Nusa Lembongan: Weihnachtstage

Nusa Lembongan: Weihnachtstage

Der 24.12. beginnt mit einem echten indonesischen Frühstück, und der Regen, der bereits seit der Nacht herunterprasselt, hält an.

Immerhin ist es um 8 Uhr morgens bereits warm genug für kurze Hose und Shirt, denn so richtig warme Sachen haben wir gar nicht eingepackt.

Norman veschwindet bereits um 10 Uhr zu seinem ersten Tauchgang mit der „Bali Hai Diving School“, und Titus und ich begutachten ausgiebig die Vorbereitungen der Crew und winken den Tauchern lange nach, bis sie mit dem Boot aus unserem Blickfeld verschwunden sind. Der Himmel ist grau bedeckt, das Meer zeigt ziemlich hohe Wellen, doch am Strand buddeln kann man auch bei Nieselregen. So verbringen wir den Vormittag im Sand, beobachten die minütlich einlaufenden kleinen Fischerboote, die unermüdlich Besucher, Bewohner und Lebensmittel auf die Insel schaffen, während drüben auf der Hauptinsel Bali der Vulkan sich immer noch etwas scheu in den Wolken versteckt und nur seine unteren Hänge preisgibt.

Die Hotelchefin erzählt mir freudig, welche schönen Orte es auf der Insel zu besichtigen gibt, und auf meine Frage, wie wir denn dort hinkommen könnten, antwortet sie, dass sie uns gerne einen Motorroller ausleihen könne, einer sei ja genug für eine dreiköpfige Familie. Och nö, ich bin ja wirklich für viele Abenteuer zu haben und verlange Titus gerne auch so einiges ab, aber das ist mir dann doch zu riskant, v.a. bei den anhaltend nassen Straßenverhältnissen.

Stattdessen übergebe ich das zufrieden „Memory“-spielende Kind nach dem Mittagessen an Norman und steige selbst auf’s Tauchboot, Wegen der etwas rauhen See haben einige Tauchwillige abgesagt, so dass ich in den Genuss eines „Privatlehrers“ komme. Nach zehn Minuten Bootsfahrt, für die ich mir sicherheitshalber ein Akupressur-Armband angelegt habe, da ich ja schlimmst unter Reiseübelkeit leide, erreichen wir den Tauchspot im Norden von Nusa Lembongan.

Der nun folgende „drift dive“ entlang eines riesigen Korallenriffs stellt mich vor einige Herausforderungen: die Strömung dort ist so stark, dass ich anfangs schlichtweg nicht weiß, wie ich ich darin bewegen soll. Ständig gucke ich mich nach dem Tauchlehrer um, damit ich ihn nicht verliere, gleichzeitig muss ich höllisch aufpassen, nicht gegen irgendwelche Fels- oder Korallenformationen zu schwimmen. Da ich zum ersten Mal seit langem wieder mit „wet suit“ tauche – bei 26 Grad Wassertemperatur wirklich sehr angenehm! – kämpfe ich ein bisschen mit dem zusätzlichen Auftrieb, bekomme das aber durch ein zusätzliches Gewicht in der Jackentasche in den Griff. Die Korallen und die darin und darum herumlebenden Fische ziehen leider durch die Geschwindigkeit der Strömung viel zu schnell an mir vorbei, so dass genaues Beobachten gar nicht möglich ist. Ich komme mir vor, als würde ich in einem Hochgeschwindigkeitszug sitzen und aus dem Fenster schauen, während die Landschaft an mir vorbeirauscht. Immerhin erspähe ich Dutzende von Halfterfischen, riesige Kugelfische, eine Muräne spitzelt aus einer Höhle heraus und die so psychadelisch eingefärbten „nudibranches“ kriechen über den Boden.

Nach gut 50 Minuten geht mir die Luft aus – anfangs habe ich doch so einiges verbraucht, als ich versucht habe, gegen die Strömung anzukämpfen. Merke: einfach treiben lassen, denn dagegen anschwimmen klappt eh nicht. Trotz neuer und fabelhaft passender Flossen! Aber wir sind sowieso am Ende der vereinbarten Route angekommen, würden wir weiterschwimmen, kämen wir zu weit hinaus aufs offene Meer und weg von den Korallen. Unser Bootsführer sieht zum Glück recht schnell die an der Wasseroberfläche schwimmende „Boje“ des Tauchlehrers und kommt dicht herangefahren. Der Wellengang ist inzwischen so hoch, dass ich es kaum schaffe, auf die Leiter zu gelangen. Immer wieder werfen mich die Wellen ins Wasser zurück, und nur mit Hilfe der Crew schaffen wir es aus dem Wasser heraus. Trotz der Anstrengung strahle ich – wie immer nach dem Tauchen! – bei der Rückfahrt selig vor mich hin und bin ein bisschen aufgedreht.

Am Strand werde ich von Titus und Norman erwartet, gemeinsam kehren wir ins Strandcafe zu Cappucchino und Obstsalat ein, machen das obligatorische „Weihnachtsfoto“ und stellen fest, dass diese Insel trotz immer wieder auftretendem Regen, dichten Wolken und Wellengang wirklich ein sehr schönes Fleckchen Erde ist. Zwar gibt es durchaus Hotels und Unterkünfte en masse, doch sind sie allesamt sehr klein, ursprünglich und keine „Hotelbunker“.

