Muttertag in Singapur

Muttertag in Singapur

Nun also Muttertag – mal ganz abgesehen davon, dass ich diese Veranstaltung schon in Deutschland immer eher etwas krampfig fand, heben die Singapurer diesen „Festtag“, der gar keiner ist, auf ein ganz neues Level. Schon Tage vorher machen Juweliere und Parfümerien großflächig Werbung in der Stadt, dieses Jahr scheinen besonders Massagesessel begehrt zu sein. Die Einkaufszentren sind aufwändig dekoriert, und Titus ist so vom Mother’s Day-Wahnsinn angesteckt, dass er mir sein Geschenk gleich am Freitag nach dem Kindergarten überreicht.

Liebevoll wurde da gebastelt und geklebt: eine hübsche Karte mit chinesischer Aufschrift, drinnen ein selbstgemaltes Familienportrait. Ich stutze, denn dort sind vier Köpfe abgebildet – auf meine Frage antwortet das Kind, dass ja Regina schließlich dazugehört. Und dass der chinesische Spruch auf der Vorderseite heißt, „dass die Mama immer zuhause bleiben soll.“ Hm, ob ich dieser Übersetzung vertrauen soll?!

Am Muttertag selbst ist das vielgepriesene Ausschlafen leider nicht möglich, der Sohnemann weckt mich um kurz vor sieben und ich bin demzufolge ein wenig unausgeschlafen und grummelig. Immerhin legt Norman sich ins Zeug und zaubert ein perfektes Frühstück mit Eggs Benedicte und Mango-Lassi. Gut, den Lassi mixe ich, und für’s Eier-Pochieren bin auch ich zuständig, aber es schmeckt dann wirklich super.

Wie schon in meiner Kindheit kann ich dann den Tag nicht mit meiner Familie verbringen, sondern muss bereits um 11 Uhr los – Ansingprobe fürs heutige Konzert! Draußen herrscht Verkehrschaos, denn die Singapurer können sich wieder einmal nichts Schöneres vorstellen, als den mütterlichen Ehrentag in den fensterlosen Räumen eines Einkaufszentrums zu verbringen, und so stauen sich die Autos vor den Shopping Malls kilometerweit.

Dank eines zum Glück sehr findigen Taxifahrers schaffe ich es dennoch auf die Minute pünktlich ins Yong Siew Toh Conservatory, das zur National University of Singapore gehört. Das Gebäude ist brandneu, riesig groß, architektonisch sehr ansprechend und am Sonntag bis auf die Chormitglieder völlig ausgestorben.

Die folgenden drei Stunden lang machen wir – zunächst alleine, dann mit Orchester – einen kompletten Programmdurchlauf, üben Auf- und Abmarsch und besprechen die Konzertabfolge. Dann ist Pause, alle packen ihre mitgebrachten Brotzeitdosen aus, und einträchtig sitzen wir beieinander und stärken uns; manche mit Käsesemmeln, andere mit Sushi, wieder andere mit Mee Goreng – eine große Bandbreite an jeweils landestypischen Snacks!

Anschließend werfen sich alle in Konzertkleidung, es wird geschminkt und gepudert, Lippenstifte und Eyeliner machen die Runde, und wie versprochen flechte ich meiner Mitsängerin Elaine die Haare. Die Herausforderung, extrem schweres und dazu noch extrem glattes asiatisches Haar in eine Hochsteckfrisur zu verwandeln, habe ich unterschätzt, ich brauche mehrere Anläufe und dreimal so viel Haarklammern wie bei mir, bis die Frisur sitzt. Die Damen um uns herum begutachten das Werk, kommentieren natürlich jeden Handgriff und danach habe ich mindestens zehn weitere Anfragen für Haarestecken, die ich leider ablehnen muss, denn die ersten Konzertbesucher treffen ein!

