Man spricht deutsch

Man spricht deutsch

Um kurz nach 7 Uhr setzt sich das Kind im Bett auf und ruft: „Ist der Papa schon aufgestanden?“ – ganz neue Sitten reißen bei uns ein, bisher war ich diejenige, die morgens weit vor allen anderen auf den Beinen war, um wenigstens in Ruhe duschen und den ersten Kaffee trinken zu können. Danach folgte Titus, und ganz zum Schluss meist Norman, der recht wortkarg sein Müsli in sich hineinlöffelte. Um 7:55 Uhr verliess die komplette Familie das Haus und verschwand Richtung Kita/U-Bahn/Büro.
Nun aber schlummere ich selig weiter, während ich mit halbem Ohr zuhöre, wie Titus munter auf Norman einredet, den er abends meist nur kurz zu Gesicht bekommt. Die Arbeitszeiten hier sind deutlich nach hinten verschoben, frühestens um 9 oder gar 9:30 Uhr ist Arbeitsbeginn, und dann geht der Arbeitstag aber bis mindestens 19 Uhr – wobei die Stunde Mittagessen mit den Kollegen sehr ernst genommen wird!
So darf Norman also den Morgenpart übernehmen, und bis ich aufstehe, haben die beiden bereits gefrühstückt – ich muss ja nirgends hin und habe es demzufolge auch nie eilig.
So war ich mir auch gar nicht sicher, ob wir heute den anvisierten Vormittagsausflug in Angriff nehmen können, denn manchmal schaffen wir es erst gegen halb elf raus aus dem Schlafanzug – purer Schlendrian! Doch heute läuft es, und so verlassen Titus und ich Punkt 9:30 Uhr die Wohnung. Unten im Erdgeschoss holt sich das Kind wie jeden Tag eine Packung Kekse bei seiner Lieblings-Sushi-Köchin ab, wir steigen ins vorbestellte Uber-Taxi und lassen uns ins nördliche Bukit Timah fahren, zum Haus der „German Association„.
Diese Interessensgemeinschaft für Deutsche in Singapur ist sehr umtriebig, veranstaltet zig Events, Kurse, betreibt eine eigene Zeitschrift („Impulse„) und organisiert natürlich zusammen mit dem Swiss Club auch das berüchtigte Singapurer Oktoberfest (dieses Jahr als Special Guest: Andreas Gabalier).
Hier findet mittwochs immer der sogenannte „Zwergentreff„, so eine Art Krabbelgruppe/Spielgruppe deutscher Expats statt, und da Titus sich nach anderen Kindern sehnt, nehmen wir den weiten Weg auf uns. Wie es sich für echte Deutsche gehört, sind wir zehn Minuten zu früh dran und stehen eine Weile im ausgeschilderten Obergeschoss der Villa herum. Titus rätselt, ob bei dem „Zwergentreff“ denn wohl auch echte Zwerge dabei seien und welche Farbe deren Mütze haben könnte… Ich komme gerade noch um eine Erklärung herum, denn die Tür geht auf und sechs weitere Mamas mit insgesamt sieben Kindern von 1-4 Jahren stürmen den Raum. Schränke werden geöffnet, Kisten mit Spielzeug bereitgestellt, und los gehts.

