In der Shopping-Hölle

In der Shopping-Hölle

Wir haben heute eine lange To-Do-Liste, und so scheuche ich Titus bereits um halb zehn aus dem Haus und Richtung U-Bahn – für uns momentan zu sehr früher Stunde also.
In der nächsten Woche sollten wir wirklich mal wieder ein bisschen mehr Elan an den Morgen legen, denn Kindergartenbeginn übernächsten Montag ist um 8:15 Uhr, und da liege zumindest ich zur Zeit fast noch im Bett. Aber noch ist „Urlaub“!
Die MRT ist untypisch leer, wahrscheinlich haben wir gerade den schmalen Zeit-Slot nach der Morgen- und vor der Mittags-Rush-Hour erwischt (oder heute ist wieder mal ein Feiertag, von dem wir nichts mitbekommen haben), und so stehen wir Punkt 10 Uhr in der City Square Mall vor dem Postamt. Dieses öffnet – ganz nach Singapurer Art – genau um 10 Uhr, aber wir können trotzdem noch nicht an den Schalter gehen, denn das Kind muss dringend und sofort den riesigen Schokoladen-Muffin, den es von der herzallerliebsten Sushi-Köchin heute morgen bekommen hat, essen. Eine Stunde nach dem Frühstück.
Meine Singapur-Erfahrung bislang zeigt übrigens, dass die viel zitierten Verbote und die damit verbundenen Strafen in dieser Stadt zumindest im Umgang mit Kindern sehr lax gehandhabt werden. Essen und Trinken in öffentlichen Gebäuden interessiert hier niemanden, zumindest räumt hier im Einkaufszentrum eine Putzfrau die ganzen Krümel auf, ohne auch nur zu Murren. Und auch Wildpinkeln in öffentlichen Grünanlagen soll schon vorgekommen sein, habe ich gehört – nicht, dass jemand von uns so etwas tun würde…
Nachdem also der zweite kleine Hunger des Tages gestillt ist, können wir endlich Briefmarken erstehen, für die tollen Postkarten und für die nur minimal weniger wichtigen Briefe. Wie Norman gestern nämlich so nebenbei eingefallen ist, wollen wir ja von unserem Briefwahlrecht für die Bundestagswahl Gebrauch machen. Und dafür muss man sich als Auslandsdeutscher erst einmal wieder in das deutsche Wählerverzeichnis eintragen lassen, denn offiziell sind wir ja nun buchstäblich abgemeldet. Diese Eintragung muss aber schriftlich per Antragsformular bis zum 3.9. bei der ehemaligen Heimatgemeinde eingegangen sein – und wenn die Luftpost pünktlich ist, könnte das gerade so klappen. Anschließend erhalten wir dann hoffentlich wiederum per Post unsere Wahlunterlagen. To be continued!
Die Briefe sind jedenfalls eingeworfen, und wir marschieren zwei Häuserblocks weiter zum sagenumwobenen „Mustafa“-Einkaufszentrum. Mir wurde dazu berichtet: „Alle Dinge, die Du brauchst oder von denen Du noch gar nicht wusstest, dass Du sie brauchst, findest Du dort – und zwar jeweils in 100facher Ausführung.“ Nun, der erste Eindruck bestätigt diese so wahren Worte.
Das Einkaufszentrum (fest in indischer Hand und 24 Stunden täglich geöffnet) erstreckt sich mitten im eher nicht so malerischen Teil von Little India über zwei ganze Häuserblocks, hat etwa 6 Etagen und ist vollgestopft von oben bis unten. Titus und ich kämpfen uns durch die eng gestellten und vollgepackten Regalreihen des Erdgeschosses auf der verzweifelten Suche nach einem Übersichtsplan, doch vergeblich. Also nehmen wir uns Abteilung für Abteilung, Stockwerk für Stockwerk vor. Hier gibt es alle erdenklichen Konsumgüter: von Saris bis hin zur Schlagbohrmaschine, von Markenparfüm über Goldschmuck bis hin zur Bettwäsche, Lebensmittel aus aller Herren Länder (auch Nutella und Ovo Crunch erspähe ich beim Vorbeidrängeln), außerdem Elektrogeräte, Computer, Fahrradersatzteile, Geschirr, Medikamente, Bücher, Souvenirs,… Mir wird allein bei der Erinnerung daran ganz schwindelig.
Die Regale sind manchmal so eng gestellt, dass kaum ein Durchkommen ist. Einkaufswagen gibt es hier nicht, die würden eh nicht durchpassen, alle laufen mit kleinen gelben Körbchen herum, die so aussehen, als würden sie kaum noch ein Duschgel tragen können. Die Qualität der Ware ist eher so mittelmäßig bis ramschig, teuer ist trotzdem alles, und die Auswahl überfordert uns.
Dabei brauchen wir doch eigentlich erst einmal Kissen und Decke für Titus für die Kindergarten-Mittagspause. Wir entdecken nach langem Umherirren endlich eine Verkäuferin in der Bettenabteilung, doch diese will uns ein 2,00 x 2,00 m Steppbett andrehen („good quality, very warm for little baby“), und ich nicke freundlich und zerre Titus weiter.

