Monatsrückblick: Februar 2018

Monatsrückblick: Februar 2018

Da hat man bzw. frau Abitur gemacht, anschließend neun Semester lang studiert, einen Job angetreten, den Job hin zum Traumjob gewechselt, diesen leider aufgrund aktuer Mütter-Diskriminierung verloren, wieder den Job gewechselt, eine Chance auf Beförderung bekommen, und dann: freiwillig gekündigt. Nach Singapur gezogen. Hinein in die völlige finanzielle Abhängigkeit.

Was klingt, wie der Alptraum jedes Gleichstellungsbeauftragten, ist für mich Realität. Tatsächlich bin ich seit sieben Monaten Hausfrau, bekomme „Gehalt“ vom Göttergatten und muss – ebenfalls vom Geld des Mannes – freiwillig weiter in die Rentenkasse und die private Altersvorsorge einzahlen, damit ich diese Jahre ohne eigenes Einkommen nicht später einmal büßen muss.
Dazu kommt, dass ich in Singapur völlig abhängig von Norman bzw. seinem Arbeitsvertrag bin. Nicht nur finanziell, sondern wortwörtlich, schließlich habe ich hier im Gegensatz zu ihm nur einen sogenannten Dependant’s Pass. Dieser kann nur über den Arbeitgeber des Ehepartners beantragt bzw. verlängert werden, und die Aufenthaltserlaubnis kann schnell aufgekündigt werden. Auch das Bankkonto, der Handyvertrag, der Mietvertrag, alles läuft auf Normans Namen, denn er hat hier den Employment Pass und damit automatisch mehr Rechte. Darüber gibt es gruselige Geschichten, in denen die Abhängigkeit des mitgereisten Partners (meist: der Frau) deutlich werden: Grenzenlos abhängig (Welt, 4.1.2016)

Erst im Lauf der letzten Wochen habe ich verstanden, dass ich zukünftig mein Selbstverständnis nicht mehr aus meinem Job ziehen kann, und sobald ich auf die Frage: „Was machst Du hier in Singapur so, arbeitest Du?“, erlahmt das Interesse des Gegenübers schnell, wenn ich beginne, von meinem „früheren“ Leben in München zu erzählen. Daheim bekomme ich außerdem kein ständiges Feedback für mein Organisationstalent, meine Gründlichkeit und Freundlichkeit sowie meine Kunst, mich in neue Bereiche einzuarbeiten. Letzteres hat mir immerhin in Singapur den Start sehr erleichtert und die Eingewöhnung beschleunigt. Stattdessen „arbeite“ ich Vollzeit nun zuhause, kümmere mich um Kind und Haushalt, schreibe ein paar Artikel hier, arbeite ehrenamtlich dort, gehe Hobbys und Sport nach, knüpfe und pflege neue Bekanntschaften (oder „netzwerke“), lerne die Stadt immer besser kennen, tue was für die Weiterbildung (Museums- und Konzertbesuche, Kurse) und bin erstaunt, wie schnell damit so eine Woche vorbei ist.

Zwischendurch bekomme ich einen Rappel, denke panisch an die „Lücke“ im Lebenslauf, die ich irgendwann einmal erklären muss, und überlege, doch die Zeit in Singapur für ein betriebswirtschaftliches Fernstudium zu nutzen, so wie das eine andere, karriereorientiertere Frau sicher tun würde. Denn ist das, was ich momentan tue, bleibend und sinnvoll für die Zukunft? Oder lebe ich einfach viel zu sehr hedonistisch, was mir in zehn bis fünfzehn Jahren immer noch ein Praktiantengehalt bescheren wird?

Außer meiner eigenen, ungewissen beruflichen Zukunft plagt mich aber viel mehr die Sorge, wie ich Titus ein modernes Rollenbild vermitteln soll, wenn ich doch selbst momentan lebe wie in den 1950er Jahren. Im Spiel mit seinem Kuscheltieren beobachte ich, wie er den „Papa“ in die Arbeit gehen und Geld verdienen lässt, während die „Mama“ zuhause bleibt. Du lieber Himmel, da wachsen mir gleich Lockenwickler an den Kopf vor Schreck! Schließlich bilde ich mir ein, eine sehr emanzipierte Frau zu sein, die vieles alleine schafft und bestens ausgebildet ist. Und nun wächst mein dreijähriger Sohn damit auf, dass seine Mama Hausfrau ist. An die zwei Jahre in München, in denen ich 32 Stunden wöchentlich gearbeitet und nebenbei Kind und Haushalt gewuppt habe, um von meinem Gehalt quasi die Kita zu bezahlen, kann er sich konkret kaum noch erinnern…