Die zwei folgenden Stunden vergehen wie im Flug, Titus ist selig über so viele Duplosteine und so viele Kinder und so viele Mamas, die Lust haben, mit ihm zu spielen. So bleibt genug Zeit zu plaudern; auch wenn sich zu Beginn immer alle Fragen nur auf die wichtigsten Basics konzentrieren: „Seid wann seid Ihr in Singapur?“, „Woher kommt Ihr?“, „Wie lange bleibt Ihr?“ und – anscheinend ganz wichtig: „Hast Du vor zu arbeiten?“.
Klar, irgendwie sitzen wir alle im selben Boot; die Statistik besagt, dass Expat-Familien vor allem der Männer wegen ins Ausland ziehen (klar, denn so eine Teilzeit-Mutti ist halt nicht so wichtig, dass sie dringend die Kuh in der Asien-Dependance vom Eis holen muss). Und so geben die Frauen ihre Karriere auf (sofern sie denn nach der Elternzeit gerade wieder eine gestartet hatten) und sind wieder einmal arbeitslos und dürfen sich hauptberuflich um’s Kind kümmern.
Denn nicht alle Arbeitgeber sind spendabel, was Zulagen für Kinderbetreuungskosten angeht; und diese sind in Singapur nun einmal horrend. Mindestens 10.000 Euro pro Jahr muss man für eine Teilzeitbetreuung aufbringen, und wenn hier das Unternehmen nicht unterstützt, bleibt Mama lieber zuhause und kümmert sich selbst. Oder sie springt über ihren moralischen Schatten und stellt eine unterbezahlte philippinische Nanny ein, die 24 Stunden täglich verfügbar ist und in einem kleinen fensterlosen Zimmerchen in der eigenen Wohnung mit haust und sich um Haushalt, Küche und Kind kümmert.
Auffällig ist dennoch, dass wirklich viele, viele Expat-Familien mindestens drei Kinder haben. Klar, wenn der Entsendungs-Job dementsprechend bezahlt ist, kann man hier für wenig Geld viel personelle Unterstützung bekommen – Nanny, Maid, Laundryservice, alles für kleines Geld zu haben.
Das alles geht mir durch den Kopf, als ich während des Spieltreffs die reine Mama-Kind-Gruppe betrachte – freie Vormittage für Väter scheinen nicht vorzukommen… Um 12 Uhr räumen wir zusammen die Spielsachen auf und eilen dann allesamt zum Bus. Bei der fast einstündigen Heimfahrt (dieser Teil der Stadt liegt wirklich am völlig anderen Ende von unserer Unterkunft aus) verkündet Titus, dass er dort wieder hinmöchte, aber ich bin etwas verhalten. Nach dem einmaligen „Schnuppern“ darf man nur noch teilnehmen, wenn man eine Jahresmitgliedschaft bei der German Association abschließt, und diese liegt bei 360 S$ (ca. 220 Euro). Und dafür gibts beim Kindertreff noch nicht einmal Kaffee!Warten auf den Bus - Alltagsszene

Zuhause ist der Hunger so groß, dass gerade genug Zeit bleibt, um TK-Dumplings in die Pfanne zu schmeißen, die Titus dann innerhalb von Minuten verputzt. Draußen brennt die Sonne, und nach einer kurzen Pause schwimmen und toben wir die folgenden zwei Stunden im völlig verlassenen Pool. Der kleine Schwimmer hat bereits eine ordentliche Bräune durch die vielen Bade-Einheiten, und das Wasser ist so aufgeheizt, dass es mindestens 29 Grad hat.
Wie bereits am Vormittag versprochen, gibt es aufgrund der Hitze heute ein Eis (Titus fragt ungefährt viermal täglich: „Hatte ich heute schon ein Eis? Nein, oder?“) und für mich einen Eiskaffee, und wir setzen uns damit raus in den Schatten und telefonieren ein bisschen mit der Familie zuhause.
Ich liebe die Wärme, und so halte ich es in unserem klimatisierten, etwas düsteren Apartment, in dem wir aufgrund der Taubenplage noch nicht einmal auf den Beton-Balkon können, nicht besonders lange aus. Nachdem also Postkarten und wichtige Portraits fertig gemalt sind, schnappe ich mir Kind, Bücher und Obst und marschiere zurück zum Pool. 

Dort setzen wir uns in die Liegestühle, lesen und gucken den nun dort tobenden Kindern beim Schwimmen zu.
Kurz darauf steht eines der Kinder, die alle zu einer arabischen Großfamilie gehören, vor uns. Sie sind der Sommerhitze in ihrer Heimat Dubai entflohen und verbringen zwei Monate in Singapur, wie ich durch meine Gespräche mit den sehr aufgeweckten Mädchen herausbekommen habe. Titus hat sich ein wenig mit dem kleinen Buben angefreundet, und eben dieser drückt ihm jetzt schüchtern eine Packung Kekse in die Hand – zum zweiten Mal an diesem Tag hat mein Sohnemann Kekse ergattert, wie macht er das nur?!

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