Bei den Orang-Utans – Bukit Lawang

Bei den Orang-Utans – Bukit Lawang

Morgens wache ich vom Ruf des Muezzins auf, dem direkt ohrenbetäubendes Hahnengeschrei und lautes Truthahn-Gekoller folgt. Titus ist auch schon wach, ich kann ihn aber überzeugen, bis kurz vor halb acht liegenzubleiben. Dann stehe ich leicht übermüdet auf und marschiere mit dem hungrigen Kind hinunter durch den schönen Garten ins nach allen Seiten offene Restaurant.

Endlich sehen wir den Fluss, dessen Rauschen uns im Schlaf begleitet hat, bei Tageslicht. Sehr idyllisch liegt unser Guesthouse direkt am Ufer, außen herum sind die Uferhänge dicht bewachsen, die Luft ist deutlich kühler als in Singapur und es ist soweit abseits von der Straße herrlich ruhig.
Titus verputzt zum Frühstück einen großen Pancake mit Marmelade, ich kriege den Kaffee mit dicker, gesüßter Dosenmilch nicht so leicht runter. Gegen 9 Uhr scheuchen wir Norman aus dem Bett, denn um 10 Uhr wollen wir los: zur Dschungelwanderung!
Dick eingesprüht mit Mückenspray und in voller Trekking-Montur marschieren wir in Begleitung zweier einheimischer Führer los. Direkt vom Hostel aus geht es steil bergauf in die Hügel, dort liegt der Gunung-Leuser-Nationalpark. In diesem Park lebt die größte der verbleibenden Orang-Utan-Populationen und zig andere Affen- und sonstige Tierarten, und direkt an dessen „Eingang“ werden wir von einem hübschen Thomas-Languren begrüßt, der über uns im Baum sitzt und erst einmal auf unser herunterpinkelt.
Der enge Pfad, der an vielen Stellen schlammig ist (in der Nacht muss es geregnet haben), führt uns über große Wurzeln und unter Lianen hindurch an Urwaldbäumen vorbei. Titus marschiert fleißig mit, lässt sich an steilen oder rutschigen Stellen von seinem auserkorenen Lieblings-Guide an die Hand nehmen oder tragen und ist trotz recht wenig Schlaf bestens gelaunt. Ich dagegen versuche, der Mückenplage Herr zu werden, die über mich herfällt. Es ist schwül, und unter dem dichten Blätterdach kommen wir schnell ins Schwitzen – das mögen die Stech-Viecher!
Doch bald bin ich abgelenkt, direkt über uns springt ein Gibbon von Ast zu Ast und lässt sich auf dem Baum neben uns nieder, um sich gemütlich am Knie zu kratzen. Daneben zeigt uns der Guide am Stamm eines großen Baumes die Krallenspuren eines Honig-Bären, der wohl in der Nacht auf der Suche nach Bienenvölkern war.

Immer wieder begegnen uns andere Wanderer, die Führer geben sich gegenseitig Auskünfte über ihre Tier-Sichtungen – und so stoßen wir kurz darauf auf einen großen Orang-Utan, der in seinem Nest sitzt und sehr lässig ein kleines Nickerchen macht, immer wieder zu den Blättern neben sich greift und einen Happen isst, sich aber von den Menschen unter ihm nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Ich bin beseelt, wollte ich doch immer schon wenigstens einmal einen Orang-Utan aus der Nähe sehen – also einen frei lebenden.
Doch es bleibt nicht bei dem einen, kurz darauf marschiert ein großes Weibchen vor unserer Nase über den Weg und setzt sich keine 5 m von mir entfernt in einen Baum. Leider stellt sich heraus, dass sie von einer anderen Gruppe mit Wassermelonenstücken angelockt wurde – unser Guide ist darüber sehr empört, da dies das natürliche Verhalten der Tiere verändere und sie damit auch zu einer Gefahr für Menschen werden. Ich stimme ihm aus vollem Herzen zu und bin schwer beeindruckt, als ich Guides bei einem kurzen Snack (mit Babybananen, Maracujas und Mandarinen) mitten im Urwald sämtliche Schalen einsammeln und mit sich zurück ins Dorf tragen.

Titus lässt sich das Obst schmecken und wird kurz darauf zum Dschungelkönig gekürt – die selbstgebastelte Blätterkrone muss aber dann doch erst einmal ich tragen!

