Heimatklänge

Heimatklänge

Titus liebt es nun, morgens aufzustehen, zuallererst wird ein Strichlein auf dem Kühlschrank weggeputzt; dort zählt er, wie lange es noch bis zum Besuch von Oma und Opa dauert. Ebenso zählt der junge Mann akribisch, wie viele Tage er noch in den Kindergarten gehen „muss“, bis Weihnachtsferien sind. Und anschließend darf das Adventspäckchen geöffnet werden. Toll!

Den Vormittag über kämpfe ich mit meiner Nähmaschine – durch die beständige Hitze und Feuchtigkeit ist sie innen völlig verdreckt durch zusammengeklebte Fussel, und auch das Schmieröl scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Nachdem ich ungefähr 100x neu eingefädelt habe, nur damit der Faden sofort nach zwei Stichen wieder reißt, sehe ich es ein: eine komplette Grundreinigung steht an. Die verschiebe ich aber, das ist mir zu kleinteilig. Stattdessen räume ich das Arbeitszimmer komplett um, damit wir zukünftig Platz für unsere Besucher und deren Gepäck haben. Die Schränke werden verschoben und neu eingeräumt, damit Platz in den Fächern ist, und nun sind wir gerüstet für sämtliche Übernachtungsgäste.

Am Nachmittag diskutiert Titus auf dem Weg zur Musikstunde, ob ich diesmal nicht wieder mit hineinkommen könne. Kaum sind wir angekommen, trifft er auf Kumpel Jonas, und die beiden verschwinden zusammen auf Nimmerwiedersehen im Gruppenraum. Durch die Fensterscheibe beobachte ich, wie quietschvergnügt er beim Tanzen und Singen mitmacht, während ich mich ausgiebig mit Jonas‘ Mama unterhalte. Sie versorgt mich mit ungemein guten Tipps zum Thema „Brezn-Kauf in Singapur„, zu Reisen und zu Kinderaktivitäten – und da die Jungs auch nach der Musikstunde noch eine halbe Stunde zusammen auf den Spielgeräten im Einkaufszentrum herumturnen und sichtlich Spaß zusammen haben, vereinbaren wir ein Playdate für die Weihnachtsferien.
Am Ausgang entdecken wir einen Stand des „National Health Boards“ (= Singapurer Gesundheitsbehörde), dort kann man sich über Ernährungsumstellungen und Gewichtsreduktion informieren und sich zu verschiedenen Sport-Aktivitäten beraten lassen. Groß steht daneben ein Aufsteller, wo das Idealgewicht zu jeder Körpergröße angezeigt wird. Bei uns Deutschen ruft die Tabelle große Heiterkeit hervor, denn bei 1,63m etwa 49kg zu wiegen, halten wir doch für ziemlich überzogen bzw. wohl nur auf leichtgewichtige Asiatinnen anzuwenden!

Zuhause werfe ich deshalb gleich mal den Herd an und wir kochen das erste Rezept aus dem tollen Kochbuch des ICCS. Das „Paneer Masala“ ist schnell zubereitet und schmeckt so sensationell gut, dass ich mich beherrschen muss, nicht gleich die ganze Pfanne alleine leerzuessen.

Titus ist derweil nicht vom Probieren zu überzeugen und isst stattdessen das gesamte Naan. Schon steht Babysitterin Jiexi vor der Tür und ich eile zum Bus.

Die Chorprobe ist anstrengend, es ist zu spüren, dass der Konzerttermin näher rückt und dementsprechend macht sich etwas Nervosität breit. Dirigent Alan ist ungeduldig, die begrenzte Probenzeit rast vorbei und er springt von einem Stück zum nächsten. Das Orchester arbeitet sich redlich durch Bach und Vivaldi – und ich bin zunehmend genervt, denn die älteste Sängerin im Chor, nennen wir sie Adina, gibt heute mal wieder alles. Die über 70jährige singt zwar mit Inbrunst, gleichzeitig oft aber falsch und mit einem derartigen Vibrato auf der Stimme, dass ich schier wahnsinnig werde. Meine Freundin Sindy, die neben ihr stehen muss und bereits die Ohren mit zerknüllten Taschentuch-Stückchen vollstopft, fasst es treffend zusammen: „She’s yodeling!“ Vor allem bei den Koloraturen in der Bach-Kantate haut sie derart daneben, dass der Rest des Soprans Mühe hat, zusammenzubleiben. Das ist anstrengend, und ich verstehe ja schon seit Wochen nicht, warum die Dame überhaupt im Kammerchor mitsingen darf. Mir wurde bereits mehrfach erklärt, dass man aus Respekt vor Älteren hier niemals etwas gegen einen Senior sagen würde, also schreckt der Dirigent vor einem klärenden Gespräch zurück und weist uns stattdessen immer wieder an, einfach auszugleichen. Das ist eine echt asiatische Charaktereigenschaft: der unbedingte Gehorsam vor den Alten (und vermeintlich Weisen).

Nach der Probe bearbeiten wir Europäer den Dirigenten in einer Aussprache, denn uns ist solch eine völlige Demutshaltung fremd, wenn es um den Gesamtklang und die Arbeit eines ganzen Chores geht. Ich bin mal gespannt, wie es weitergeht.

Als ich nach der Chorprobe bei Sindy im Auto sitze und durch das nächtliche Singapur düse, fragt sie mich unvermittelt, ob ich ein bestimmtes Lied kennen würde, welches sie kürzlich im Radio gehört habe. Leider kann ich den Namen der Band nicht erkennen, sie behauptet aber steif und fest, dass es sich um eine deutsche Musikgruppe handeln müsse. An der nächsten Ampel kramt sie ihr Handy heraus und plötzlich ertönen wohlbekannte Klänge aus dem Radio: die Münchner Freiheit mit der englischen Version von „Solang‘ man Träume noch leben kann“ (= „Keeping the dream alive„). Der ebenfalls im Auto sitzende Dirigent Alan ist völlig hingerissen von dem tollen Orchester-Arrangement und den Rest der Fahrt hören wir fast das gesamte Album durch und die beiden Löchern mich mit Fragen, was denn der Bandname bedeute und wie man diesen ausspricht. Ich finde die Situation völlig surreal: außen herum Hochhäuser und tropische Nacht, innen drin die 80er-Jahre-Hymnen von Stefan Zauner und Co.

4 Replies to “Heimatklänge”

  1. Liebe Nadine,
    wie kam denn Titus mit dem Nikolaus klar, nachdem wir da nichts beisteuern konnten, werden wir morgen umso mehr darauf bedacht sein, einen angemessenen Anneliese Suppen Ausgleich zu bewerkstelligen, ansonsten eine weiter aufregende Vorweihnachtszeit. Wir waren heute bei herrlichem Wetter in Jungholz und haben voller Staunen dem schon regen Ski Betrieb zugeschaut.
    Tschau und Grüße Peter

    1. Lieber Peter,
      der Nikolaus wurde abwechselnd mit großer Sorge und Vorfreude erwartet, und die Ausbeute, die in den Gummistiefeln vorgefunden wurde, war zufriedenstellend, da der Herr in Rot sich gar nicht blicken ließ. Auf die Brühe freut sich das Kind schon, wir müssen bereits rationieren!
      Liebe Grüße,
      Nadine

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