Zumindest eine Trinkflasche für den Kindergarten sollte sich doch hoffentlich auftreiben lassen – und tatsächlich werden wir fündig: vier jeweils 10 m lange Regale mit 5-6 übereinander geordneten Regalmeter stehen da voller Trinkflaschen vor uns, queerbeet, ungeordnet und unsortiert, und so müssen wir etwa eine halbe Stunde damit zubringen, die Regale zu durchforsten, Titus die Flaschen probehalber auf- und zudrehen zu lassen und die Preise herauszufinden.

Ich bin fix und fertig, will nur noch raus, und mit unserer mickrigen Ausbeute verlassen wir diese Shopping-Hölle. In der Geschichte dieses Kaufhauses hat bisher noch kein Kunde das Geschäft mit nur einem gekauften Artikel verlassen, fürchte ich. Beim Hinausgehen entdecken wir dann auch ganz klein und unscheinbar über dem einzigen Aufzug eine klitzekleine Übersicht der Abteilungen – für’s nächste Mal sind wir gerüstet!

Übrigens gibt es genau ein Produkt NICHT: nämlich eine Handyhalterung fürs Fahrrad. Der extrem desinteressierte Verkäufer in der Abteilung für Handy-Zubehör (Inder, wie überhaupt alle Angestellten hier), warf mir nur ein „No, Madam, not for bike, only for car – nobody is riding bike in Singapore!“ entgegen.
Draußen ist es heiß und stickig, die Straßenküchen, Obst- und Gemüsestände draußen sind überdeutlich zu riechen, und so steigen wir schnell in den nächsten klimatisierten Bus und fahren rüber nach Novena. Wenigstens einen Punkt auf unserer Einkaufsliste, die leider immer noch recht lang ist, will ich abhaken: in einem kleinen Geschäft für Aquarien-Bedarf, direkt an der vielbefahrenen Thompson Road gelegen, erstehe ich für erstaunliche 2 S$ sogenannte Fischfutter-Depots.
Denn obwohl Norman ja bisher keinen großen Enthusiasmus für Haustiere an den Tag gelegt hat, kümmert er sich sehr aufopferungsvoll um Noko-Fisch und ist sehr besorgt, wie das Tier wohl unsere 3tägige Abwesenheit nächste Woche übersteht. Stundenlang hat er deshalb abends recherchiert und mich angewiesen, doch so ein Futter-Ding zu besorgen. Normalerweise hätte ich ja gesagt: klar, bestelle ich online, aber zum einen hab ich immer noch kein Bankkonto, zum anderen ziehen wir ja erst nächste Woche um, und da ist das mit der Lieferung einfach ein bisschen heikel. Aber es geht tatsächlich auch auf die „altmodische“ Tour.
Titus wird so langsam quengelig, der Mittagshunger naht, und ich locke ihn mit dem Versprechen, heute essen zu gehen, wieder in den Bus und ins nächste Einkaufszentrum. Hier, in der United Square Mall, gibt es nicht nur den leckeren vegetarischen Essensstand, von dem ich letzte Woche bereits berichtet habe, sondern im Stockwerk darüber auch einen Kinderfriseur. Denn Titus hat schon wieder einen klatschnassen Kopf und ihm rinnen die Schweißtropfen ins Gesicht; da muss dringend ein sommerlicherer Haarschnitt her.
Also darf er im quietschebunten Salon auf dem Kinderstuhl Platz nehmen, auf dem Tablet vor ihm läuft „Tom &  Jerry“, was ihn aber nur so mäßig interessiert, und die Friseurin rasiert und schneidet die folgenden 40 Minuten (!) mit Hingabe an seinem Schopf herum. 


Dass man überhaupt an einem Kinderkopf so lange herumschnippeln kann, war mir im Vorfeld gar nicht bewusst. Mein Magen knurrt, Titus ist auch zunehmend ungeduldig, wird aber mit vielen kleinen, sinnlosen Geschenken bei Laune gehalten und verlässt den Friseur mit mehreren Bögen voller Sticker.
Nun ist aber wirklich Essenszeit, es ist schon fast 14 Uhr, und so verputzen wir recht unelegant wieder große Portionen Gemüse und Reis und Suppe und frische Zitronenlimo. Weil Titus so dermaßen hungrig ist, probiert er heute sogar Sellerie und ehe ich mich versehe, ist der Teller leer. 
Ganz selbstveständlich marschiert der Junior nach dem Essen auf die Toilette, er geht inzwischen fest davon aus, dass es immer ein Kinder-Klo, ein Kinder-Urinal und auch ein Kinder-Waschbecken gibt (sowohl auf der Damen- als auch auf der Herrentoilette!) und kann deshalb „alles alleine“. Gut fürs Selbstbewusstsein!
Ich darf danach mir noch einen Eiskaffee holen, er besteht auf eine Rosinensemmel zum Nachtisch (so einen Stoffwechsel hätte ich auch gerne) und wir verbringen den Rest des Nachmittags auf dem nahe gelegenen Spielplatz. Über uns ziehen beständig dicke Gewitterwolken vorbei, doch es bleibt trocken und ist dank einem netten Windchen auch nicht mehr ganz so drückend.
Nur mit der Aussicht auf einen abendlichen Pool-Besuch kann ich endlich die Heimfahrt schmackhaft machen, und heute kommt Norman auch fast pünktlich zum Abendessen, so dass ich noch eine Runde aufs Laufband steigen kann, während Titus ihm von unseren Abenteuern erzählt.

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