Alles auf uns zukommen lassen

Alles auf uns zukommen lassen

Schön ist es – vor allem nach dem Stress und Termindruck der letzten Wochen – einfach so ein wenig in den Tag hineinzuleben. Einfach die Zeit dahinplätschern zu lassen ist zwar eigentlich ganz gegen mein normales „Aktivitätslevel“, macht aber tatsächlich Spaß.
Dieser Gedanke kam mir heute, als ich mit Titus per Bus ziemlich viel durch die Stadt gefahren bin, und es dabei nie darauf ankam, ob ein Bus pünktlich kommt oder ob wir lieber noch fünf Minuten auf den nächsten warten, weil es sich gerade an der Haltestelle so nett sitzt.
Unseren einzigen fixen Termin des Tages, die Besichtigung des Eton Pre-School Kindergarten, habe ich extra so gelegt, dass wir morgens ausgiebig Zeit hatten, zu spielen und zu frühstücken und bequem gegen 10 Uhr aufbrechen konnten. Dieser Kindergarten befindet sich genau eine große, 6spurige Straße gegenüber von unserem neuen Zuhause – über die Newton Road führt aber zum Glück genau an der richtigen Stelle eine Fußgängerbrücke, wie praktisch.
Die Einrichtung ist tatsächlich sehr schön, relativ klein und familiär gehalten, und Titus wird sofort nach Betreten des Büros der Leiterin mit einer Kiste Duplo-Steine beglückt, so dass wir uns in Ruhe unterhalten können. Bei der anschließenden Führung durch die Gruppenräume baut sich ein kleines chinesisches Mädchen vor uns auf und will Titus direkt zum Spielen mitnehmen, der spielt aber den Schüchternen… Der Garten ist hübsch, wenn auch eben direkt an der großen Straße gelegen. Im Kindergarten wird nur Englisch gesprochen, außerdem gibt es jeden Nachmittag Unterricht in Mandarin, aber mir wird versichert, dass die Kinder aus insgesamt 25 Nationen nie Verständigungsprobleme miteinander haben.
Insgesamt gefällt es mir aber wirklich gut dort, die Lage ist halt unübertroffen gut und kommt fast an unseren bisherigen kurzen Weg zur Kita ran, und tatsächlich kostet die Ganztagsbetreuung auch ein paar Tausend Dollar weniger im Jahr als der deutsch-englische Kindergarten. Platz habe man sofort für uns. Titus verkündet zwar, dass ihm eigentlich keiner der beiden Kindergärten so recht gefallen habe und er lieber noch ein paar mehr besichtigen möchte, aber ich glaube, da müssen wir noch ein bisschen gut zureden.
Nachdem „Pflichtprogramm“ geht es dann erst einmal per Bus ins Einkaufszentrum City Square, mitten in Little India gelegen. Das Stadtviertel heißt wegen der überwiegend indischen Bevölkerung so, es reiht sich ein indisches Restaurant an das andere, ein großer Hindu-Tempel liegt mittendrin, aber auch hier wird natürlich geshoppt.

Wir stärken uns mit Rosinenbrötchen (Titus, der sich sehr darüber amüsiert, dass die Teilchen „raisin pillows“, also „Rosinenkissen“, heißen) und mit Kopi C (heißem Kaffee mit Milch), bevor wir die große Decathlon-Filiale stürmen und für das Kind dringend benötigte neue Schuhe erstehen. Praktischerweise ist gleich gegenüber eine umso größere UNIQLO-Niederlassung, und auch dort werden wir sowohl für Norman als auch für Titus und mich fündig. Draußen vor der Mall ist ein großer Spielplatz, und da wir wie schon beschrieben völlig vogelfrei sind heute, bleibt auch dafür mehr als genug Zeit.
Nach wie vor ist es sehr bewölkt draußen, immer wieder regnet es, und die Luft ist fast angenehm kühl – naja, es hat halt „nur“ 28 Grad, doch sobald die Sonne auch nur ein bisschen rausspitzelt, wird es sofort abartig heiß.
Für die Heimfahrt wählen wir wieder den Bus, da sieht man einfach mehr als in der U-Bahn, und trotz zweimaligem Umsteigen schaffen wir es problemlos (dank Dauernutzung von Online-Stadtplänen und -Fahrauskünften natürlich) recht schnell nach Hause.
Auffallend viele Kinder und auch Erwachsene sind heute in rote Shirts gekleidet, alle schon in Vorbereitung auf den morgigen Nationalfeiertag. Die ganze Stadt ist geschmückt und immer noch donnern die Flieger am Himmel vorüber. Wahrscheinlich haben aber trotz Feiertag alle Geschäfte ganz normal geöffnet!
Wie immer ist nachmittags Pool-Time, Titus schwimmt begeistert mit seiner neu erstandenen Schwimmnudel und nach einem Telefonat mit der Familie zuhause stelle ich fest, dass der Kühlschrank mal wieder leer ist und wir dringend noch zum Supermarkt müssen.


Leider ist es für Titus wirklich schwierig, sich darauf einzustellen, dass wir zwar momentan schon in Singapur wohnen, aber dennoch nicht über unsere gewohnten Alltagsgegenstände verfügen können. So will er heute z.B. unbedingt noch einen Kuchen backen, doch im Apartment gibts weder Rührgerät noch Backformen oder eine Küchenwaage, und ich muss ihn auf September vertrösten. Seine Standardfrage dann ist immer: „Sind die Sachen noch auf dem Schiff?“
Auch spricht er gerade heute viel davon, dass wir in Singapur ja einfach nur seeeehr lange Urlaub machen und danach bald wieder nach München zurückfliegen und er dann wieder mit seinen Kitafreunden weiterspielen kann. Das sind die Momente, in denen ich mich dann schon kurz frage, ob der kleine Mensch den Umzug und das komplett neue Umfeld gut wegstecken wird…
Aber als wir mit unserem Einkaufszettel durch den Supermarkt düsen, ist die Laune schon wieder bestens und Titus freut sich sehr, dass Norman pünktlich zum Abendessen nach Hause kommt und noch Zeit zum Spielen hat.
Beim Ins-Bett-Bringen werde ich dann wie jeden Abend nach den Plänen für die kommenden Tage gefragt („Mama, erzähl mir vom Tag, was machen wir morgen und am Samstag und am Montag?“), und ich muss tatsächlich antworten: „Keine Ahnung, das lassen wir auf uns zukommen.“

2 Replies to “Alles auf uns zukommen lassen”

  1. Oh, der kleine Titus wächst mir so sehr ins Herz, viel mehr als in der Heimat München, aber ich erlebe ihn ja auch " hautnah " durch deinen wunderschönen Blog, liebe Nadine.
    Habe alles schon mehrmals gelesen und freue mich total auf die Fortsetzung, wie beim Roman in der Zeitung ein bisschen!
    Lebt euch gut ein und ich drücke die Daumen für den Umzug in die schöne Wohnung und einen guten Kindergartenplatz.
    Ja, der Titus wird mal deutsch, bayrisch., englisch, Mandarin und wer weiß was noch sprechen!
    Gute Zeit , das Leben ist schön!!!
    Love
    Gaby

    1. Hi Gaby, dem kann ich mich nur voll anschliessen! Bayrisch ist ja noch OK, aber hauptsache kein Schwäbisch…
      Das Leben ist ganz wunderbar, Pierre
      @Dietls: Wenn wir uns das nächste mal sehen bitte nicht hauen 🙂

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