Dadurch wirkt der gesamte Ort extrem entspannt, es ist bis auf die allgegenwärtigen Motorroller und die an- und ablegenden Boote ruhig, und außer den Bars, die um 23 Uhr schließen, gibt es keine „Abendunterhaltung“. Zumindest für Singapur-Verhältnisse ist es extrem günstig hier, ein 0,6l Bier kostet umgerechnet 2-3 Euro, die Unterkunft ein Schnäppchen, und Norman liebäugelt schon sehr mit der einstündigen balinesischen Massage für 11 Euro.

Das Christkind, so verkündet Titus am frühen Abend, komme ja heute nicht, da der Wunschzettel ja in Singapur aufgegebe wurde, und woher soll es denn bitte wissen, dass wir nun in Bali seien?! Trotzdem hatte es wohl einen guten Riecher und hinterlässt zumindest eine Kleinigkeit (= ein Buch und Seifenblasen) vor der Tür unserer Hütte, als wir zum Abendessen aufbrechen wollen.


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Die ganze Nacht über werde ich anschließend abwechselnd vom lauten Gewitter und dem Regen geweckt, der auf das STroh gedeckte Dach unserer kleinen balinesischen Holzhütte prasselt. Die nervtötenden Rufe der jagenden Geckos aus dem Badezimmer tragen auch nicht zur Nachtruhe bei, und um den ganzen den Rest zu geben, werde ich von zig Wanzen oder Flöhen gebissen, wovon ganze Spuren auf meinen Beinen zeugen. Titus dagegen schläft völlig ungerüht bis halb zehn durch, da ist Norman schon unterwegs zu seiner Tauchlektion. Er darf heute die Prüfung zur „Fish Identification“ machen, und da das andauernde Regenwetter anhält, haben alle anderen Taucher abgesagt und das Boot fährt nur seinetwegen raus.

Titus und ich dagegen vertrödeln den nassen Vormittag in unserer Hütte, rausgehen lockt uns nicht, die kleine Dorfstraße ist völlig verschwunden, stattdessen steht dort zentimeterhoch das Wasser und weicht en unbefestigten Belag auf. Also spielen wir Karten, lesen Märchen, pusten Seifenblasen und sind schrecklich faul. Als Norman um die Mittagszeit zurückkommt, übergibt er mir wieder den Tauchcomputer und ich mache mich auf für meinen Tauchgang. Ich habe mich für die Prüfung „Underwater Photography“ entschieden, den Theoriefragebogen ausgefüllt und bekomme nun leihweise eine Unterwasserkamera in die Hand gedrückt.

Mit dem Boot geht es über rauhe See nordwärts, an Mangrovenwäldern vorbei, bis zur angrenzenden Insel Nusa Penida. Zu dritt springen wir ins 26 Grad warme Wasser, Tauchlehrer Famih mitsamt mir und einem weiteren Schüler. Vor unseren Augen breitet sich ein riesiges Korallenriff aus, und vor lauter Begeisterung vergesse ich in den ersten Minuten das Photographieren. Doch bald habe ich den Dreh raus, wie ich unter Wasser die besten Schnappschüsse mache, und die Fischvielfalt bietet genügend tolle Motive. Clownfische, die ihre Anemonen verteidigend direkt auf meine Linse zuschwimmen, Korallenwälder mit tausenden von an ihnen knabbernden Fischen, und zur großen Begeisterung aller eine seelenruhig dösende Schildkröte, die sich von meinen Photoversuchen überhaupt nicht stören lässt. Eigentlich ist geplant, auf 30m abzutauchen, doch die dort unten zunehmende starke Strömung gefällt unserem Tauchlehrer gar nicht und er lässt uns stattdessen weiterhin um das Riff herumtauchen. Doch auch dort geraten wir in Strömungswirbel, zum Glück bin ich nach dem Erlebnis gestern etwas besser gewappnet und bleibe einigermaßen ruhig; auch dabei hilft mir die Kamera sehr, denn fürs Photographieren brauche ich alle Konzentration.

Leider vergeht die Zeit so viel zu schnell, mein Tauchpartner hat bald zu wenig Luft und wir müssen aufsteigen. Schade, denn dieses Riff hier war sicher eines des schönsten, das ich je gesehen habe!

Durch meterhohe Wellen kämpft sich das Boot zurück in die Mushroom Bay, wir bekommen ganze Güsse Meerwasser ab und werden durchgeschüttelt. Zurück an der Tauchschule waschen alle routiniert ihre Ausrüstung aus und anschließend sitzen wir bei heißem Kaffee zusammen, erledigen Papierkram und ich bekomme das Zertifikat für den absolvierten Kurs sowie eine Speicherkarte mit „meinen“ Fotos ausgehändigt. Hurra, meine ersten Tauchbilder!

Im Hotel treffe ich Titus und Norman am Pool, die beiden haben bei inzwischen strahlendem Sonnenschein eine lange Wanderung zum Aussichtspunkt oberhalb des Strands unternommen und müssen sich nun dringend abkühlen. Anschließend folgt das Wohlfühlprogramm: während Norman sich bei einer balinesischen Massage durchkneten lässt, begleitet Titus mich zur Pediküre und bekommt ein bisschen Lack auf die kleinen Zehennägel: „Pink, please“, wie er die Spa-Mitarbeiterin wissen lässt.

Das Hotelteam fährt eine Schoko-Weihnachtstorte auf, alle tragen Nikolausmützen und rufen fröhlich „Merry Christmas“, bald hat auch Titus eine solche Mütze auf dem Kopf. Schon wieder ist das Kind bereits vor dem Abendessen völlig übermüdet – so wie es scheint, holt er wieder einmal im Urlaub den verpassten Schlaf der letzten drei Monate nach!

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