Darunter sind natürlich Titus, Norman und Regina, aber auch Nachbarin Bente mit ihren beiden Kindern und Titus‘ bester Freund Arthur mitsamt Papa Jörg nehmen zusammen in der zweiten Reihe Platz. Ich schlüpfe nach der Begrüßung schnell hinter die Bühne, und kurz darauf marschiert der International Festival Chorus mitsamt Orchester, Solisten, Kinderchor und Dirigent Wei Lun Chong schon los.

Im ersten Teil steht John Rutter’s Mass of the Children auf dem Programm (hier mehr dazu), die festliche Stimmung dieser Messe überträgt sich spürbar auf das Publikum, und auch der Chor und die Musiker laufen zu Hochform auf. Erstaunlich, wie gut die fünf Sätze laufen, bei der Probe vor einer Woche klang das Stück definitiv noch nicht so – offenbar brauchen meine Mitsänger und ich das zusätzliche Auftritts-Adrenalin!

Nach dem letzten Akkord ist die Stimmung jedenfalls euphorisch, auch wenn Titus lauthals in den Schlussakkord kräht: „Ich will, dass jetzt endlich die Pause ist!“. Zum Glück verstehen das nur die Deutschen im Saal und auf der Bühne, das sind aber dem Gelächter nach zu schließen doch einige… Nach kurzem Pausengespräch geht es weiter, nun stehen zehn (Kinder-)Lieder aus aller Welt auf dem Programm, wir singen auf Mandarin, Japanisch, Englisch, Malay, Deutsch und Spanisch, unterbrochen von launigen Moderationen. Unterstützt werden wir bei einigen der Lieder von Kindern der Chormitglieder, und Titus wird später fest einplanen, beim nächsten Konzert auch mit uns auf der Bühne zu stehen.

Das Schlusslied, „Totoro“ aus dem gleichnamigen japanischen Anime-Film, singen wir gemeinsam mit dem Publikum, und auch Titus, der Apfelschnitze mampfend auf Papas Schoß thront, singt lauthals mit. Weil er das fast zweistündige Konzert super durchgehalten hat – wie alle Kinder im Publikum!, darf er mich noch in die Garderobe begleiten, wo er natürlich von meinen asiatischen Chorkolleginnen angehimmelt wird, was ihm wie immer bestens gefällt.

Doch nun sind alle hungrig, und zum Abschluss des Tages kehren wir mit einem Großteil der Sänger in die nahegelegene Campus-Pizzeria ein, wo es Pizza und Bier zu äußerst moderaten Preisen für Singapurer Verhältnisse gibt. Ehe ich mich versehe, hat Titus seine Pizza verputzt und dicke Freundschaft mit Mitsängerin Alex geschossen, die er dann sogar für nächtliche Spaziergänge gewinnen kann. Wie sagt Regina: „Titus hat eben ein großes Herz.“ – einerseits schön, andererseits muss ich ihm wohl irgendwann einmal erzählen, dass er nicht einfach so „mit Fremden“ mitgehen kann. Das schiebe ich aber wohl noch etwas auf, denn die beiden haben großen Spaß miteinander.

Sehr selig, müde und zufrieden mit dem offenbar für alle schönen „Muttertag“ fahren wir mit dem Taxi nach Hause, Titus schläft daheim in meinem Arm in Sekunden ein, nachdem wir ein weiteres Kapitel aus der „Kleinen Hexe“ gelesen haben, und auch ich merke die Anspannung des Tages und genieße das Gefühl, eine tolles Konzert recht erfolgreich hinter mich gebracht zu haben – so sollte ein Muttertag doch sein, oder?

2 Replies to “Muttertag in Singapur”

    1. Liebe Karin, ich fand auch, dass es ein schöner Tag war – zwar ein bisschen stressig, und ich hätte gerne mehr Zeit mit der Familie verbracht, andererseits ist es natürlich das schönste Geschenk, wenn man seinem Hobby frönen darf.
      Ich hoffe, Dein Tag war auch ein echter „Ehrentag“?!
      Viele Grüße,
      Nadine

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