Bett auf das Sofa, wo er die kommenden drei Stunden liegenbliebt. Wir richten uns also dort gemütlich ein, mit Medikamenten, Getränken und Lesestoff.

Unser Besuch, der gestern Nachmittag in Singapur angekommen ist, spürt den Jetlag so richtig und konnte die halbe Nacht nich schlafen, weshalb er nun bis zur Mittagszeit im Gästezimmer verbleibt. Danach ist endlich auspacken angesagt, und wir freuen uns wie die Schneekönige über die zwei Koffer voller Mitbringsel – „wie so’n Westpaket“, sagt Ossi Knut.

Als dann endlich alle Anwesenden Schlafanzüge aus- und normale Kleidung angezogen haben, machen wir uns auf den Weg nach Chinatown. Ohne allzu viel nach links und rechts zu schauen, steuern wir zunächst einmal mein Lieblingsrestaurant an, in dem es die besten vegetarischen Speisen gibt, die selbst eingefleischte (!) Nicht-Vegetarier überzeugen. So auch heute – bis ich daran denke, ein Foto zu machen, sind die Teller praktisch schon leer gegessen, und das abartige Sättigungsgefühl hält den Rest des Tages über an.

Da Titus so langsam auf dem Weg der Besserung zu sein scheint – er motzt jedenfalls schon wieder darüber, dass ihm „laaaangweilig“ sei -, schlendern wir durch Chinatown, führen Knut die „Wohlgerüche“ einer Durian (aka Stinkfrucht) vor und Titus besteht wie immer bei seiner Lieblings-Apotheke auf ein Mango-Eis. Denn urplötzlich scheint die seit zwei Wochen anhaltende Kältewelle vorbei zu sein, die Sonne bricht durch die Wolken, und wir schwitzen bei 34 Grad.

Gut, dass es im Inneren des großen „Buddha Tooth Relic Temples“ kühl ist, das Wohlgefühl hält zumindest bei mir allerdings nicht lange an, da ich mich aus Pietätsgründen in ein knöchellanges Wickelkleid hüllen muss. Drinnen findet gerade eine Zeremonie statt, einlullende, rhythmische Mantren werden auf Chinesisch rezitiert, während wir die gigantischen Statuen bestaunen, die vermeintliche Zahn-Reliquie besuchen und auf dem Dachgarten die meterhohe Gebetsmühle drehen.

Danach ist aufgrund der Hitze das Interesse an weiteren Sehenswürdigkeiten sowohl bei Titus als auch bei Knut erschöpft, stattdessen fahren wir flugs nach Hause und gönnen uns einen Muffin (= Titus) bzw. ein Kaltgetränk beim Bäcker gegenüber. Während ich ganz klassisch einen Eiskaffee wähle, traut Knut sich an einen „Iced Sour Plum with Soda“, welcher süß, sauer und seltsam zugleich schmeckt.

Die bessere Abkühlung bringt da doch eindeutig der Pool. Der letzte Beweis, dass das Kind wieder vollends hergestellt ist, ist erbracht, als er über eine halbe Stunde lang höchst beglückt im Wasser tobt.

Danach ist der Hunger groß, kein Wunder, hat er doch in den letzten vier Tagen kaum etwas gegessen. Kaum hält er die paar Minuten aus, bis die schnell in den Ofen geschobene Pizza fertig ist, mitsamt Hocker platziert er sich davor, um ja nicht den Moment der Fertigstellung zu verpassen.

Ich übergebe anschließend das gesättigte und infolgedessen gelaunte Kind an Babysitterin Jiexi und fahre mit Knut zusammen in den Südosten der Stadt. Das Singapore Symphony Orchestra macht diese Woche eine „Tournee“ durch die umliegenden Stadtviertel und gibt dort Gratiskonzerte. Das dürfen wir uns natürlich nicht entgehen lassen, und so nehmen wir im Victoria Junior College inmitten von Schulklassen, Eltern und Kleinkindern Platz.

Das einstündige Konzert ist kurzweilig, Dirigent Knut hat natürlich sehr unterhaltsame Anmerkungen zum Können des Herrn mit dem Taktstocks. Auf dem Programm stehen Mussorgsky (Bilder einer Ausstellung), Tschaikowsky (4. Satz Violinkonzert), Rimsky-Korsakow (Hummelflug) und Strawinskys Suite für kleines Orchester. Pädagogisch sehr wertvoll gibt es ein gratis Programmheft zum Download, hinter der Bühne wird jeweils der Stücktitel eingeblendet und ein Moderator quatscht auch immer mal wieder dazwischen.

Wir haben jedenfalls Spaß, und ganz singapur-typisch endet das Konzert auf die Minute genau eine Stunde nach Beginn, wie im Programm angegeben. Völlig ausreichend, wie wir finden, wir haben jedenfalls einen guten Eindruck vom Orchester bekommen und verbringen den Rest des Abends fachsimpelnd auf dem Balkon.

