Ein ganz normales Wochenende

Ein ganz normales Wochenende

Nach dem Feuerwehr- und Basteltag beschließen wir den Samstag mit einem wunderschönen Konzertbesuch. Wie fast jeden Samstag um 18 Uhr spielt eines der Singapurer Orchester auf der großen Open-Air-Bühne im Botanischen Garten.

Diesmal steht die Singapore Lyric Opera mit einem Geburtstagskonzert für Charles Gounod und Leonard Bernstein auf dem Programm, die beiden Komponisten feiern ihren 200. bzw. 100. Geburtstag. Ausgerüstet mit Picknickdecke, Essen, Getränken und Mückenschutz nehmen wir auf dem Hügel vor der Seebühne Platz. Noch ist nicht allzu viel los, am Nachmittag hatte es geregnet und viele trauen dem Wetter offenbar nicht. Doch kurz vor Konzertbeginn erscheint die Sonne zwischen den Wolken und taucht den Park in ein wunderschönes Abendlicht, inklusive kleinem Regenbogen.

New photo by Nadine Dietl / Google Photos

Es folgen Ouvertüren und Arien aus Gounods „Faust“ und „Roméo und Juliette“, anschließend wird es mit Bernsteins „Trouble in Tahiti“ und „West Side Story“ deutlich fetziger. Wir lassen uns Salat und Snacks sowie ein Gläschen Wein schmecken, während Titus mit anderen Kindern kreuz und quer über die Wiese rennt. Es ist sehr angenehm temperiert draußen, und ich genieße die schöne Musik in dieser tollen Atmosphäre.

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Einzig die Kampfflieger der Singapore Air Force stören, ziehen sie doch über unseren Köpfen ihre Kreise und verursachen dabei einen Höllenlärm. Dieser Tage haben die Proben für den Nationalfeiertag begonnen, der am 9. August ist. Traditionsgemäß findet dort immer auch eine große Flugshow statt.
Pünktlich nach genau einer Stunde ist das Konzert beendet, wir trinken unsere Gläser leer, Titus spielt noch eine Runde Fangen, und in der einsetzenden Dunkelheit machen wir uns beschwingt auf den Weg nach Hause. Dabei instruiere ich Titus, dass wir am nächsten Morgen zügig nach dem Aufstehen aufbrechen müssen, denn wir haben einen Termin.

Wie ein kleiner Wecker flüstert der junge Mann mir also um kurz vor 8 Uhr ins Ohr, dass es a) bereits hell draußen sei und b) er jetzt zum Kinderyoga gehen möchte. Seit Wochen liegt er mir nämlich in den Ohren, dass er Kinderyoga machen könnte. Offenbar haben ihm die kurzen Yogastunden mit Regina so großen Spaß gemacht. Für alle anderen Sportarten (Fußball, Schwimmen, Taekwando, Turnen…) kann er sich nur schwerlich begeistern, nach jeder Probestunde verkündet er, dass er darauf keine Lust hat. Aber Yoga? Da bleibt er hartnäckig!

Gar nicht so einfach, eine geeignete Stunde für einen Vierjährigen zu finden.  Eine Lehrerin macht gerade zwar in ihrem Studio Sommerpause, schreibt mir aber, dass sie im Rahmen des Kinderferienprogramms der staatlichen Museen am Sonntag morgen eine Kinderstunde in der National Gallery abhält. Also melde ich Titus dort an, und wir betreten um kurz nach 9 Uhr die gigantische Gemäldegalerie.
Noch ist das Museum offiziell geschlossen, doch die Einlassdamen sehen unsere Yogamatte und schließen extra die Tür auf. Im fünften Stock finden wir einen rundum verglasten Veranstaltungsraum, dort werden wir von den beiden Yogalehrern June und Tom begrüßt. Es gibt noch einen kleinen Snack, und schon kann es losgehen.

Eine Stunde lang erzählen die Lehrer den elf kleinen Yogaschülern spannende Abenteuergeschichten, in die sie spielerische verschiedene Asanas einbauen. So bilden z.B. alle Kinder im herabschauenden Hund einen Tunnel, durch den einer nach dem anderen durchkriechen darf. Sie rollen sich gegenseitig in die Yogamatten ein („sushi roll“), stehen da wie ein Baum oder liegen auf dem Bauch wie eine Schlange. Titus ist voll dabei und die Stunde vergeht wie im Nu – so motiviert war er bisher noch bei keiner Sportstunde! Noch auf dem Rückweg durch das Gebäude löchert er mich, ob er dort jetzt regelmäßig hingehen darf.

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Zur Stärkung marschieren wir nun aber erst einmal in die nahegelegene Club Street. Dort sind wir im italienischen Restaurant Senso zum Brunch mit Karsten, Hui-Boon und Kyle verabredet. Das Ganze kostet zwar stolze S$98 pro Person, dafür gibt es aber ein umwerfendes italienisches Büffet mit Kostbarkeiten wie Gorgonzola, Oliven, Salaten, Meeresfrüchten,…, außerdem kann man sich Pasta bestellen, so viel man möchte – und der „free-flow prosecco“ wird sehr wörtlich genommen. Kaum habe ich einen Schluck aus meinem Glas genommen, steht sofort der Kellner hinter mir und füllt das Sektglas auf. Das geht über zwei Stunden lang so, am Ende sind wir pappsatt und sehr beschwingt.

Die anvisierte Yogastunde lasse ich sausen, stattdessen begleite ich Norman und Titus zum Friseur. Wie praktisch, dass man solche Sachen hier auch sonntags erledigen kann! Während sich der große Mann Bart und Haare stutzen lässt, beschwört mich der kleine Mann, dem Friseur doch bloß genauestens zu erklären, dass er die Haare nur hinten ein klitzekleines Bisschen kürzen darf. Denn Titus will unbedingt „lange Haare wie ein Ritter“, die aber trotzdem dringend mal in Form gebracht werden müssen.

Als das erledigt ist und wir den Schreck über den Preis ($S 58 pro Haarschnitt, egal ob groß oder klein) verdaut haben, verbringen wir einen faulen Nachmittag/Abend zuhause. Essen will keiner mehr was, also telefonieren wir, spielen, basteln, lesen und lassen das Wochenende ausklingen – obwohl wir dieses komplett in Singapur verbracht haben, waren wir doch ganz schön viel unterwegs!

 

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