Zu Besuch bei der Präsidentin

Zu Besuch bei der Präsidentin

Der 1. Mai ist auch in Singapur ein Feiertag, „Labour Day“ – doch statt gemütlich auszuschlafen, sitze ich bereits um 6:45 Uhr im Taxi und fahre Richtung Flughafen, während draußen die Sonne über dem Meer aufgeht. Nach einem stärkenden Kaffee nehme ich Regina in Empfang bzw. in den Arm, die nach ihrem 12-Stunden-Flug etwas geplättet ist.

Zum Glück geht die Heimfahrt im Taxi schnell, denn am Feiertag ist kaum Verkehr auf den Straßen, und so betreten wir Punkt 8 Uhr unsere Wohnung. Titus stürmt aus seinem Zimmer und wirft sich der Besucherin in die Arme, verlangt sofort eine Schmuse- und Vorleseeinheit und hilft dann fleißig mit, den Koffer auszupacken.

Nicht ganz uneigennützig, denn wie immer finden sich im Gepäck auch einige Mitbringsel für ihn und uns: Sonnencreme, Wein, Spiele, ein neues Netzteil für den kürzlich durchgeschmorten PC,…

Kurz darauf drängelt Norman schon zum Aufbruch, denn er will dem mutmaßlichem Ansturm auf den Präsidentenpalast zuvorkommen. An jedem der elf nationalen Feiertage Singapurs öffnet dieser nämlich seine Pforten für Besucher, und so stehen wir kurz darauf am großen Haupttor des „Istana„, wie der Präsidentensitz in Singapur heißt. Von Menschenmassen ist weit und breit nichts zu sehen, nach einer kurzen Gepäckkontrolle und dem Bezahlen des Eintrittspreises – 2 Sing-Dollar pro Person, die gespendet werden – betreten wir den riesigen Park, der den Palast umgibt.

Hier sind tatsächlich ziemlich viele Singapurer unterwegs, doch das der Park schier unüberschaubar groß ist, verteilen sich die Besucher über das gesamte Gelände. Überall stehen Festzelte, darin spielen Jugendorchester, es gibt Ausstellungen und Mitmach-Aktionen.

Über unseren Köpfen donnert es bedrohlich nahe, und so würdigen wir die Parkanlage kaum eines Blickes, sondern eilen den Hügel hinauf bis zum Haupthaus. Gerader rechtzeitig erreichen wir dieses, denn schon öffnen die grauen Wolken ihre Schleusen, und wir können unserer Besucherin direkt vorführen, wie so ein tropischer Regenguss aussieht. Innerhalb von Minuten umspült das Wasser unsere Füße und fließt in Bächen die Wege entlang, es blitzt und donnert im Minutentakt, und zwischen den umgebenden Hochhäuser hallt der Donner laut nach, so dass Titus sich lieber die Ohren zuhält. Das Orchester einer Mädchenschule versucht mit einem Glockenkonzert tapfer dem Gewitterlärm entgegenzuwirken, während die jungen Musikerinnen nasse Füße bekommen.

Nach zehn Minuten ist das Unwetter vorbei, bald nieselt es nur noch leicht, und wir betreten den Palast. In den Repräsentationsräumen drängen sich die Besucher, die alle ins Trockene geflüchtet sind. Wir bewundern die Kristalllüster an den Decken, die Marmorfußböden und die vielen Gastgeschenke aus aller Welt, die hier in Vitrinen ausgestellt sind. Neben chinesischem Teegeschirr und indischen Kupferwaren steht eine Miniatur des Brandenburger Tors, ein Mitbringsel von Herrn Steinmeier beim letzten Staatsbesuch.

Die Präsidentin, Halimah Yacob, lässt sich leider nicht blicken, ihr Stuhl im Ehrensaal ist verwaist, und auch wir spazieren noch eine Runde durch den Park, genießen den Blick über die Stadt und schlagen anschließend den Weg ins benachbarte Einkaufszentrum ein, in dem wir uns mit einer Portion vietnamsischer Pho für den zweiten Teil des Feiertagsprogramms stärken.

Per Bus fahren wir zum Suntec City Convention Centre; von dort aus starten sämtliche Anbieter von Stadtrundfahrten. Wir haben uns für eine Fahrt mit „DuckTours“ entschieden, und so besteigen wir ein echtes Amphibienfahrzeug, mit dem wir zur Marina Bay fahren. Dort geht es unter lautem Gejohle und mit einem großem Platschen ins Wasser, und wir besichtigen vom Wasser aus die gesamte Bucht, fahren am Gardens by the Bay, am Marina Bay Sands Hotel und am Merlion vorbei, bestaunen den Singapore Flyer und die Formel1-Tribüne sowie die beeindruckende Skyline des Business Districts.

Regina knipst fleißig, und wir amüsieren uns köstlich über die seltsame Reiseführerin, die in enervierendem Tonfall über die Sehenswürdigkeiten spricht und sich dabei ständig wiederholt.

Nach einem halben Stunde im Wasser geht es weiter an Land, wir fahren rund um das Museumsviertel, wobei die Reiseführerin ständig nur die schicken Hotels und Shopping Malls anpreist und kaum etwas zur Geschichte oder Kultur der Stadt sagt. Deshalb sind wir auch nicht allzu traurig, als wir nach einer Stunde wieder am Ausgangspunkt ankommen, auch wenn die Kombination aus einer Rundfahrt zu Wasser und an Land schon sehr reizvoll ist!

Nach einem faulen Rest-Nachmittag zuhause raffen wir uns abends noch auf und spazieren hinüber zum Newton Hawker. Dort ist es heute recht ruhig, längst nicht alle Essensstände haben am Feiertag geöffnet. Aber wir finden natürlich trotzdem wie immer ein leckeres Abendessen für uns alle, mit gebratenem Gemüsereis, ein paar indischen Currys und Naan-Broten.

Titus hat heute den ganzen Tag über dermaßen schlechte Laune, dass er ständig in Wutanfälle ausbricht und dabei aussieht wie das lila Wut-Minion. Das kenne ich gar nicht von ihm, dass er so ausflippt, und deshalb sind wir alle am Abend ziemlich erledigt, sowohl von der Dauer-Anspannung mit dem tobenden Kind als auch von den Eindrücken des Tages. Während ich in der Chorprobe sitze, schickt Norman mir bereits um 20 Uhr die Nachricht, dass sowohl Titus als auch Regina bereits tief und fest schlafen.

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