Gerade noch rechtzeitig vor dem Zubettgehen denke ich dann auch noch dran, den Teig für mein morgen zu backendes Sauerteigbrot vorzubereiten – der Ansatz hat nun den großen Namen „Samson“ bekommen und Norman macht ständig Witze darüber, dass dieser irgendwann außer Kontrolle gerät, wie beim „Swedish Chef“ aus der Muppet Show…

Mehr Geschichten über den 12. des Monats findet Ihr bei „Draußen nur Kännchen„!

4 Replies to “12 von 12 im Juli”

  1. Ein fröhliches Hallo! nach Singapur,

    ich habe wieder mit Genuß gelesen und geschaut. Eure Wahl-Stadt ist ja richtig auf Zack, bei all den Angeboten. Mussorgskys Bilder einer Ausstellung gehören mit zu meinen Klassikfavoriten. Der „Hummelflug“ läuft grad bei YouTube, bekannt ist mir das Stück nämlich bis heute nicht gewesen. Danke für diese Horizonterweiterung! 🙂
    Wie hat euer Knut eigentlich die Lebensmitel (mengenmäßig) ohne großes Gemecker durch den Zoll bekommen? O.O

    Einen guten Sprung ins Wochenende und liebe Grüße von
    Franziska

    1. Liebe Franziska,
      das freut mich! Ich helfe gerne mit weiteren Musiktipps aus!
      Lebensmittel nach Singapur mitzubringen, ist überhaupt kein Problem. Schließlich kann man immer bei der Einreise auf eine bestehende Lebensmittelallergie verweisen. Da alle unsere Einkaufswünsche vegetarisch/vegan sind, lässt sich das sicherlich gut begründen. Aber bislang wurde noch nie jemand von unseren Gästen dazu befragt!
      Liebe Grüße,
      Nadine

      1. Liebe Nadine,

        nenne mir bitte noch ein paar Musiktipps, meine Liste hungert! Neben viel Metal, höre ich gerne mal The Kills und The Common Linnets. ABBA ist ganz großer Kult oder die alten Sachen von Jackson. Weil ihr vor Ort sicherlich mehr mitbekommt, wie schaut es mit asiatischem Pop aus? Als Gegenspiel empfehle ich Kissin‘ Dynamite. Die Videos müssen jetzt nicht unbedingt sein, allerdings sind sie ganz im Zeichen der 80er-Metal-Rock-Bands. Und ein bissel durchgeknallt, wie es sich gehört. Lach.
        Ist es so, das man auf Hinweis wegen Allergie Lebensmittel einführen kann? Das behalte ich mal im Hinterkopf! (Man weiß nie.) Wie ist das mit der Ernährung, ich habe jetzt oft bei euch gelesen, das ihr vegetarisch eßt, aber nicht nur. Bevor jetzt Bauchweh kommt, bei uns gab es alles (das heißt auch ausgebackenes Hirn für meine Mutter und Leber für uns beide), mit 13 hatte ich keine Lust mehr darauf, die Bedingung waren Eier, Käse und Milch wegen des Wachstums. Heute esse ich „normal“. Also 1-2 mal im Monat Fleisch. Was mich jetzt interessiert, wie macht ihr es mit eurem Mäuschen? Die Frage ist ohne Wertung, mir sind die Diskussionen hier in Deutschland mehr als bekannt, meine Güte! Ich bin schlicht neugierig.

        Liebe Grüße
        Franziska

        1. Liebe Franziska,
          ich höre privat tatsächlich eher wenig Musik, aber wenn, dann gerne alles aus der Swing-Ecke (akuteller Favorit: alles von „Postmodern Jukebox“). Ich liebe die Beatles, ABBA ebenso, aber auch Ed Sheeran, Gianna Nannini (das neue Album „Amore Gigante“ ist toll!), die fm4-Soundselection – ein wilde Mischung also.
          „Berufsbedingt“ bin ich natürlich live vor allem in der Klassik-Szene unterwegs, meine frühere Opernleidenschaft weicht allerdings mehr und mehr dem gediegenen Konzertgenuss. Das ist wohl das Alter…

          Nun zur Ernährung: ich lebe seit mehr als 7 Jahren vegetarisch (d.h. kein Fisch, kein Fleisch, keine Gelatine, wenig Milch, wenig Eier). Davor habe ich sehr gerne alles vom Tier verspeist, konnte das aber von einem Tag auf den anderen aus Umweltbewusstsein und Tierliebe nicht mehr. Ich bin „pumperlgesund“ und mir fehlt rein gar nichts.
          Unser Sohn wächst als reiner Vegetarier auf, er hat in seinem Leben noch kein Tier gegessen und gedeiht prächtig. Er weiß, dass er gerne bei Bedarf alles probieren darf, wenn er das möchte, aber Kinder sind ja meistens noch viel tierlieber als Erwachsene, deshalb liegt ihm das völlig fern.
          Gegenwind oder Diskussionen darüber musste ich tatsächlich noch nie führen, aber in München gibt es natürlich viele Familien mit diesem „Lifestyle“, unser Kinderarzt war jedenfalls immer sehr angetan vom Gesundheitszustand des Kindes…

          Liebe Grüße,
          Nadine

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