Konzert zum Mittagessen und Zeugnisvergabe

Konzert zum Mittagessen und Zeugnisvergabe

Titus wacht mit den Worten auf: „Ist heute Party im Kindergarten?“ Als ich bejahe, ist er flugs raus aus dem Bett und so früh dran wie noch nie diese Woche. Bereits gegen halb neun öffnen wir die Tür der „Starfish-Class“ und drücken Ms. Pooja die Dose mit den selbstgemachten Plätzchen in die Hand. Titus wird gleich mit Begeisterung von seinen neuen Freunden Haruma und Vedansh begrüßt und schickt mich weg.
Zuhause schnappe ich mir Einkaufstasche und -zettel und gemeinsam mit meiner Nachbarin Bente fahre ich wie jeden Freitag zum Pek Kio-Wet Market. Bente kennt den Markt noch nicht und hat mich gebeten, sie mitzunehmen. Gerne zeige ich ihr meine Lieblingsstände (allen voran die Dame mit den selbstgemachten Nudeln und dem fantastischen Tofu und Tempeh), fast überall werde ich als einzige „Langnase“ erkannt und begrüßt, und bald mühen wir uns mit unseren gut gefüllten und schweren Rucksäcken und Beuteln ab. Der Markt ist ein echter Treffpunkt und Freitag morgens ist ganz schön was los. Überall ist großes Hallo, hier kennen sich offenbar alle, man ratscht und tratscht und lacht, wie ich es auch von unserem Freitags-Markt am Ackermannbogen kannte. Gut, die durchdringenden Gerüche der Durian-Früchte vom Obststand und die Stände mit Räucherstäbchen sind dann doch eindeutig singapurisch. Bente jedenfalls freut sich über unseren Ausflug und ihre Neuentdeckung und löchert mich noch die ganze Heimfahrt über nach der perfekten Zubereitung von Tempeh, den sie kurzerhand in rauen Mengen eingekauft hat.

Zuhause schwinge ich wie immer freitags den Putzlappen, lasse dazu fetzige Swing-Musik laufen, verausgabe mich anschließend im Gym und eile schließlich um kurz nach 12 Uhr zum Asian Civilisations Museum am Singapore River. Dort erwartet mich bereits meine Freundin Petra, und gemeinsam nehmen wir fast auf die Minute pünktlich unsere Plätze im kleinen Konzertsaal im ersten Stock des Museums ein. Hier finden freitags regelmäßig „Lunch Concerts“ statt, in denen Studenten und Absolventen der hiesigen Musikhochschule (Yong Siew Toh Conservatory of Music) für eine Stunde mittags ihr Können unter Beweis stellen dürfen. Abwechselnd sind die verschiedenen Klassen dran, mal gibt es Klavierduos, Streichquartette oder Sänger zu hören. Doch heute steht tatsächlich „Jazz“ auf dem Programm!

Wir werden herzlich vom Leiter der Jazzklasse, Tony Macarome (ja, wir verstehen natürlich „Toni Maccharoni“) begrüßt, der offenbar Feuer und Flamme für „seine“ Musik und „seine“ Studenten ist. Jedenfalls wuselt er während der Stücke ständig herum, nimmt mal hier einen Bass in die Hand und zupft versonnen eine tolle Melodie, schlägt mit Klanghölzern den Beat oder setzt sich einen Frank Sinatra-Hut auf und moderiert launig alle Stücke an. Die Studenten sind hoch motiviert und grooven ganz ordentlich bei bekannten Stücken wie „Spider Man“, „Moon River“, „I got rhythm“ und „Summer Samba“. Auch das sehr bunt gemischte Publikum lässt sich schnell mitreißen, und bei der ständig wechselnden Besetzung gibt es auch immer wieder spezielle Talente zu entdecken.

Petra und mir gefällt – außer dem Leiter Tony – der junge Mann am besten, der mit einem dermaßen coolen Schulterzucken und völlig selbstvergessen zeigt, dass man auch auf einem traditionellen chinesischen Tempel-Instrument wie einer Ruan ganz wunderbar jammen kann.

Leider ist die eine Stunde viel zu schnell vorbei – und da man in Singapur ja peinlich genau darauf bedacht ist, alle Regeln einzuhalten, lassen die jungen Musiker auch noch das letzte Stück ausfallen, damit nur ja nicht überzogen wird. Schade!
Petra und ich sind jedenfalls sehr begeistert und schwärmen beim schnellen Mittagessen im Anschluss im gemütlichen Bistro „Privé“ noch sehr von unserem „Kulturprogramm.“

Gerade rechtzeitig eile ich mit dem Taxi nach Hause, um pünktlich um 15:15 Uhr Titus aus dem Kindergarten abzuholen. Zum Abschied drückt mir die Gruppenleiterin einen Ordner sowie einen großen Umschlag in die Hand. Im Umschlag sind alle „Kunstwerke“ und Bastelarbeiten von Titus enthalten, im Ordner finde ich sogenannte „reports“ zu den Lerninhalten des vergangenen Quartals. Es gibt genaue Informationen zu Titus‘ Fortschritten, dokumentiert mit Fotos aus dem Kindergarten-Alltag. Ganz vorne steckt ein regelrechtes „Zeugnis“ mit Bewertungen über seine Fortschritte allgemein und in Mandarin im Speziellen. Dazu ist ein Liederheft mit Kinderliedern in Mandarin abgeheftet, die Titus sofort zu singen beginnt, als er die dazugehörigen Bilder sieht. Die Erzieherinnen weisen mich darauf hin, dass ich den Ordner und vor allem das „Zeugnis“ gut aufheben möge, da ich es ggf. beim Wechsel in eine andere Einrichtung oder Schule in Singapur vorzeigen müsse. Ich bin hin- und hergerissen zwischen großer Belustigung und Entsetzen – geht das tatsächlich hier so früh los mit der „Bewertung“ von Kindern?!

Wir bringen den ganzen Kram schnell nach Hause und ich vertage die Gedanken darüber erst einmal. Stattdessen verbringen Titus und ich lieber einen netten und kurzweiligen Nachmittag in der großen National Library. Wieder einmal finden wir wunderschöne, pfiffige und skurrile Kinderbücher en masse, die Bücherei ist voller Kinder, die sich Vorlesen lassen oder selbst schmökern, und zwei Stunden vergehen wie im Flug.

Mit dem Bus, der sich durch den Feierabendverkehr kämpft, fahren wir zum Asia Square und marschieren anschließend mit Norman, der uns schon vor dem Büro erwartet, zum nahe gelegenen Ann Siang Hill. Hier reiht sich entlang der verkehrsberuhigten Straße eine Bar und ein Restaurant neben das andere. Überall ist Hochbetrieb, es locken „Happy Hour“-Angebote und die Getränkepreise sind für Singapur-Verhältnisse zu dieser Stunde sehr moderat. Ich werde leider von „Kopfschmerzen des Todes“ geplagt und bleibe bei Lime Juice, immerhin schmeckt der Linsen-Burger im „Coriander Leaf“ sehr gut und Titus ist auch zufrieden.

Wir spazieren noch eine Runde durch das Ausgehviertel und fahren dann mit dem Taxi nach Hause, wo Titus wieder einmal bis halb elf in seinem Bett herum rumort und hellwach ist. Letzten Endes holen wir ihn zu uns ins Bett, und noch während Norman und ich in unseren Büchern lesen, ist er eingeschlafen. Keine Ahnung, warum das Kerlchen momentan so wenig Schlaf braucht…

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