Eine Führung durch den Wet Market

Eine Führung durch den Wet Market

In der Nacht hat es durchgehend geregnet, und die Luft heute morgen beim Frühstück auf dem Balkon ist fast kühl. Norman scherzt, dass jetzt wohl der Winter komme, wird aber von Titus sofort zurechtgewiesen: „In Singapur gibt es keinen Schnee, da ist es immer warm.“ Da es gestern so gut funktioniert hat, beschließe ich auch heute, mein ursprüngliches Programm schlichtweg in Titus‘ Begleitung abzuhandeln. Und so stehen wir im Nieselregen pünktlich um 9:30 Uhr mitten in Geylang am Joo Chiat Komplex.
Ich habe mich nämlich über die German Association für eine geführte Tour auf den „wet market“ angemeldet, und der Singapurer Guide Chaqa freut sich, dass ich noch einen kleinen Begleiter mitgebracht habe. In unserer 15köpfigen Gruppe aus deutschen Expats ist Titus aber nicht das einzige Kind, zwei weitere Mamas haben ihre Kleinen in der Trage dabei.
Schnell wird mir klar: allein der Guide ist ein Erlebnis. Chaqa stammt aus Singapur, aus einer streng gläubigen muslimischen Familie, und als er sich als junger Mann als schwul outet und damit mit seiner Familie bricht, sucht er sein Glück in Europa. Auf Umwegen landet er irgendwann in Köln, lebt dort fast 18 Jahre lang und arbeitet äußerst erfolgreich u.a. als Dragqueen und als Stylist von Anke Engelke. Seit einigen Jahren ist in seine Heimat zurückgekehrt, ist der Lieblingsfriseur aller deutschen Damen in Singapur und sieht seine Hauptaufgabe darin, den Deutschen die einheimische Kultur nahezubringen. Kurz: ein echter Entertainer und ein Unikat.

Auf jeden Fall ist er genau der richtige, um uns in die verschlungenen Pfade der großen Markthalle mitzunehmen, die er wie seine Westentasche kennt. Zu Beginn umreißt er kurz die Geschichte der „wet markets“ und die Besonderheit des „Geylang Serei Market„, der mitten in einem v.a. von Malayen bewohnten Viertel steht, im Speziellen. Während sich im ersten Stock Schneidereien, Klamottenläden mit Kleidern für die streng muslimische Frau und zig Stoffläden aneinanderreihen, ist im Erdgeschoss Hochbetrieb.

Tief verschleierte Damen schieben Wägelchen voller Lebensmittel durch die engen Gänge, und wir als Gruppe stehen natürlich immerzu im Weg. Davon lässt sich Chaqa aber nicht beeindrucken: mit Inbrunst zeigt er uns die verschiedenen Abteilungen innerhalb der Markthalle. Es gibt die Obst- und Gemüse-Gänge, die Gänge mit Gewürzen/Kräutern/getrocknetem Fisch/Nüssen, die Bäckereien und dann natürlich die Gänge voller Metzgereien und die Fischhändler.
Da der Guide selbst Vegetarier ist, hält er sich bei letzteren nicht allzu lange auf und lässt uns alleine einmal auf- und abspazieren. Selbst ich staune über das Getier, das teilweise noch lebendig über Eisblöcke kriecht, und Titus kriegt von den herumrollenden Schnecken und den bedrohlich ihre Scheren vorstreckenden Krebsen nicht genug.

Spätestens hier erschließt sich der Name „wet market“ – denn wir stehen in tiefen Pfützen, überall tropft und läuft es, von dem schmelzenden Eis und von den immerwährenden Eimer voller Wasser, die hier ständig ausgegossen werden, um den schlimmsten Schmutz wegzuspülen. Der Gerucht ist weniger schlimm als erwartet, auch hier wird Singapur seinem Sauberkeitsfimmel gerecht.

Spätestens in den Abteilungen ohne „Tierleben“ ist Chaqa dann aber in seinem Element: ausgiebig erklärt er uns die verschiedensten Zubereitungsmöglichkeiten der Gewürze und Gemüsesorten, verrät seine deutsch-asiatischen Lieblingsgerichte, zeigt mir frischen Tofu und Tempeh, und gibt Tipps zum Einkauf auf dem Markt.

Es wird nicht gehandelt, sondern es gibt Festpreise – diese variieren aber gegebenfalls, so bekommt ein Stammkunde natürlich einen besseren Preis als ein Neuling, ebenso ein Einheimischer gegenüber einer Langnase.
Trotzdem bin ich schwerst beeindruckt von den sensationell günstigen Preisen für Obst, Gemüse und Kräuter. Alles sieht sehr frisch und appetitlich aus, die Händler sind freundlich und freuen sich offensichtlich darüber, dass sie uns „Unwissende“ über ihre dargebotenen Spezialitäten aufklären können. Immer mal wieder bekommen wir Gebäck, Süßigkeiten oder Obstsorten zum Probieren gerericht, und Titus wird mehr als einmal mit großem Hallo begrüßt. Ihn beeindruckt der Trubel überhaupt nicht, er guckt und wuselt herum und stellt tausendundeine Frage, so dass ich leider nicht alle Ausführungen unsere Guides mitkriege. Das ist aber nicht so schlimm, denn mir genügt schon die Atmosphäre völlig.

Nach gut zwei Stunden ist die Führung vorbei, und nun haben alle Hunger. Zum Glück gibt es mitten im Markt auch gleich einen food court, und kurz darauf sitzen Titus und ich mit frischen indischen Dosas und leckeren, scharfen Saucen dazu an den kleinen Tischchen und schlemmen. Während ich mich über den unfassbar günstigen Preis von 2 S$ für zwei Portionen erfreue, arbeitet Titus bereits daran, das ausgegebene Geld wieder reinzuholen, und singt und tanzt direkt neben dem sich abmühenden Alleinunterhalter. In Ermangelung eines Hutes kommt das Kind nach zehn Minuten zwar ohne Geld, dafür aber mit diversen Bonbons in den Händen zurück.

Die gute Laune muss ausgenutzt werden, denn von Erkältung oder schlimmeren ist bei uns beiden nichts mehr zu spüren. Also nehmen wir den Weg zur zweiten, viel größeren Ikea-Filiale in der Nähe des Flughafens auf uns und verbringen einen vergnüglichen Nachmittag im fast menschenleeren Möbelhaus – natürlich inklusive ausgiebigem Kaffeeklatsch. Am besten ist, dass wir diesmal alles von unserem Einkaufszettel bekommen, der Lieferservice uns eine Lieferung für Samstag verspricht und die nette Uber-Fahrerin, die ich für den Heimweg buche, uns sogar den Kleinkram bis vor die Tür trägt.
Zuhause angekommen, stelle ich fest, dass es bereits 18 Uhr ist – so schnell ist der Tag vergangen, und so wenig haben wir uns gelangweilt und nicht eine Sekunde angenervt. Gemeinsam mit Norman baut Titus dann noch flugs einen weiteren Schrank für unsere Abstellkammer auf und erzählt mir dann noch beim Ins-Bett-Gehen, dass es gar nicht eilig sei, wieder in den Kindergarten zurückzukehren…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Translate »