Feng Shui und ein bisschen Bach

Feng Shui und ein bisschen Bach

Heute morgen fahre ich, nachdem ich Titus im Kindergarten abgeliefert habe, direkt mit dem Bus weiter Richtung „alter Heimat“. An der der Far East Plaza steige ich aus, hole mir schnell einen Eiskaffee am Straßenstand, lese noch ein Viertelstündchen und treffe Punkt 9:30 Uhr vor dem Grand Hyatt Hotel auf Christine Kronshage. Sie leitet dort heute vormittag eine Führung zum Thema „Feng Shui@Orchard Road„, und dafür habe ich mich natürlich angemeldet.

Die Gruppe besteht aus 15 deutschen Expats und Gästen, und ich komme praktisch sofort mit Petra ins Gespräch. Sie kommt ebenfalls aus München, ist ebenfalls seit knapp zwei Monaten in Singapur beheimatet und so haben wir sofort diverse Gesprächsthemen. „Leider“ müssen wir das ausgiebige Gespräch aber erst einmal verschieben, denn Christine legt direkt im Hyatt-Hotel los und berichtet uns ausführlich von den Umbaumaßnahmen nach Feng Shui-Wissenschaft, die im Gebäude vorgenommen wurden, nachdem die Besucherzahlen nach der Eröffnung in den 70er Jahren einfach nicht zufriedenstellend waren. In der Lobby können wir die fünf Elemente Wasser, Erde, Luft, Feuer und Holz finden, die Türen wurden in anderen Winkel eingebaut, damit das „Chi“ (also die Energie) besser hineinfließen kann, und die vielen versteckten Brunnen und Wasserspiele sorgen ebenfalls für guten Energiefluss.

Ich habe natürlich keine Ahnung, ob an der Sache was dran ist, aber das Hotel floriert seitdem jedenfalls.

Draußen in der Scotts Road, Ecke Orchard Road, können wir anhand der Fassaden der vier Einkaufszentren Wheelock Place, Shaw House, Ion Orchard und Tang Plaza vier verschiedene Herangehensweisen an das Feng Shui-Prinzip sehen. Im Tang Plaza, das mit seinen an Tempel erinnernde Dächer eindeutig das Element „Holz“ verkörpert, sind z.B. in der Fassade hunderte Male eine stilisierte „8“ eingemeißelt, alle Säulen stehen auf achteckigen Fundamenten und der große Turm mit dem Marriott-Hotel ist ebenfalls achteckig. In Mandarin ist die „8“ gleichzusetzen mit Geld, Reichtum und Wohlstand. Deshalb ist auch die 1$-Münze in Singapur mit einem Achteck versehen.

Das Ion Orchard dagegen verkörpert mit seiner organischen, wellenförmigen Fassade das Element Wasser.
Total spannend, und die zweistündige Führung ist viel zu schnell vorbei – vollgestopft mit vielen Ideen für künftige Wohnungseinrichtungen!

Da Petra und ich uns so gut verstehen, beschließen wir, noch ein bisschen im Takashimaya-Einkaufszentrum zu bummeln. Wir gerade mitten in den Schlussverkauf der allgegenwärtigen „Mooncakes„. Diese kunstvollen, handgemachten Spezialitäten haben gerade Hochsaison, sie werden ausschließlich im Herbst zum „Mid-Autumn-Festival“ hergestellt und es gibt sie mit allen erdenklichen Füllungen. Die Preise variieren zwischen 3$ für die Pralinengröße bis hin zu 90$ und mehr für die handtellergroße Variante. und für wer mehr darüber lesen will: in der September-Ausgabe der „Impulse“ gibt es mehr Infos.
Petra und ich nehmen das Angebot, alle möglichen Varianten zu probieren, gerne an und naschen uns durch diverse Stände.

Im riesigen Lebensmittel-Bereich des Einkaufszentrums finden wir einen tollen italienischen Bäcker und decken uns mit Vorräten an Brot, Ciabattas und Vollkornsemmeln ein.
Nach einem gemütlichen Mittagessen im Food Court und einem Espresso im Café nebenan verabschieden wir uns, natürlich erst nach dem Austausch von Handynummern und einer Verabredung zum Ausgehen in der kommenden Woche.