Auf dem weiteren Weg kreuzen immer wieder kleine und große Äffchen unseren Weg, wir sehen wilde Pfaue durchs Unterholz streifen und hören deren Schreie durch den Wald. Titus schwächelt ein wenig, darf dann aber auf den Schultern unseres Führers reiten und hält es so bis zur Mittagspause aus. Wir setzen uns auf große Wurzeln, die Jungs packen gebratenen Reis, Gemüse und Krabbenchips aus und wir essen mit großem Genuss. Als ich nac den ersten Bissen meinen Blick wende, sehe ich direkt neben uns im Baum ein Thomas-Languren-Männchen sitzen. Ebenso auf der anderen Seite. 

Nach und nach gesellt sich die komplette Affenfamilie zu uns und beobachtet uns aus recht kurzer Distanz beim Mittagessen. Ein seltsames Gefühl. Der Junior interessiert sich nur noch mäßig für Affen, erklärt mir mit wichtiger Miene, dass es sich bei den Äffchen ja um keine Menschenaffen handle, da dieses einen Schwanz hätten (das hat er bei unserem letzten Zoo-Besuch aufgeschnappt) und verlangt vom Guide, dass der ihm weitere Blätterkronen basteln möge.

Nach einer sehr frischen und reifen Ananas als Nachtisch brechen wir auf, die Affenfamilie springt davon und wir marschieren weiter. Inzwischen sind unsere Schuhe matschverkrustet, ich habe Dreckspritzer bis zum Po und bin in einer Mischung Sonnencreme, Mückenspray und Schweiß gebadet. Kurz vor dem Ende unserer Wanderung treffen wir auf eine andere Touristengruppe, die wie gebannt einen großen männlichen Orang-Utan beobachtet, der mitten auf dem Weg sitzt. Als der sich plötzlich in unsere Richtung bewegt, wird die Stimmung etwas angespannt – denn diese „sanften Riesen“ können auch sehr unangenehm werden und haben vor allem Bärenkräfte. Wir bewegen uns rückwärts aus der Reichweite des Menschenaffen, unsere Guides lotsen ihn vorsichtig auf den Nebenpfad und wir eilen mit Herzklopfen in sicherem Abstand an ihm vorbei. Zum Glück kann auch die Titus die Anspannung spüren und verhält sich mucksmäuschenstill, während er sich auf den Schultern des Führers vorbeitragen lässt.
Am frühen Nachmittag erreichen wir wieder unsere Unterkunft und ich bin völlig hingerissen von dem tollen Ausflug: wir haben so viele wunderschöne Tiere gesehen! Affen aller Arten, aber auch Riesenameisen und Termiten, Vögel und beeindruckende Pflanzen. Allein dafür hat sich die lange Autofahrt und Anreise gelohnt.
Den Rest des Tages bringen wir mit faulem Herumliegen am Fluss zu, Titus ist sichtlich müde und Norman hält ihn mit stundenlangem Steinchen werfen bei Laune. Während ich ein Stündchen auf der Terrasse sitze, bekomme ich Besuch von einer Affenfamilie. Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll, dass gleich mehrere Exemplare direkt auf der Brüstung sitzen und mich beobachten, und verziehe mich nach drinnen – seit Indien bin ich Affen gegenüber sehr vorsichtig. Doch diese scheinen einigermaßen umgänglich zu sein, und so setze ich mich wieder nach draußen und schaue ihnen beim Herumtoben auf unserer Treppe zu.
Nach einem tollen Abendessen mit Gado Gado, Nasi Goreng und Bintang-Bier (600 ml für etwa 2 Euro – nach einem Monat Singapur-Preisen kriegen wir uns gar nicht mehr ein und rechnen mit Umrechnungs-App mehrfach nach) stecke ich Titus und Norman direkt ins Bett. Ich schreibe noch schnell den Blog-Eintrag auf der Terrasse zu Ende, während sich ein heftiges Gewitter entlädt und außer dem prasselnden Regen auf dem Dach und dem Zirpen der Grilen nichts zu hören ist.

2 Replies to “Bei den Orang-Utans – Bukit Lawang”

    1. Liebe Gaby, so schnell wird man Dschungel-Königin, ganz ohne Maden essen zu müssen. Es war so ein herrliches Wochenende, und "einmal im Leben wilde Orang-Utans sehen" kann ich jetzt von meiner "Lebensliste" streichen.
      Alles Liebe, Nadine

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