So bleibt meine Zerrissenheit: soll ich das tun, was sich momentan gut für mich anfühlt? Dazu gehört, Zeit zu haben, Neues auszuprobieren und Neues zu wagen, wieder neugierig zu sein, und die Erkenntnis, dass ein stressfreierer Tag zu viel entspannteren Nachmittagen mit Titus führt. Oder ist es wichtiger, ein Rollenvorbild für das eigene Kind zu sein – und das soll ja im Idealfall nicht die vom Ehemann abhängige Frau sein?! Oder mache ich mir viel zu viele Gedanken, da dieser Zustand aller Wahrscheinlichkeit nach nur ein temporärer sein wird?
Ihr Mütter dort draußen: wie seht Ihr das?

Titus posaunte kürzlich ohne Vorankündigung heraus: „Wenn ich groß bin, möchte ich gerne eine Frau sein. Dann werde ich eine Mama.“ Und ich antwortete, ganz gender-konform: „Du kannst alles werden, was Du willst.“ Und vielleicht muss ich ihm genau das vorleben: das jeder jederzeit das Recht hat, das zu sein, was er oder sie aktuell sein möchte!

Einfach mal entspannen?

5 Replies to “Monatsrückblick: Februar 2018”

  1. Liebe Nadine,

    ich kann sehr gut nachfühlen, was du meinst.
    Seit Beginn lese ich deinen wunderbaren Blog und habe so die Möglichkeit, ab und zu ein bisschen Zeit in Singapur zu verbringen.

    Soweit ich das beurteilen kann, bist du eine tolle, weltoffene Frau und lebst Titus vor, wie stark und unabhängig du bist. Stark, weil du dich innerhalb kürzester Zeit in einem weit entfernten Land mit anderer Kultur sehr mutig und frei bewegst und dir ein Netzwerk aufbaust; unabhängig, weil du (zumindest zeitweise) jegliche Sicherheit (eigenes Einkommen, dein gewohntes Umfeld, deinen Job) aufgegeben hast.
    Vergiss die missgünstigen Stimmen in deinem Kopf, die dir diese schöne Zeit madig machen wollen. Genieße dein Leben – du machst das super!
    Und nebenbei: Ist nicht gerade das RollenBILD das Problem? Also die Einsortierung in eine bestimmte Schublade? Was wäre denn, wenn nicht „Karriere“, sondern Glück und Zufriedenheit der Maßstab für (persönlichen) Erfolg wären?

    Alles Liebe und vielen Dank für deinen Pioniergeist!
    Verena

    1. Liebe Verena,
      wie schön, dass Du hier mitliest. Und vielen Dank für Deine warmen Worte! Du hast völlig recht: dass wir alle nur berufliche Karriere als sinnstiftend und heilsbringend sehen, ist wohl das größte Problem. Meistens bin ich tatsächlich doch sehr froh, dass ich das Glück erfahren darf, einfach mal nur das tun zu können, worauf ich Lust habe – ohne Druck, ohne Erwartungen, nur voller Neugier. Aber da gibt es eben doch die kleine Stimme in meinem Kopf, die vor sich hinmurmelt: „Und dafür hast Du nun studiert?!“ Ich bin mal gespannt, ob die diese Stimme irgendwann endgültig zum Schweigen bringen kann. Denn meistens macht mir mein Leben in Singapur sehr viel Spaß!
      Liebe Grüße und alles Liebe,
      Nadine

      1. Liebe Nadine,

        dein Studium ist (nur) ein Teil deines Lebensweges und hat dich u. a. zu der Person gemacht, die du jetzt bist. Du hast dadurch viel gelernt (auch außerhalb des Lehrplanes) und viele Fertigkeiten erworben, die dir eine vielfältige Gestaltung deiner Zeit ermöglichen.
        Du bist z. B. in der Lage, deine Texte so zu schreiben, dass sie gerne gelesen werden. Du verbringst viel Zeit mit deinem Kind – allein damit hast du in meinen Augen dein „Soll“ bzw. deinen Beitrag erfüllt.

        Alles Liebe,
        Verena

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