Ich eile noch schnell rüber zur Haushaltswarenabteilung im Tang Plaza – zwar gibt es dort eine riesige Abteilung mit Grills und v.a. mit Weber-Grills, aber die Verkäuferin teilt mir bedauernd mit, dass die Gaskartuschen leider nicht einzeln zu haben sind. Mist, dabei wollten wir am Wochenende den Grill auf dem Balkon einweihen. Dann muss ich wohl oder übel einen Händler finden, der das Gas nach Hause liefert. Eine neue Aufgabe für meine lange Liste!

Zuhause kann ich gerade noch meine Einkäufe abladen und düse dann schon wieder rüber in den Kindergarten, um Titus abzuholen. Seine Kindergärtnerin berichtet mir wieder einmal, dass er die 6 Stunden, die er in der Gruppe ist, praktisch kein Wort spricht. Wer Titus kennt, weiß, wie ungewöhnlich das für ihn ist. Aber er hat wohl nach wie vor eine riesige Sprachbarriere vor sich und traut sich schlichtweg nicht. Umso mehr plappert er natürlich auf mich ein, als wir den Nachmittag auf dem Spielplatz verbringen.

Danach brauchen wir dringend eine Dusche bzw. ein Bad, danach folgt ein kurzes Telefonat mit Norman in Down Under, und schon klingelt es an der Tür: Babysitterin Jiexi ist da. Titus ist einen kurzen Moment sehr bekümmert, fängt sich aber schnell, und ich hüpfe in den Aufzug und hole mein Fahrrad aus der Tiefgarage.
Heute wage ich es, ich fahre zur Probe des Kammerchors mit dem Radl – zum Glück finden die Proben für dieses Projekt nämlich nicht auf dem Uni-Campus im Westen statt, sondern „relativ“ nah zu uns in der Bukit Timah Road. So habe ich nur knapp 5 km zu bewältigen, und mit Seelenruhe nutze ich die reguläre Straße und fahre einfach immer geradeaus. Schön an dieser Strecke ist nämlich, dass es nur eine einzige Ampel unterwegs gibt, und so komme ich recht schnell voran. Einzig die ständige Wachsamkeit, die ich an den Tag legen muss, ist mühsam: die Auto- und Busfahrer hier können mit Radlern nicht umgehen, und so werde ich mehrfach geschnitten oder nur mit milimetergroßem Abstand überholt. Doch ich lasse mich nicht beirren und komme nach nur 20 Minuten ans Ziel. Die Pförtnerin weist mich im Hillcrest Condo in die Tiefgarage, dort treffe ich auf meine Mitsänger. Die Asiaten unter ihnen sind schwerst beeindruckt über meine Fahrrad-Wagnisse, die Europäer zucken nur die Schultern…

Der Kammerchor ist aus 25 Sängern aus den Reihen des IFC zusammenstellt, und da die Besetzung so klein ist und wir alle durchaus Erfahrung haben, ist sowohl das Stück sehr anspruchsvoll (Bach, Kantate 191) als auch die Proben-Atmosphäre eine sehr konzentrierte und effektive. Innerhalb von zwei Stunden erarbeiten wir den ersten Satz komplett – zumindest ich habe das Stück noch nie gesungen und lerne viel. Der schönste Moment ist wohl der, als wir fünf Deutschen dem Rest der Truppe die deutsche Aussprache von „Gloria in excelsis Deo“ beibringen. Meine zwei Singapurer Nebensitzerinnen kämpfen die folgende Stunde mit dem „z“-Laut in „excelsis“ und lachen sich kaputt dabei.

Um 22 Uhr radle ich zügig wieder nach Hause, der Verkehr ist merklich weniger geworden und ich muss nur einmal ausweichen, als mich ein Linksabbieger fies schneidet. Zuhause finde ich einen schlafenden Titus vor und bezahle Jiexi – diese Woche ohne Norman hat nun ein halbes Vermögen für Kinderbetreuung gekostet, 150$ habe ich fürs Babysitting bezahlt.
Egal, der Chor ist „mein“ Hobby und meine Auszeit, und wir wissen ja, dass Frauen auch „was Eigenes“ haben müssen…

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