Einmal Hölle und zurück

Einmal Hölle und zurück

Heute, am dritten Advent, brennt natürlich die dritte Kerze am Adventskranz, während draußen die Sonne vom Himmel brennt.
Um noch mehr Weihnachtstraditionen nach Singapur zu überführen, hatten wir am Samstag Abend zu einem Weihnachtsdinner geladen: Karsten, Hui Boon und Kyle besuchten uns, brachten Ihr Raclette-Gerät mit, und zusammen schlemmten wir, wie es sich für ein solches Gericht gehört. Beim Liefer-Supermarkt meines Vertrauens („Redmart„) gibt es gerade echten Schweizer Raclette-Käse zu einem sagenhaften Preis und auch sonst fehlte nichts – der Wein floß in Strömen (und bei der Hitze musste man sich mit dem Austrinken auch wirklich beeilen, da der Riesling viel zu schnell warm wurde), Titus schaufelte Mais und Brokkoli in sich hinein, während der kleine Kyle begeistert die unbekannten Spielsachen testete. Ein wirklich schöner Abend – nur beim Aufräumen bereuten Norman und ich es wieder einmal, keine Spülmaschine zu haben…

Bei Titus kündigte sich bereits am Vortag eine Schnupfennase an, und obwohl wir ihm beim Markt-Einkauf am Samstag morgen noch per frischgespresstem Orangen-Maracuja-Saft eine Vitaminbombe zuführten, wachte das Kind mit dickem Kopf und glasigen Augen auf.

Da gegen Schnupfen meist einfach nur frische Luft hilft, scheuchten wir den sehr faulen Titus gegen 11 Uhr aus dem Haus und wir fuhren mit der MRT zig Stationen bis an die West Coast. Dort liegt der Themenpark „Haw Par Villa“ – und der ist wirklcih einen Besuch wert!

Errichtet wurde dieser 1937 von den burmesischen Gebrüdern Haw und Par, die ein Vermögen damit verdient hatten, Tiger Balm (ja genau, das stinkende Zeug, das gegen einfach alles hilft) in Asien und später weltweit teuer zu verkaufen. Die beiden lebten in diesem öffentlich zugänglichen Park (bei freiem Eintritt) ihre Leidenschaft für chinesische Märchen und Sagen aus und ließen auf dem gesamten Gelände hunderte und aberhunderte von Figuren und Szenen aufstellen, die bekannte und weniger bekannte Mythen und die Lehren des Konfuzius darstellen. Mittendrin thronte oben am Hügel, mit direktem Blick auf Meer und Inseln, die wohl äußerst beeindruckende Privat-Villa der Brüder, doch diese überstand den Zweiten Weltkrieg nicht. Die Figuren dagegen sowie die Tempel und Gedenkstätten stehen noch da wie vor knapp 100 Jahren, ein wenig von Zahn der Zeit angenagt, aber nicht minder beeindruckend.


Bereits am Eingang erwarteten uns riesige zähnefletschende Tiger und lachende Buddhas (Titus: „Ein Mann mit einem nackigen Bauch!“), die großen und kleinen Dioramen wirken oft wie aus einer Traumwelt, es gibt fliegende Fische, Meerjungfrauen, Trompete spielenden Affen, riesenhafte Ameisen, Krebse mit Menschenköpfen, aber auch Alltagsszenen, die mit erhobenem Zeigefinger dazu aufrufen, ein gutes und ehrerbietiges Leben zu führen, die Alten zu respektieren und zum Gemeinwohl beizutragen.

Ich bin hin- und hergerissen zwischen ironischer Belustigung, Kopfschütteln und Gänsehaut – und letzteres überwiegt dann trotz 34 Grad und brennender Sonne:
Die Hauptattraktion in diesem Park ist nämlich die „Hölle„, wie sich in der chinesischen Mythologie beschrieben wird. Mitten in einer dunklen Hölle sind dort lebensechte Darstellungen der zehn „Höfe“ und die damit verbundenen Qualen, die Verstorbene durchleiden müssen – ein Dante’sches Inferno ist nichts dagegen!
Alle nur erdenklichen Foltermethoden sind akribisch genau nachgebildet, daneben weisen Schautafeln auf das jeweilige Vergehen der Sünder hin. Allein schon auf den „Missbrauch von Büchern“ steht als Strafe „Durchsägen“, Steuersünder werden auf ein Bett aus Messern geworfen, und diejenigen, die den Alten nicht den nötigen Respekt entgegenbringen, werden von Mühlsteinen zermahlen. Zum Glück interessiert Titus sich mehr für die lustigen Tierfiguren draußen, und auch ich setze mich lieber auf eine schattige Bank und genieße den beeindruckenden Blick auf den riesigen benachbarten Containerhafen.

Zur Aufmunterung geht es mit dem Bus zurück durch die halbe Stadt ins „Minion Café“! Die Wartezeit in diesem nur für kurze Zeit im Minion-Style eingericheten Lokal (mitten im Orchard Central-Einkaufszentrum) ist heute nachmittag zum Glück nur sehr kurz, der erste Ansturm scheint vorbei zu sein. Wir schlucken ob der Preise, können es uns aber dann doch nicht verkneifen, ein paar Desserts zu bestellen. Natürlich gibt es ein obligatorisches Fotoshooting am Eingang, bald stehen Mango-Eis mit Marshmallows und Bananen-Smoothie vor uns und wir erleiden kurz darauf einen Zuckerschock, während wir von der Klimaanlage schockgefrostet werden. Auch eine Art von Hölle.

Das verschnupfte Kind möchte danach dringend nach Hause, wir quälen uns durch das völlig verstopfte Einkaufszentrum, halb Singapur scheint heute der Lieblingsbeschäftigung „Shopping“ nachzugehen. Ich nutze den freien Sonntag Nachmittag und gehe spontan zu einer fantastischen Yogastunde in „mein“ Studio gegenüber. Die Nachmittagssonne scheint durch das Fenster direkt auf meine Matte, und ich werde 60 Minuten lang gegrillt, das ewige Hin und Her zwischen „zu kalt“ und „zu heiß“ geht mir echt ein wenig auf den Keks. Aber immerhin ist die Stunde so toll, dass ich hinterher völlig versöhnt damit bin und sogar aushalte, dass der Bus 25 Minuten Verspätung hat.
Wieder zuhause, beschließen wir spontan, noch einmal das geliehene Raclette-Gerät auszupacken und die Reste vom Vorabend zu verspeisen – auch das ist eine lieb gewordene Tradition aus der Heimat; nur dass wir hier das Raclette auf dem Balkon in der Abendsonne genießen können, ist original Singapur!

2 Replies to “Einmal Hölle und zurück”

    1. Ich werde wohl auf ewig an Dich und das Abenteuer des Tisch-Kaufs denken – bin jedenfalls froh, dass der Glastisch den Umzug per Container heil überstanden hat, das gute Teil hat so viel Mühe gekostet!

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