Begegnungen in Singapur

Begegnungen in Singapur

Es klingelt pünktlich um 8:30 Uhr, und kurz darauf steht Muthuma vor mir –  eine kleine Inderin mit langem, ergrautem Zopf, schmal, mit Fältchen um die Augen und einem entzückenden Lächeln. Über eine Dienstleistungs-App (SendHelper) habe ich eine Putzhilfe gesucht, und Muthuma hat sich sofort auf meine Anfrage gemeldet.
Als ich sie durch die Wohnung führe und ihr alles Notwendige zeige, wackelt sie fröhlich mit dem Kopf, wie es nur die Inder können. Und als ich ihr dann noch gestehe, dass ich Indien so großartig finde, schon 4x dort war und sogar mal kurz in Chennai, ihrer Heimatstadt, einen Zwischenstopp gemacht habe, ist das Eis endgültig gebrochen.
In den folgenden drei Stunden wischt und saugt sie wie ein kleiner Derwisch, ruft mir immer wieder mal Namen von Putzmitteln und Gegenständen zu, die ich noch besorgen muss, und schüttelt missbilligend den Kopf, als sie mir die schlimmen (Kalk-)Flecken unseres Vormieters in der Dusche zeigt: „Not well maintained – but we can try to get it clean.“ 
Ich bin entzückt, kann ich doch in Ruhe erste Recherchen für meinen neuen Nebenjob als Redakteurin erledigen. Am Schluss bügelt sie auch noch Normans Hemden in Perfektion und rügt mich noch, weil es „nur“ vier Stück waren („Next time more please, give me also your clothes!“).
Wir sind uns einig, dass wir das Arbeitsverhältnis auch nächste Woche fortführen – für 18 S$ pro Stunde inkl. Bügeln. Sie erzählt mir dann noch sehr stolz von ihren beiden erwachsenen Söhnen. Seit diese zuhause ausgezogen seien, sei ihr so langweilig, dass sie nun täglich 12 Stunden zum Putzen geht. Das erarbeitete Geld schickt sie an eine Hilfsorganisation in Nordindien, die sich um den Bau von Schulen und Krankenhäusern kümmert. Sie liebt das Putzen, erzählt mir, wie sehr es sie glücklich macht, wenn eine unordentliche, staubige Wohnung hinterher glänzt und blitzt. Und dass sie damit auch noch was für ihr Karma tut, sei das beste überhaupt.
Am Ende empfiehlt sie mir noch drei vegetarische, indische Restaurants, verabschiedet sich – und lässt mich mit bewunderndem Kopfschütteln zurück.
Die nächste nette Begegnung des Tages ist Titus‘ neue Babysitterin Jiexi. Sie kommt heute abend zum ersten Mal, für nur eine Stunde, damit die beiden sich beschnuppern können. Da sie im Kindergarten in der Verwaltung arbeitet, konnte sie schon ein bisschen einen Blick auf Titus werfen, und sie ist fast schon enttäuscht, dass sie heute nur eine Stunde bleiben soll. Als sie bei uns eintrifft, ist das Kind völlig aus dem Häuschen, und zwei Minuten später sitzen die beiden auf dem Boden und sie liest ihm aus den englischen Kinderbüchern vor.
Da die Stimmung gut zu sein scheint, schiebe ich nur schnell ein paar Tiefkühl-Dumplings in den Dampfgarer und verabschiede mich zur Chorprobe. Da ich heute nicht auf Norman warten muss, komme ich tatsächlich pünktlich auf die Minute, und da ich per WhatsApp dann Bescheid bekomme, dass die Babysitter-Probe bestens gelaufen ist, sage ich dann auch gleich für den Kammerchor jeden Donnerstag zu. Jiexi schreibt mir noch, dass sie jederzeit Titus sogar schon nachmittags bespaßen und vom Kindergarten abholen könne, falls das mal nötig sei, da sie ja praktischerweise dort im Büro arbeitet. Wow, und schon streiche ich wieder einen Punkt von der Aufgabenliste.
In der Chorprobe geht es heute sehr lustig zu, und es haben sich die ersten „Routinen“ eingeschlichen. So habe ich zum Beispiel meinen Stammplatz in der ersten Reihe rechts außen. Neben mir sitzt immer Sindy, im echten Leben waschechte Singapurer Maklerin und sehr aufgeweckt. Sie bestaunte die letzten Male den Elektro-Tretroller, will mir aber nun den langen Heimweg ersparen und fährt mich mit dem Auto bis vor die Haustür. Während ich beim Hinweg noch über eine Stunde im Bus saß (und dabei vom Fenster aus den allabendlich buddhistischen Riten am Straßenrand zuschauen konnte), bin ich nun nach nur 20 Minuten zuhause. Und Sindy als Wohnungsexpertin ruft mir noch hinterher, dass wir uns glücklich schätzen können: der Pool und der Fitnessraum im 24. Stock seien praktisch einzigartig in der Stadt…

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