Freitags-Schnipsel

Freitags-Schnipsel

Wie jeden Morgen in dieser Woche sitze ich bereits bei einer Tasse Kaffee über der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, als ich Schritte höre und mir ein bestens gelauntes Kind entgegenrennt.
Nach dem Frühstück fragt es mich: „Jetzt in den Kindergarten, oder?“, und eine Viertelstunde später verlassen wir das Haus. Anziehen morgens geht ja so schnell, wenn es so warm draußen ist! Doch seit Donnerstag packe ich für Titus vorsorglich ein Jäckchen ein. Nicht für draußen, nein! Für drinnen! Im Gruppenraum des Kindergarten ist es so kalt, dass mich bereits in den fünf Minuten des morgendlichen Verabschiedens fröstelt.
Zurück zu Hause, werfe ich die Waschmaschine an, ziehe Sportklamotten an und genieße einen langen Morgenlauf im Gym. Der Ausblick vom 24. Stock fasziniert mich sehr, und auch das anschließende Seilspringen auf dem Plexiglasboden der Brücke – mit direktem Blick auf die Hofeinfahrt, etwa 70 m tiefer – macht besonders viel Spaß. 
Zum Dehnen gehe ich rüber in die „Yoga Corner“, danach schaue mir die anderen „Annehmlichkeiten“ im 24. Stock an: diverse Ess- und Kochnischen mit verschiedenen Themen, alle gegen Hinterlegung einer Kaution kostenlos zu mieten und zu nutzen für Bewohner.

Den Vormittag über packe und räume ich weiter, inzwischen sind weitgehend alle Sachen an ihrem Platz. Nun müssen „nur“ noch ein paar Regale montiert und Bilder aufgehängt werden. Dafür gehe ich beim Hausverwalter vorbei und frage untertänigst, ob wir ausnahmsweise am Samstag bohren dürfen. Denn laut 40seitiger Hausordnung ist das nur an Wochentagen von 10-17 Uhr gestattet. Und man will ja nix falsch machen, so als Ausländer und Haus-Neuling.
Der Hausverwalter guckt mich etwas ratlos an und gibt dann sein Okay, wir sollen halt nicht ganz so früh loslegen. Wahrscheinlich wundert er sich, dass ich überhaupt gefragt habe.
Als ich mich daran mache, das Bad zu putzen, entdecke ich unter dem Badezimmerschrank eine uralte und völlig verstaubte Kakerlaken-Falle. Ich hole sie mit spitzen Finger heraus, lasse sie schnell in eine Tüte fallen, die ich sofort fest zuknote und in die Müllklappe werfe. Und obwohl ich mir dabei gedacht habe: „Bloß nicht reingucken, was ich nicht weiß, lässt mich ruhiger schlafen!“, fällt mir da doch beim Eintüten was ins Auge – was ich im Hinblick auf zukünftige Besucher und den etwas insekten-empfindlichen Ehemann lieber für mich behalte.
Als Konsequenz schreibe ich lieber unserer Maklerin eine WhatsApp und bitte sie, mir dringend eine Putzfee zu empfehlen.
Ausgestattet wie eine echte Singapurerin – nämlich mit Strickjäckchen – mache ich mich an den wöchentlichen Großeinkauf. Während es draußen sehr angenehme 29 Grad hat, ist es drinnen im Supermarkt nämlich saukalt, mit maximal 18 Grad. An der Kühltheke halte ich es kaum auf und hole die Milch nur im Vorbeirennen aus dem Regal, und so beeile ich mich sehr. Nur beim Regal mit Marmeladen etc. verweile ich etwas länger. Zum einen kann ich es kaum fassen, welche horrenden Preise hier für Honig verlangt werden (scheint ein knappes Gut zu sein!), und zum anderen entdecke ich den Brotaufstrich, den ich in Korsika kennen und lieben gelernt habe. Ich gucke einfach nicht aufs Preisschild, als ich ihn aus dem Regal hole und in den Einkaufswagen lege. 
Zu den ganzen Lebensmittel schichte ich noch ein paar Packungen mit Kakerlaken-Fallen in meinen Korb (siehe oben). Beim Anstehen an der Kasse staune ich über die Preise am Zeitschriftenregal (liebe Besucher: bringt mir Zeitschriften mit!!!), und das ziemlich lange; denn es gibt selbst im riesigen Cold Storage kein „Förderband“ für Lebensmittel, sondern jedes Teil wird einzeln per Hand von der Kassiererin aus dem Wagen genommen, eingetippt und dann umständlich in Tüten verpackt. Eilig hat es hier niemand. Aber außer mir und ein paar wenigen verirrten Expats sind hier sowieso nur die schlecht bezahlten Haushälterinnen und „maids“ beim Einkaufen, und die scheinen alle nicht unbedingt schnell weiter zu wollen.
Schon ist es Zeit, Titus abzuholen. Es ist Wochenende, und so drückt mir die Erzieherin alles in die Hand, was Titus gehört: Decke und Kissen für den Mittagsschlaf, Ersatzkleidung, Handtuch, Badehose – mit dem Hinweis, die Sachen bitte übers Wochenende zu waschen und am Montag wieder mitzubringen. Hier wird die Hygiene sehr ernst genommen!
Da Titus mir aufgetragen hat, ich möge bitte die Namen der anderen Kinder seiner Gruppe in Erfahrung bringen, weil er sie schon wieder vergessen hat (ganz die Mama!), fotografiere ich noch schnell das Protokoll, das vor dem Gruppenraum ausliegt. Hm, ich fürchte, das wird zumindest bei mir eine Weile dauern, bis ich die Namen intus habe!

