Es gibt Reis!

Es gibt Reis!

Der Tag beginnt mit einem sehr frühen Weckerklingeln – das mich quasi aus dem Tiefschlaf reißt. Hier in Singapur beginnt unser Tag tatsächlich fast eine Stunde später als noch in München. Norman steht hier meist gegen 7:25 Uhr auf, ich kurz danach, und Titus kann schlafen, so lange er möchte. Manchmal weckt er uns, manchmal schnarcht er bis halb neun. Einen Wecker stelle ich mir nur einmal die Woche, denn da findet von 8 bis 9 Uhr meine Yogastunde im Botanischen Garten statt. Also radle ich bei sehr angenehmen Temperaturen um halb acht los; die Rush Hour geht gerade los und ich komme gut voran.

Die Sonne blitzt gerade durch die Palmen, als ich am See ankomme, wo Yogalehrerin Baya bereits meditiert – ein schönes Bild! Auch heute wieder ist meine Nachbarin Bente mit von der Partie, und da wir die beiden einzigen Yogaschülerinnen sind, ist die Stunde sehr individuell. Neben uns scharrt ein stolzer Hahn mit seinen Hennen in den Blättern, Baya verscheucht aufmüpfige Wildtauben, und im See treiben majestätisch die schwarzen Schwäne vorbei. Da lässt es sich in einen Yogaflow finden, und die Schlussentspannung ist erst recht toll!

Diese innere Ruhe wird bei der Heimfahrt auf eine harte Probe gestellt, denn inzwischen ist der Verkehr sehr dicht, die Autos und Busse fahren wieder einmal nur Milimeter entfernt an mir vorbei, und ich fasse den Entschluss: ein Helm muss her. 15 Jahre Dauerradeln in München, sommers wie winters, fühlten sich nicht halb so gefährlich an wie die 3x wöchentlichen Radltouren hier.

Titus ist inzwischen im Kindergarten, und ich mache mich mit dem Taxi auf Richtung Nordosten, in den Ortsteil Geylang. Dort treffe ich aufgrund extremer Verpeiltheit meines Taxifahrers mit ein wenig Verspätung im Lager von „Food from the heart“ ein. Diese gemeinnützige Organisation betreibt in Singapur diverse Suppenküchen und gibt an bedürftige Familien Lebensmittelpakete aus. Deren Inhalt beruht auf Spenden von Supermärkten, Restaurants, Hotels und Fabriken – und meine Aufgabe ist es heute, als „volunteer“ beim Sortieren dieser Spenden zu helfen.

Gemeinsam mit drei anderen Damen nehmen wir mitten im bis unter die Decke gefüllten Warenlager Platz. Ich staune noch über die Berge an Konservendosen, Windeln, Bücher und Müslipackungen, die sich hier türmen, als ich schon einen Messbecher in die Hand gedrückt bekomme.

Die Aufgabe lautet, die zwei Paletten voller Reispackungen zu öffnen, jeweils drei Kilo (die Wochenration pro Familie) abzumessen und in einen Behälter abzufüllen. Dieser wird anschließend auf einer Liste vermerkt und auf die Lebensmittelkisten, die die Familien abholen können, verteilt.

Damit sind wir zu viert in den folgenden drei Stunden gut beschäftigt, und wir sind schnell routiniert: Suzanne schneidet die 5-Kilo-Pakete auf, kontrolliert den Inhalt mit der Hand auf Maden oder Käfer und schüttet die Körner in eine Kiste. Daraus messe ich die 3kg-Ration ab und fülle sie in die Tüte, die mir Shi entgegenhält. Sie verknotet diese, reicht sie an Karen weiter, die Buch führt. Ich erkenne die verschiedenen Reissorten nach einer Weile am Geruch (staubig bis rauchig) bzw. am Einfüllgeräusch (leise rieselnd vs. laut prasselnd), von Sushi- über Jasmin- und Basmati- bis hin zu Naturreis ist alles dabei. Daneben bleibt genug Zeit, sich zu unterhalten, und so erfahre ich, dass zwei meiner drei Mitstreiterinnen die Wochen bis zum Start in einem neuen Job überbrücken, indem sie täglich ein Ehrenamt ausüben, und die dritte im Bunde ist wie ich Hausfrau und Mama und möchte ein wenig „sinnvolle“ Beschäftigung in ihren Alltag integrieren.

Während wir so plaudern, scannen wir mit Argusaugen den Reis, denn immer wieder hüpfen kleine schwarze „Reiskäfer“ daraus hervor, und damit ist die Charge Reis zu entsorgen. Es ist erstaunlich, wie oft das vorkommt!
Nach knapp drei Stunden – mir tun inzwischen Rücken und Hände weh, das hundertmalige Abfüllen von 3kg schweren Behältern ist ganz schön anstrengend – werden wir mit einem herzlichen Dankeschön von der Leiterin verabschiedet. Von unseren Bemühungen ist kaum etwas zu sehen, der Reisberg ist kaum geschrumpft, aber immerhin haben wir mehrere hundert Familienportionen abgemessen…

Anschließend hole ich Titus vom Kindergarten ab, der beim Fußballtraining begeistert mit den beiden Trainer „high-fives“ austauchst und anschließend nochmal dringend in seinen Gruppenraum rennen muss, um seiner Erzieherin, Ms. Chong, einen Abschiedskuss zu geben. Wow! Seit Anfang Januar sind seine Englischkenntnisse enorm angestiegen, und seit er sich bestens ausdrücken kann, scheint es ihm dort richtig gut zu gefallen. Sprache ist eben der Schlüssel!

Am Nachmittag backen wir Kekse, denn die grauen Wolken und der Wind, der seit zwei Tagen draußen recht heftig weht, locken uns nicht an den Pool. Plätzchenteig schmeckt übrigens auch außerhalb der Weihnachtszeit ganz ausgezeichnet!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Translate »