Spätzle und Weihnachtskonzert Nr. 1

Spätzle und Weihnachtskonzert Nr. 1

Uff, es ist Sonntag Vormittag, die zweite Adventskerze brennt, und so ganz langsam bin ich auf dem Weg der Besserung. Gut so, denn das gesamte Wochenende ist eng getaktet!

Die Generalprobe am Freitag Abend war durch Dauerkopfschmerz und die leicht spürbare schlechte Laune des Dirigenten eine Tortur, nach drei Stunden im 18 Grad kalten Saal und der anschließenden Fahrt im tiefgekühlten Bus brauchte ich zuhause erst einmal einen Liter heißen Lindenblütentee, um wieder halbwegs warm zu werden.

Immerhin funktioniert nun unserer Netflix-Account hier, so dass ich mich mit ein paar Folgen leichter Serienkost entspannen konnte. Norman war mit Titus derweil abends auf dem Hawker, auf großen Wunsch des Juniors, der dort wie immer am indischen Stand Naan bestellte und dazu Lime Juice trank.

Immerhin blieb meine Stimme weitgehend unbeeindruckt und so konnte ich mich aufraffen, am Samstag mittag einem kleinen Designer-Weihnachtsmart einen Besuch abzustatten. „A Merry Little Christmas Festival at Orchard“ findet im Visual Arts Centre direkt an der Dhobi Ghaut-Haltestelle statt und wir finden dort Schmuck- und Kunstaussteller, es gibt Live-Musik, eine Kinderspielecke und natürlich den obligatorischen Luftballon-Künstler, der Titus gleich mit einem schwertähnlichen Gebilde versorgt. Ich treffe auf Kochclub-Gründerin Michelle, die sichtlich gestresst ist, ist sie doch mit dem großartigen Kochbuch seit Tagen von einem Weihnachtsmarkt zum nächsten unterwegs, um dieses zu verkaufen.

Nun haben wir Hunger – und da direkt gegenüber das Rendezvous-Hotel liegt, kehren wir ins dortige „Stuttgart Blackforest Boutique Café“ im Erdgeschoss ein.

Diese „Singapurer Schwarzwaldstube“, wie Norman das Lokal kurzerhand betitelt, begrüßt uns schon am Eingang mit Unmengen von Kuckucksuhren, ist vermeintlich zünftig eingerichtet und zur großen Freude des Juniors stehen Spätzle und Apfelschorle auf der Speisekarte.

Am Nebentisch verspeist eine asiatische Großfamilie unter großem Gekicher eine gigantische Schweinshaxe, Titus stellt aber bald fest, dass die Spätzle „von Oma“ doch deutlich besser schmecken, und wartet lieber sehnsüchtig auf das Erscheinen des Kuckucks zur vollen Stunde.

Die Herren fahren anschließend aufgrund des eher regnerischen und windigen Wetters ins ArtScience-Museums, während ich mich pünktlich zur Generalprobe in der Esplanade-Konzerthalle einfinde. Die Suche nach dem Bühneneingang und des Einsingraums gestaltet sich für viele Chormitglieder als große Herausforderung; der Backstage-Bereich ist schier unüberschaubar groß, im einen Gang machen sich die Ballettänzerinnen vom „Nussknacker“ warm, im nächsten reinigen Garderobieren die dazugehörigen Kostüme, aus allen Umkleideräumen erklingt Gesang und Musik, es geht treppauf und treppab. Mich erinnert die Atmosphäre sehr an meine Zeit an der Oper, die ich wieder einmal schmerzlich vermisse.
An diesem Wochenende findet in sämtlichen Veranstaltungsräumen und Bühnen dieses großen Konzerthauses ein Chorfestival statt, unzählige Chöre und Gesangsensembles treten im 30-Minuten-Takt auf, dazu gibt es Workshops und Kurse – alles bei freiem Eintritt. Dementsprechend viel los ist vor und hinter der Bühne, und fast bedauere ich es, dass wir aufgrund unseres Auftritts heute selbst kaum Gelegenheit haben, etwas vom Programm mitzubekommen.

Als endlich alle Sänger und Sängerinnen eingetroffen sind und sich umgezogen haben, werden wir von Dirigent Alan auf das Konzert eingestimmt und absolvieren einen guten Sound-Check.

Die Atmosphäre auf der offen im Foyer zugänglichen Bühne ist anfangs etwas ungewohnt, der Geräuschpegel ist hoch, es herrscht ständiges Kommen und Gehen, die Lichttechniker arbeiten noch an der richtigen Beleuchtung, und die Bühne ist für den gesamten Chor etwas eng. Nichtsdestotrotz sind alle nach der Probe guter Dinge, und ich lege anschließend mit Mitsängerin Margit eine Kaffeepause ein.

Schon ist Zeit für unseren Auftritt – alle sind wie verabredet mit Weihnachtsaccessoires ausgestattet und so häufen sich die Nikolausmützen, Rentiergeweihe und die Farben Rot, Weiß und Grün. Als ich auf der Bühne stehe, entdecke ich im Publikum Titus neben seinem Lieblingsfreund Arthur, die beiden sind höchst vergnügt und giggeln und gackern.

Launig führt unser Dirigent das Publikum durch die fünf Stückes unseres Programms, neben Eric Whitacres „Glow“ singen wir ein Medley aus dem Trickfilm „Polar Express„, anschließend zwei Medleys aus in Singapur populären malayischen, portugieischen und chinesischen Liedern („Medley Potong Bebek Angsa“ und „Medley of Baba and Portuguese Songs„).
Beim Abschluss-Medley aus bekannten Weihnachtsliedern grooven dann alle mit, und schon sind die 30 Minuten vorbei und mein erstes Konzert mit dem International Festival Chorus beendet. Eine gute Generalprobe für das anstehende Weihnachtskonzert am Sonntag Abend!

Nach dem Konzert habe ich Hunger und Durst, und wir kehren mit Jörg und Arthur im einer Bar direkt vor dem Konzerthaus ein. Die beiden Jungs, Titus und Arthur, spielen die folgenden zwei Stunden völlig selbstvergessen und konzentriert auf der Wiese nebenan, während wir mit sehr gutem Singapurer Craft Beer anstoßen und die Klänge der unfassbar professionellen A-Cappella-Gruppen, die von den Open-Air-Bühnen herüberklingen, genießen.

Zu später Stunde können wir die beiden Freunde endlich trennen und fahren mit einem sichtlich erschöpften Kind im Taxi nach Hause, wo ich meine Stimme nochmals mit einer Tasse heißem Tee mit viel Honig ein wenig auf Vordermann bringe und damit hoffentlich für heute Abend gerüstet bin!

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