Bepackt marschieren wir also nach Hause, werfen nochmals die Waschmaschine an und gehen zur Stärkung erst einmal zum Bäcker unseres (oder eher: Titus‘) Vertrauens, denn obwohl es um 14 Uhr im Kindergarten einen Snack gibt, hat das Kind schon wieder Hunger und verputzt einen kompletten Donut und anschließend noch ein Rosinen-Teilchen.

Da Titus gerade seine Liebe zu Zahlen und Wochentagen entdeckt hat, möchte ich ihm für sein neues Kinderzimmer gerne einen Lern-Kalender kaufen. Praktischerweise ist im Einkaufszentrum gegenüber ein großer Spielzeugladen. Und da der junge Mann noch nie in einem solchen drin war und aufgrund mangelnder Vorbilder das Prinzip des „Shoppings“ nicht kennt, kann ich ihn problemlos mitnehmen. Er setzt sich an den Tisch mit den Legosteinen, ich stöbere herum und muss sehr schmunzeln, als ich beim Spielgeld ausschließlich Euro-Scheine entdecke – und keine Singapur-Dollars!

Den Kalender finde ich dank der Hilfe einer sehr ambitionierten Angestellten, aber ich finde dann die 90 S$ (60 Euro) dafür doch zu viel und verlasse schnell mit Titus an der Hand das Geschäft. Dem Internet sei dank ist eine Stunde später ein fast identisches Modell für ein Drittel des Preise geordert.
Von Norden her schiebt sich eine dicke, schwarze Wolkenwand heran, als wir die Straße überqueren, und trotzdem besteht Titus auf den fast täglichen Pool-Besuch. Also gut, der Pool ist ja praktischerweise im fünften Stock, und wir sind mutterseelenallein dort. Der Regen veschont uns, und wir haben einen sehr vergnüglichen Rest-Nachmittag. 

Zum Abendessen gibt es heute Pfannkuchen, und sie gelingen auf dem Gasherd allerbestens. 
Die wöchentliche Videokonferenz mit meinen Eltern wird diesmal noch durch eine Live-Wohnungsführung aufgepeppt, und schon ist es Zeit für Titus, schlafen zu gehen. Als wir gerade eine Schneise durch seine Duplo-Steine bahnen, um überhaupt halbwegs unfallfrei zum Bett zu kommen, murmelt er im allergenervtesten Tonfall: „Boah, der Papa nervt mich heute aber sehr!“ Auf meine Nachfrage, warum (mal von der Ausdrucksweise abgesehen), antwortet er: „Weil der erst so spät nach Hause kommt.“
Und da muss ich dann doch ein bisschen in mich hinein lächeln!

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